„Gerüchte zur Frauenkontrolle“

ein Gespräch mit Susanne Fischer

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Eine WG im Irak, geht das so einfach?

Einfach ist im Irak überhaupt nichts. Unsere WG aber war extrem ungewöhnlich: fünf erwachsene, berufstätige Frauen allein unter einem Dach! Normalerweise gibt es immer einen männlichen Verwandten, der aufpasst. Als dann später zwei Kurden zu uns ins Haus zogen, dachten wir erst: Das gibt Probleme, weil nicht verwandte, unverheiratete Männer und Frauen eigentlich nicht zusammenwohnen. Trotzdem hatten wir das Gefühl, dass die Nachbarn uns nun weniger skeptisch beäugten. Eine Frau, die unter der Aufsicht eines Mannes steht, ist eben besser unter Kontrolle.

Gab es Momente, in denen Sie dachten, ich will hier weg?

O ja, die gab es mehrfach (lacht). Da gab’s zum Beispiel eine harmlose Party zur Hauseinweihung. Ein paar Tage später erhielten wir einen Anruf von unserer Zentrale in London: Es hätte Beschwerden gegeben. Kurioserweise nicht von den Nachbarn, sondern von der regierenden Partei, der PUK. Es wurde uns vorgeworfen, wir hätten halb nackt auf dem Balkon getanzt und die einheimischen Mitarbeiter im Gebrauch von Vibratoren unterwiesen. Natürlich stimmte nichts davon. Das Gerücht ist eine mächtige Waffe zur Kontrolle der Frau. Vielleicht hat manchen nicht gepasst, dass wir Journalisten dazu ermutigen, Politiker kritisch zu hinterfragen, so dass man versucht hat, unsere Arbeit unglaubwürdig zu machen.

Wie kam es, dass einer Ihrer Mitbewohner vorzeitig ausgezogen ist?

Wir haben uns überworfen, als der Karikaturenstreit in Europa ausbrach. Mein Mitbewohner meinte, die dänische Regierung müsse sich für die Zeitung, die die Karikaturen gedruckt hat, entschuldigen. Ich widersprach, und daraus hat sich binnen kürzester Zeit ein heftiger Streit entwickelt, der in dem Augenblick nicht beizulegen war. Am nächsten Tag ist er ausgezogen. Ich glaube, es ging gar nicht in erster Linie um verletzte religiöse Gefühle, bei ihm hatte sich insgesamt viel Wut auf den Westen angestaut. Er war zunächst sehr für den Einmarsch der Amerikaner, dann aber vom Lauf der Ereignissen im Irak sehr enttäuscht. Der Karikaturenstreit war für ihn ein weiteres Indiz dafür, dass der Westen die islamische Welt ständig mit Füßen tritt.

Während Ihrer Zeit in Kurdistan haben Sie sich in einen Kurden verliebt, der zuvor in Europa gelebt hatte. Wie wurde diese Beziehung von der Gesellschaft dort aufgenommen?

Ich bin mir bis heute nicht sicher, inwieweit die Leute das wirklich als Beziehung gesehen haben. Es wurde einfach so getan, als sei es das Normalste der Welt. Ich denke, das hat damit zu tun, dass man mir als Ausländerin andere Regeln zubilligt als einer Einheimischen. 

Das Interview führte Nicole Graaf



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