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„Wir sind mitten im Informationskrieg“

Manipulierte Bilder, Cyberangriffe und virale Fake News: In Taiwan ist digitale Desinformation alltäglich. Was dagegen getan wird, erklärt Ho Hui-An vom Taiwan FactCheck Center

Ein Soldat in chinesischer Uniform schaut durch ein Fernglas. Im Hintergrund ist ein großes Schiff zu sehen, außerdem Berge.

Als Fake identifiziert: Auf diesem Bild beobachtet augenscheinlich ein chinesischer Soldat eine taiwanische Fregatte vor der Küste von Taiwan.

Frau Ho, Sie arbeiten für das Taiwan FactCheck Center. Worin genau besteht Ihre Tätigkeit?

Wir überprüfen den Wahrheitsgehalt von digitalen Inhalten und tendenziöser Berichterstattung, checken aber auch Bilder, die viral gehen. In Taiwan haben wir in den letzten Jahren eine massive Zunahme von Fake News zu verzeichnen. Und wenn sich diese Inhalte unwidersprochen verbreiten, dann können sie enormen Schaden anrichten.

Die taiwanische Digitalministerin Audrey Tang sagte kürzlich in einem Interview mit der BBC, dass Taiwan täglich Millionen von Cyberangriffen ausgesetzt ist. Warum spielen digitale Angriffe in Taiwan eine besonders große Rolle?

Ja, wir sind mitten in einem Informationskrieg. Neben Hacking und Cyberangriffen werden unsere sozialen Medien außerdem mit manipulierten Nachrichten und Bildern geflutet. Desinformation ist zwar weltweit eine Gefahr, aber in Taiwan ist die Situation wegen seiner schwierigen Beziehung zu China eine ganz besondere.

Wir konnten nachverfolgen, dass ein Großteil der Desinformation von chinesischen Akteuren verbreitet wird. Dahinter steckt meistens die Absicht, die Gesellschaft zu spalten und mit Falschinformationen Misstrauen gegenüber der taiwanischen Regierung zu schüren.

Welche Falschinformationen verbreiten sich besonders stark?

Nach Wahlen tauchen vermeintliche Beweise für Wahlbetrug auf. Und während der Covid-19-Pande- mie zirkulierten Nachrichten darüber, dass die Regierung die wahren Ursachen der Pandemie verschleiern würde.

Oft zielen Fake News auf Minderheiten ab zum Beispiel auf die LGBTIQ-Community. Vor allem aber beobachten wir jedes Mal eine richtige Welle an Falschinformationen, wenn gerade Ereignisse von globaler Bedeutung Schlagzeilen machen.

„Unsere sozialen Medien werden mit manipulierten Nachrichten geflutet.“

Zum Beispiel?

Letztes Jahr gab es die erste große Welle an Desinformation nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Plötzlich tauchten massenhaft Bilder auf, die angeblich aktuelle Kriegsschauplätze zeigten, aber eigentlich aus völlig anderen Kontexten stammten.

Die zweite Welle erfolgte Anfang August, als Nancy Pelosi Taiwan besuchte. Durch zahlreiche Falschmeldungen wurde das Gerücht verbreitet, die taiwanische Regierung hätte Millionen von US-Dollar gezahlt, damit Pelosi nach Taiwan kommt. Als Reaktion auf Pelosis Besuch organisierte China massive Militärübungen.

Auch hierzu gab es viele Fake News und gefälschte Aufnahmen von Raketen, die über den Himmel von Taipeh fliegen. Und die dritte Welle fand während der letzten Kommunalwahlen statt. Dabei wurde insbesondere das Video von einer Pressekonferenz des Weißen Hauses sehr stark verbreitet.

Doch die Untertitelung hatte überhaupt nichts mit dem ursprünglichen Inhalt zu tun – darin hieß es, die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-wen werde „in die USA fliehen, wenn China Taiwan zurückfordert“.

Wie werden solche Fake News verbreitet?

Meistens über soziale Medien wie Facebook, Weibo oder den Messengerdienst Line. Früher konnten wir bei vielen Falschnachrichten relativ leicht chinesische Absender ausmachen, weil die Nachrichten im einfachen chinesischen Alphabet verfasst waren, während wir in Taiwan die komplexere Umschrift benutzen.

Manchmal können wir bestimmte Informationen zu chinesischen sozialen Netzwerken zurückverfolgen. Mittlerweile ist es allerdings schwieriger herauszufinden, welche Akteure jeweils für eine Falschinformation verantwortlich sind. Manchmal handelt es sich auch gar nicht um tatsächliche Desinformation, sondern um Misinformation, also dass eine Nachricht etwa auf unnatürliche Weise durch Bot-Accounts verstärkt wird.

Dann sieht es so aus, als würden sich unglaublich viele Menschen über ein bestimmtes Thema aufregen, das in Wirklichkeit völlig irrelevant ist.

„Internationale Medien achten mittlerweile sehr genau auf von russischen Medien veröffentlichte Bilder und überprüfen sie, bevor sie sie weiterverwenden.“

Haben Sie eine Lieblings-Fake-Nachricht?

Während des chinesischen Manövers wurde ein Bild der Nachrichtenagentur Xinhua weltweit verbreitet: Es zeigt einen chinesischen Soldaten mit Fernglas, im Hintergrund sind die taiwanische Fregatte Lan Yang und das taiwanische Kraftwerk in Hualien zu sehen.

Auf dem Bild sieht es so aus, als ob sich der Soldat direkt vor der taiwanischen Küste befindet. Das Bild wurde von verschiedenen internationalen Medien wie der ”New York Times“ und der „Deutschen Welle“ genutzt. Es ist aber ein Fake. Ich finde dieses Beispiel sehr wichtig, weil es zeigt, dass die amerikanischen und europäischen Medien gegenüber China immer noch nicht vorsichtig genug sind.

Internationale Medien achten mittlerweile sehr genau auf von russischen Medien veröffentlichte Bilder und überprüfen sie, bevor sie sie weiterverwenden. Bei China ist das aber noch nicht immer der Fall.

Wie entlarvt man eigentlich gefälschte Bilder und andere Fake News?

Bei Fotos überprüfen wir die Auflösung verschiedener Bildstellen und die Kanten der gezeigten Objekte. Beim gerade beschriebenen Bild konnten wir so nachweisen, dass es kein echtes Bild ist. Oft kann man relativ leicht die Geodaten von Fotos herauslesen, um zu ermitteln, ob ein Bild tatsächlich am vermeintlichen Ort aufgenommen wurde.

Auch mit einer einfachen Umkehrsuche auf Google lässt sich klären, wann ein Bild zum ersten Mal hochgeladen wurde, und damit beweisen, dass es beispielsweise gar nicht ein bestimmtes aktuelles Ereignis zeigen kann. In komplizierteren Fällen befragen wir Expertinnen oder Wissenschaftler.

Wenn wir eine Falschnachricht entlarven konnten, veröffentlichen wir den gesamten Faktencheck und versuchen damit so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Alle Faktenchecks werden in einer Datenbank gesammelt, auf die unsere Chatbots zugreifen.

Chatbots?

Wir und andere Faktencheckorganisationen in Taiwan haben verschiedene Faktencheck-Bots entwickelt. Ein sehr beliebter Chatbot heißt „Auntie Meiyu“. Wenn man beispielsweise eine Familien-Chatgruppe in einem Messengerdienst hat, kann man den Chatbot zu dieser Gruppe hinzufügen.

Und sobald jemand eine Fehlinformation schreibt, etwa „Essig schützt vor Corona“, antwortet Auntie Meiyu darauf und belegt, warum das falsch ist. Aber trotz Chatbots kommen wir Faktencheck- Organisationen einfach nicht hinterher, so schnell, wie sich Fehlinformationen verbreiten.

Darum bieten wir Schulungen im Bereich Medienkompetenz an. Egal, ob Teenager oder Seniorin: Es ist wichtig, dass alle kritisch hinterfragen, was sie lesen, und falsche Informationen nicht einfach weiterverbreiten.

Das Interview führte Gundula Haage