„Uganda produziert 2,4 Milliarden Liter Milch im Jahr“

ein Interview mit Paul Ssuna

Jäger und Gejagte (Ausgabe II/2021)

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Paul Ssuna (rechts) bildet im Programm VETS UNITED der Welttierschutzorganisation junge Tierärzte im Tierschutz aus. Foto: Welttierschutzorganisation


Herr Ssuna, Sie arbeiten für Vets United, ein Programm der Welttierschutzgesellschaft in Uganda. Was machen Sie genau?

Unser Hauptziel ist es, Studierenden der Fächer Veterinärmedizin, Nutztierwissenschaften und Wildlife Health Management mehr über Tierschutz zu vermitteln. Wir zeigen Universitäten, wie Vorlesungen zu dem Thema abgehalten werden können und wie die Studierenden das, was sie gelernt haben, in der Praxis anwenden können. 

Gut ausgebildete Tierärzte werden in Uganda dringend gebraucht, denn die Nutztierhaltung nimmt stark zu. Wie kam es dazu?

Die Landwirtschaft war schon immer das Rückgrat vieler Volkswirtschaften Afrikas. Nutztierhaltung macht über siebzig Prozent der landwirtschaftlichen Produktion aus und ist die Haupteinkommensquelle für die meisten Gemeinden. Die Regierung investierte zunehmend in landwirtschaftliche Technologien und erkannten das Potenzial der afrikanischen Landwirtschaft. Außerdem ernähren sich mehr als 300 Millionen Menschen von tierischen Produkten. Vor 2016 produzierte Uganda eine halbe Milliarde Liter Milch. 2016 waren es 1,6 Milliarden und heute sind es schließlich 2,4 Milliarden. 

Welche Probleme verursacht diese Steigerung?

Je mehr sich die Bauern darauf konzentrieren, was sie vom Tier bekommen können, desto mehr vernachlässigen sie die Bedürfnisse des Tieres. Wer vorher fünf Kühe auf 2.500 Quadratmetern gehalten hat, will nun auf der gleichen Fläche hundert halten. Bauern gaben ihren Hühnern in Freilandhaltung früher viel Raum und ernährten sie ausgewogen. Weil aber das Interesse steigt, von einem Tier zu profitieren, werden mehr Käfige zur Hühnerhaltung verwendet. Diese beeinträchtigen die Gesundheit und das Wohlergehen der Tiere.

Insbesondere die jüngere Generation interessiert sich in Uganda für Landwirtschaft. Warum?

Achtzig Prozent aller Bürger Ugandas sind Kleinbauern und halten ihre Tiere auf ihren Grundstücken. Normalerweise kümmern sich alle, vor allem die Kinder und jungen Erwachsenen, die noch zu Hause wohnen, um die Tiere. Die Kinder wachsen mit ihnen auf und lernen, wie die Arbeit eines Bauern funktioniert. Wenn sie älter sind, beantragen viele von ihnen Kredite und werden selbst Kleinbauern. 

Sie sind 28 Jahre alt. Wie hat sich Ihr Interesse für den Tierschutz entwickelt?

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die Tiere zu Hause hielt, zwei Kühe und eine Ziege. Ich habe mich in meiner Kindheit um sie gekümmert. Außerdem hatte ich einen Onkel, der Tierarzt war. Ich bin mit ihm zu den Bauernhöfen gegangen, wenn er gerufen wurde, und lernte, wie man Tiere versorgt. Daraus entwickelte sich ein Interesse am Tierschutz. Später ging ich an die Universität und studierte Veterinärmedizin. Dort kam ich in Kontakt mit der Universities Federation for Animal Welfare (UFAW). Wir fuhren in die Gemeinden und impften die Tiere auf Kosten der UFAW. Außerdem gründeten wir einen Studentenklub, in dem ich anderen Studenten ebenfalls den Tierschutz näherbrachte. 

Würden Sie sagen, dass die Jüngeren dem Thema Tierschutz offener gegenüberstehen?

Ja, zweifellos. Ich habe viele Bekannte im ugandischen Landwirtschaftsministerium, die sehr aufgeschlossen sind, wenn wir mit ihnen über Richtlinien und Reformen reden. Das Interesse daran, dass die Bedürfnisse der Tiere berücksichtigt werden, wächst stetig. In den nächsten Jahren werden wahrscheinlich noch mehr Menschen dieses Interesse teilen, weil NGOs an Schulen und Universitäten Bildungsprogramme zum Thema Tierschutz durchführen.

Sie wünschen sich nachhaltiges Wachstum für die afrikanische Landwirtschaft. Wie lässt sich das umsetzen?

Als Erstes brauchen wir wissenschaftliche Beweise. Wenn ich Leuten sage, dass Tiere leiden, klingt das wie ein offizieller Werbespot. Aber wenn wir dazu forschen würden und Beweise hätten, könnten wir die Regierung und andere Beteiligte davon überzeugen, Reformen zu implementieren. Zweitens brauchen wir auf institutioneller Ebene Richtlinien, wie Tiere vom Hof bis auf den Teller zu behandeln sind, sowie rechtliche Mittel, um diese geltend zu machen. Und drittens müssen Bauern ihre traditionellen Techniken überdenken und ihre Haltung gegenüber dem Tierschutz ändern. 

Was für Veränderungen sind das, und wie bringen Sie Bauern dazu, mitzumachen? 

Was ich machen kann, ist auf die Bauern zuzugehen und sie an dem Prozess zu beteiligen. Natürlich macht ein Bauer nichts, wenn ich einmal zu ihm gehe und ihm sage, er soll seine Scheune regelmäßig putzen. Wenn ich aber mit ihm arbeite, mit ihm esse, ihm zeige, was er anders machen kann, dann greift er auf, was ich sage. Diese Herangehensweise ist in den meisten Fällen erfolgreich. Es gibt aber immer noch andere Faktoren, die eine Rolle spielen, etwa das soziale Umfeld der Bauern, ihre Traditionen, und die Gruppendynamik in den Gemeinden. 

Könnten Sie uns ein Beispiel nennen, inwieweit das eine Rolle spielt?

Im Westen von Uganda gewähren die meisten Bauern, die Kühe halten, den Kälbern keinen Zugang zur Mutterkuh. Ich kenne einen Bauern dort, der es auch genauso macht. Ich sagte ihm, dass das Kalb gesünder sei, wenn es Zeit mit seiner Mutter verbringe, stellte aber fest, dass er an der Trennung festhielt, weil die benachbarten Bauern es alle so machten. Wenn man diese Bauern bittet, das zu ändern, sagen sie: „Nicht, bevor es meine Nachbarn auch tun“, oder: „Meine Großeltern haben es so gemacht, und wir haben schon immer Tiere gehalten. Warum sollte ich es anders machen?“ 

Sie haben kürzlich Ihr Masterstudium in Schottland abgeschlossen. Was halten Sie vom Tierschutz in Europa?

Ich sehe Europa als gutes Vorbild in Sachen Tierschutz an. Wir sollten eine Reihe von europäischen Tierschutzinitiativen als Maßstab verwenden und in Uganda eigene Initiativen gründen. Wir können aber nicht einfach europäische Initiativen kopieren, weil der Kontext ein völlig anderer ist. Europa hat mit dem Tierschutz begonnen, nachdem es die Massentierhaltung bereits gab, bei uns fängt beides gerade erst an. 

Hat die Corona-Pandemie das Leben der Bauern beeinflusst?

Auf dem Höhepunkt der Pandemie hatten wir einen Lockdown, bei dem aber einige Bereiche ausgenommen waren, unter anderem die Landwirtschaft. Die Leute konnten also zu ihren Höfen, konnten ihre Äcker bestellen und sich um ihre Tiere kümmern. So war auch gewährleistet, dass es genügend Nahrung für die Menschen gab. Die ist nicht nur wichtig für uns, sondern auch für unsere Nachbarn. Denn die Demokratische Republik Kongo und Ruanda sind auf Lebensmittelexporte aus Uganda angewiesen.

Das Interview führten Justus Tamm und Leonie Düngefeld



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