Das große Schweigen

Sergey Lebedew

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Im Zimmer meiner Großmutter gab es eine Art Ikonenwand aus Fotografien. Sechs Reihen großer und kleiner Rahmen, manche alt und geschnitzt, andere neu und etwas schlichter; einige Dutzend Männer und Frauen in ziviler Kleidung und in Uniformen. Nie sprach meine Großmutter darüber, wer auf den Fotos abgebildet war. Aber ich bedrängte sie nicht mit Fragen und nahm ihr Schweigen als eine Lebensregel.

Damals, Ende der 1980er-Jahre, wurde in den Ladenregalen vor allem Leere angeboten und viele Waren verwandelten sich in einen permanent fühlbaren Mangel. Dasselbe ließ sich auch über die Familienerinnerungen sagen. Über die mythologisierten Helden des Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs wusste ich (aus Kinderbüchern und Filmen) viel mehr, als über meine eigenen Vorfahren.

Als ich vor einigen Jahren mit einigen Altersgenossen sprach, die der letzten sowjetischen Generation angehören, entdeckte ich, dass dies in vielen Familien so war. Die familiäre Vergangenheit schien unscharf, sie war eher eine Vermutung, als dass sie tatsächlich existierte. Und das fand niemand verwunderlich – die Macht der Gewohnheit.

Die UdSSR stellte unter den totalitären Regimen der neuen Zeit hinsichtlich ihrer Langlebigkeit den absoluten Rekord auf: Sie existierte fast drei Viertel des 20. Jahrhunderts, mehr als die mittlere Lebenserwartung der Menschen in der UdSSR. Das familiäre Milieu, in das wir Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre hineingeboren wurden, folgte den Gesetzen des Überlebens, die sich in viel grausameren Zeiten herausgebildet hatten.

Ein Kind geht immer von der Gewissenhaftigkeit der Erwachsenen aus: Sie können irren oder etwas nicht wissen, aber dabei handelt es sich um gutartige Irrtümer, ein gutartiges Nichtwissen. Aber uns kam als Kinder nicht in den Sinn, dass es eine Vielzahl von Dingen gab, die aus der Sphäre des Diskutierbaren verbannt worden waren, dass es eine Sprache gab, in der geschwiegen wurde.

Den Kindern der 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahre gab das Leben selbst die Möglichkeit, zum Beispiel auf einen ehemaligen Häftling zu treffen, der in sein Haus in der Nachbarschaft zurückkehrte. Selbst wenn er vielleicht nichts erzählte, konnte man allein aufgrund der Tatsache dieser seltsamen Rückkehr aus einem scheinbaren Nichts seine Schlüsse ziehen oder sich zumindest Fragen stellen.

Das Schweigen der 1930er- und 1940er-Jahre ließ sich immerhin mit dem allgemeinen Maulkorb erklären. Ende der 1970er-Jahre war er verschwunden, aber es blieb ein Mittelding zwischen der Gewöhnung an diesen Maulkorb und der Einbildung seines Vorhandenseins. Das vormalige Schweigen glich trocknendem Zement oder frisch aufgeworfener Erde auf einem Grab, es sprach für sich selbst.

Das Schweigen Ende der 1970er-Jahre lässt sich am ehesten mit einer antrainierten Gewohnheit vergleichen, die bereits eine persönliche Färbung angenommen hat, wodurch sie sich tarnen und so wirken kann, als gehöre sie originär zum Menschen. Schweigen wird zur Schweigsamkeit, ein Phänomen zum Wesensmerkmal, und selbst wenn man sich ihrer bewusst wird, bringt man sie keinesfalls in Zusammenhang mit den tatsächlichen Gründen ihrer Entstehung, die einem unbekannt sind.

Wir waren jene letzte Generation der UdSSR, die nichts mehr selbst herausfinden und historisches Wissen nicht aus dem Leben selbst ziehen konnte – das Leben war bereits zu gut verpackt und für eine Rezeption künstlich hergerichtet. Die sowjetische Kultur hatte einige Jahrzehnte daran gearbeitet, um dieses Produkt hervorzubringen – die Geschichte der UdSSR. Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre war das Produkt nun endgültig fertiggestellt und ironischerweise ging kurz danach die Geschichte der Sowjetunion real zu Ende.

Aber warum war die Mauer des Schweigens so undurchdringlich? Warum wirkte die eigene Familiengeschichte in Bezug auf die Gegenwart so fremd? Besonders oft stellten sich mir diese Fragen, wenn ich an meinen Großvater mütterlicherseits dachte. Erst als ich nach dem Tod meiner Großmutter ihre Dokumente durchsah, erfuhr ich, dass er aus einer Bauernfamilie stammte, im Krieg als Offizier gedient und sich im Kampf um Stalingrad hervorgetan hatte – kurz, dass er der ideale Sowjetheld ohne Schandflecken auf seiner Biografie gewesen war, ein Vorzeigebeispiel für nachfolgende Generationen. Auch über ihn war faktisch nicht gesprochen worden, aber warum hatte man mir nicht von ihm erzählen wollen?

Dann wurde mir alles klar. Die Antwort lag auf der Hand. Selbst über meinen positiven kommunistischen Großvater sprach man nicht, denn sonst wären neue Fragen nach ihren anderen Männern gekommen, denn sie hatte mehrere: Wer waren sie? Was haben sie gemacht? Dann wäre herausgekommen, dass einer von ihnen Adliger und Offizier der Zarenarmee gewesen war und der andere beim NKWD gedient hatte und sie ihren dritten Mann des Hauses verwies, da sie fürchtete, er könne ihren eigenen Vater politisch kompromittieren. Wie in einem Gangsterfilm müssen immer alle Zeugen beseitigt werden.

Die familiäre Vergangenheit war voller Stigmata, Traumatisierungen, von moralisch zweifelhaftem oder gar unmoralischem Handeln, und so schien es einfacher, die Tür zur ihr gänzlich zu verschließen und den Schlüssel wegzuwerfen, als ihre Verstrickungen mühevoll zu entwirren.

Überdies konnte sich 1989 oder 1990 niemand vorstellen, dass die UdSSR bald untergehen würde. Ja, „Perestroika“ und „Glasnost“ waren ausgerufen worden, ja, es gab die Dissidentenbewegung – aber mir scheint, die Masse verharrte damals immer noch in der Trägheit vergangener Jahrzehnte. Man hatte uns unmerklich an das sowjetische Leben gewöhnt, das immer trüber und ärmlicher wurde, aber ewig schien. In diesem Leben war das Wissen um die Vergangenheit – aus Sicht der Älteren – eine beschwerliche Last.

Viele aus meiner Generation kamen erst mit ihrer Familiengeschichte in Berührung, als deren Zeugen bereits gestorben waren – unsere Großeltern, jene, die das 20. Jahrhundert am eigenen Leib erfahren hatten. Sie fanden den Kontakt über Dokumente, Archivakten oder die fragmentarischen Erzählungen ihrer Eltern.

So manche Verbindung stellte sich überhaupt nicht mehr her. Die Erwachsenen hatten kein unbefangenes Verhältnis zur Vergangenheit gehabt, deswegen konnte bei ihren Kindern keine lebendige Beziehung zu ihr entstehen. Lebendig meint, dass diese Beziehung nicht mit ideologischen Symbolen verknüpft ist oder dem offiziellen Narrativ folgt, sondern sich die Familiengeschichte mit der großen Historie verbindet.

Doch in den 1990er-Jahren war der Blick unverwandt auf die Zukunft gerichtet – sie war ungewiss und besorgniserregend, für viele sogar bedrohlich, sie brachte ungekannte Ängste mit sich. Gestern noch schien das Sprechen über die Vergangenheit verfrüht und nun war es bereits zu spät.

Ich glaube, dass die UdSSR nicht nur aufgrund der politischen Erosion zerfiel, sondern auch unter dem Gewicht der Symbollast zusammenbrach, die keine Aufgabe mehr erfüllte und zur Bürde im Bewusstsein des Einzelnen wie der Gemeinschaft wurde. Die Vitalität ideologischer Symbole hatte sich als Quelle psychischer Kraft erschöpft und in ihr Gegenteil verkehrt, in einen Zynismus, der als Rattenschwanz auf die drückende Ernsthaftigkeit des Symbolischen folgte.

Doch für die neuen, postsowjetischen Generationen, die die UdSSR lediglich im Kindheitsalter erlebt haben und sie nicht im Geringsten kennen, ist das ideologische Erbe der UdSSR wieder aktuell – als Sinnbild für das „goldene Zeitalter“ des Imperiums, als Ausdruck der Stärke, der ersehnten historischen Bedeutung, der grandiosen Siege und Taten.

Die „Unschärfe“ der Vergangenheit, der verhinderte Generationendialog auf nationaler und kultureller Ebene sowie das zwar nicht hundertprozentige, aber deutlich spürbare Fehlen eines vollwertigen Pools von Familiengeschichten, die keiner Selbstzensur unterzogen wurden, spielen hierbei eine tragische Rolle.

Für die junge Generation ist es offenbar einfacher, sich ihre Vorfahren zu „konstruieren“, sie in den Traditionen des sowjetischen biografischen Kanons zu „imaginieren“, als auf eigenes Risiko eine Reise in die Tiefen ihrer Familiengeschichte zu unternehmen.

Das lässt sich an den sozialen Netzwerken ablesen. Schon einige Jahre beobachte ich, dass es immer mehr Texte und Kommentare „für die UdSSR“ gibt, in denen Jugendliche das Leben ihrer Großeltern (oder bereits Urgroßeltern) in jenem idealisierenden Stil beschreiben, für den sie an einer sowjetischen Parteischule die Bestnote bekommen hätten.

Aus dem Russischen von Franziska Zwerg



Ähnliche Artikel

Was bleibt?

Was die Schweine einmal wussten

Yan Lianke

Weshalb die chinesische Regierung eine Politik des kollektiven Vergessens betreibt

 

mehr


Russland (Themenschwerpunkt)

„Es wird immer schwieriger, zu protestieren“

Mischa Gabowitsch

Nicht jeder Demonstrant auf Russlands Straßen ist ein Demokrat. Ein Gespräch mit dem Protestforscher Mischa Gabowitsch

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Themenschwerpunkt)

Der Marsch durch die Institutionen

Shin Heisoo

Wie die „Trostfrauen“ um ihr Recht auf Anerkennung und Entschädigung kämpfen
 

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Magazin)

Abgeschottet und fremd

Wilhelm Siemers

Viele Kinder sowjetischer Militärs wurden in Deutschland geboren. Eine Heimat war ihr Geburtsland für die meisten aber nie

mehr


Das Paradies der anderen (Thema: Malediven)

Ein Inselreich im Ozean

von Xavier Romero-Frías

Eine kurze Geschichte der Malediven

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Köpfe)

Lesen macht Freunde

Das bislang einzige Literaturgymnasium Russlands befindet sich in Krasnojarsk, einer großen Metropole in der Mitte Sibiriens. Gegründet hat es Roman Solnzew im ... mehr