Herausforderung Islam

von Johannes Reissner

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Im Getümmel der Meinungen und Meinungskämpfe zwischen dem, was Muslime und Westler von ihrer eigenen und der fremden Kultur halten, kennt sich Stefan Weidner aus. Als Übersetzer aus dem Arabischen und dem Persischen und als Chefherausgeber der Zeitschrift „Fikrun wa Fann“ des Goethe-Instituts ist er einem breiten, an der heutigen islamischen Welt interessierten Publikum gut bekannt. Kulturkampf, so die These seines neuen Buches, sollten wir als etwas Normales akzeptieren.

Um ein wenig zu provozieren, hält der Autor an Samuel Huntingtons umstrittenem Begriff des Kulturkampfes fest – dem „clash of civilizations“ – jedoch meint er etwas anderes. Wollte Huntington die vermeintliche Überlegenheit des Westens gegenüber anderen Kulturen (insbesondere dem Islam) in der Pose moralischer Aufrüstung kämpferisch vor dem Untergang bewahren (“the West against the rest“), so bewegt sich Weidners Argumentation vor dem Hintergrund eines „kulturellen Weltinnenraums“. In diesem fiktiven Raum, den es trotz Globalisierung und Internationalisierung der Medien noch nicht gebe, werde der Wettbewerb der kulturellen Ideen ausgetragen. Fundamentalismus versteht Weidner als „Koprodukt der gemeinsamen Geschichte“ der islamischen und westlichen Welt. Den Kulturkampf konzipiert er als Aspekt der Menschheitsentwicklung, als Teil der Evolution, und gelegentlich fühlt man sich an Niklas Luhmans Diktum erinnert, dass man ja nie weiß, ob es die Evolution gut meint mit unserer Moderne.

Weidners Ansatz schafft Offenheit gegenüber dem in der Regel ziemlich kämpferischen Getümmel von Meinungen über den Islam und uns selbst und den Meinungen vieler Muslime über uns und sich selbst. In seiner oft essayistischen Darstellung verniedlicht der Autor keine der Herausforderungen, die der heute praktizierte Islam in vielen seiner Aspekte einschließlich der fundamentalistischen Gräuel in Tat und Wort für uns darstellt, und er sagt, was ihn an westlich-fundamentalistischer Selbstgerechtigkeit zum Beispiel im Umgang mit der „Aufklärung“ stört.

Weidner bleibt dem Grundsatz treu, dass wir zwar viel von Muslimen und islamischer Kultur wissen können, der Islam aber ebenso wie das eigene „wir“ immer nur Konstruktionen sind. Diejenigen, die ihr eigenes Konstrukt von der Kultur der Anderen zu deren unentrinnbaren Schicksal in der Art „Islam und Aufklärung sind unvereinbar“ stilisieren, nennt der Autor „Determinierer“.

Ihnen stehen die „Indeterminierer“ gegenüber, die den historischen Wandel und die Vielfalt der Erscheinungsformen islamischer Kultur in der Gegenwart im Auge haben. Damit geht der Autor das Problem der „Essentialisierung“ des Islam nach unserem Bilde, die mit Herrschaftsansprüchen verknüpft ist, an, ohne zu leugnen, dass im akuten Meinungskampf ein spezifisches Bild vom Islam und von uns selbst Gegenstand der Auseinandersetzung ist. Weidner bringt das Problem der Textorientiertheit muslimischen Selbstverständnisses und vor allem auch unseres Islambildes einem breiteren Publikum nahe und erteilt Dan Diners herrschaftlicher Abschiebung des Islam in eine „versiegelte Zeit“ (so der Titel von Diners Buch) eine deutliche Absage. Allerdings ist Weidners Umgang mit „Determinierern“ und „Indeterminierern“ gelegentlich etwas flott. Nicht immer ist klar, was oder wer wen oder was determiniert. An vielen Stellen des Buches kann man anderer Meinung sein und gelegentlich erscheint um der Prägnanz willen eine Aussage zu einseitig.

Wirklich ärgerlich ist ein stellenweise schludriger Umgang mit Fußnoten. So soll etwa eine Aussage des Mystikers Sohrawardi aus dem 12. Jahrhundert auf Seite 187 als Beleg dafür herhalten, dass man heute in einer Talkshow durchaus einmal etwas Kritisches über den Propheten Muhammad sagen kann.

Gewünscht hätte man sich auch einen sorgfältigen Index. Denn das Buch ist nicht dazu angelegt, es mal eben zu lesen, sondern hat in der Vielfalt der dargestellten Meinungskämpfe durchaus das Zeug, als „Manual“ den Leser für die kritische und selbstkritische Auseinandersetzung im Kulturkampf zu rüsten. Der Leser aber mag nach dem ersten Lesen durchaus noch einmal hineinschauen wollen – schließlich geht der Kulturkampf weiter.

Manual für den Kampf der Kulturen – Warum der Islam eine Herausforderung ist. Von Stefan Weidner. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main/Leipzig, 2008.



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