Überdosis

Muhammad Jawad Adib

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Geschäftsleute, Regierungsbeamte, Studenten und Obdachlose in Iran haben eines gemeinsam: Viele von ihnen nehmen Drogen. Opium, Haschisch, Heroin und andere Substanzen verbreiten sich in allen Schichten der Gesellschaft. Die Motive der Konsumenten sind unterschiedlich, eines aber ist offensichtlich: Die Regierung findet kein Mittel dagegen. Vielmehr hat sie die Sucht bisher falsch verstanden.

Öffentliche Stellen schieben den hohen Drogenkonsum gerne auf die Arbeitslosigkeit. Doch viele Iraner entspannen sich mithilfe von Drogen, sie machen sich das Leben schöner. Das hat nichts mit Arbeitslosigkeit zu tun, denn es handelt sich um Menschen mit einer guten sozialen Stellung, mit Karrieren. Laut dem Leiter einer Rehabilitationsklinik nehmen diese Menschen Drogen, um sich besser zu fühlen. Sie entscheiden sich bewusst für den Konsum und denken nicht daran, aufzuhören. In einer unzufriedenen Gesellschaft floriert die Sucht.

Eine Studie der iranischen Drogenkontrollbehörde besagt, dass hauptsächlich Opium und Opiumderivate wie Heroin konsumiert werden. Weit verbreitet sind allerdings auch Haschisch, Crack und Methamphetamin, auch als Crystal Meth bekannt, das in Iran „Glas“ genannt wird. Besonders aus dem angrenzenden Afghanistan, dem Land mit der höchsten Opiumproduktion der Welt, kommen Opium und Heroin ins Land. Aber auch in Iran selbst wird Mohn, die Basispflanze für das Opium, illegal angebaut. Kürzlich entdeckte die Polizei eine 160 Hektar große Opiumfarm in den Bergen. Methamphetamin wird, ähnlich wie in anderen Ländern, in illegalen Heimlaboren hergestellt.

Die Drogenvielfalt in Iran blüht und findet überall ihre Abnehmer. Viele Schüler sind bereits mit Methamphetamin in Berührung gekommen, unter Studenten sind auch Mittel wie Ritalin besonders in Prüfungszeiten beliebt. Dann steigt der Verkauf des Medikaments im Land bis zu 50 Prozent an. Junge Paare, die heiraten wollen, müssen sich mittlerweile Drogentests unterziehen, um ihre Nüchternheit belegen zu können.

Über die Hälfte aller Verbrechen im Land haben mit Drogen zu tun. Die Regierung wird dieser Lage nur punktuell Herr. 20 bis 74 Peitschenhiebe und bis zu fünf Millionen Rial (circa 140 Euro) Strafe drohen Händlern, Haschisch- und Opiumkonsumenten, die in der Öffentlichkeit Drogen nehmen; 50 bis 74 Peitschenhiebe und bis zu zehn Millionen Rial (circa 290 Euro) drohen. 

Heroin- und Kokainkonsumenten. Diese Strafen hindern die Menschen jedoch nicht an der Einnahme dieser Substanzen. Es fehlt ein Langzeitplan, wie man die Situation in den Griff bekommen könnte.

Es gibt noch nicht einmal verlässliche Erhebungen, die das Ausmaß der Drogenverbreitung zeigen. Die Schätzungen des Gesundheitsministeriums bewegen sich vage bei ungefähr zwei Millionen Menschen, die regelmäßig rauchen, schniefen und spritzen. Doch jene Konsumenten, die Drogen zur Erholung nutzen, finden in diesen Erhebungen kaum Platz. Die Regierung schafft es nicht, ein öffentliches Bewusstsein für das Problem zu schaffen, da man nach außen das Bild eines guten, stabilen Landes vermitteln will.

Die Tatsache, dass neben den öffentlichen Einrichtungen zur Behandlung von Abhängigen die ungefähr 600 privaten Kliniken nicht ausreichen, spricht eine andere Sprache. Zudem eröffnen immer mehr Kliniken für Minderjährige; alle Altersgruppen sind betroffen. Ein Gramm Heroin kostet ungefähr elf Euro, ein Schuss knapp einen Euro.

Farid Barati Sadeh, ein Vertreter der iranischen Wohlfahrtsorganisation, prognostizierte letztes Jahr, dass in ungefähr drei Jahren ein Höhepunkt der Drogenverbreitung erreicht werden wird. Die Unzufriedenheit der Menschen treibt diese Entwicklung voran. Auch wenn man selten Menschen auf den Straßen sieht, die sich einen Schuss setzen oder ihre Pfeife rauchen, und auch wenn es nicht immer einfach ist, an den Stoff heranzukommen: Die Drogen finden ihre Abnehmer wie von allein.

Aus dem Englischen von Fabian Ebeling



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