Augen zu

von Ulrike Guérot

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Hör auf mich, glaube mir, Augen zu, vertraue mir ...“ Wer kennt sie nicht, die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch, die Mogli hypnotisiert – und ihm eigentlich Übles will, nämlich ihn an den Panter Bagheera ausliefern, der ihn zur Menschensiedlung bringen soll. Liest man Ute Freverts Buch „Vertrauensfragen . Eine Obsession der Moderne“, so fühlt man sich wie von Kaa umgarnt, sieht plötzlich überall hypnotisierte Augen in psychedelischen Farben rollen, moderne Menschen, die irgendwem oder auf irgendwas vertrauen...und hereinfallen: auf Anlageberater, Technikfallen oder Liebesversprechen von Dating-Seiten.

Vertrauen wir zu viel? Und wem? Und warum? Ute Frevert stellt diese Fragen, die allein deshalb überraschen, weil der Begriff des Vertrauens in der heutigen Zeit im Gro­ßen und Ganzen nicht in Frage gestellt wird. Vertrauen, das ist die Sprache von heute, der Klebstoff, der die moderne Welt zusammenhält. Vertrauen ist ein Codeword der Medien, der Politik und der PR-Agenturen geworden. Seine Botschaft steckt in Bildern, die wir im schnelllebigen Internet-Zeitalter untergejubelt bekommen, in Zehntelsekunden: ein vertrauenserweckender Bankberater, ein lächelnder Polizist oder ein Airbag. Wir vertrauen also der modernen Medizin, der Stromversorgung, unseren Nahrungsmitteln, allem müssen wir vertrauen, weil es de facto keine Möglichkeit zur individuellen Kontrolle mehr gibt. So ist der Begriff des Vertrauens schlechthin zur Umgarnungsstrategie einer allumfassenden modernen Ökonomie und zum Teil eines Zeitgeistes geworden. Wir haben gelernt, dass wir allem und jedem vertrauen sollen: der Technologie, der Politik, unseren Partnern, zum Beispiel den USA. Und merken doch eigentlich jeden Tag bei der Zeitungslektüre, dass dies eine Schimäre ist, die dazu verleiten soll, das Denken auszuschalten. Denn können wir vertrauen? Unser Vertrauen in die Welt ist doch in den letzten Jahren erheblich erschüttert worden. Es gab es große gesellschaftliche Vertrauensbrüche mit Blick auf die Technik oder die Institutionen, die unsere komplexen Systeme tragen, die wir nicht mehr imstande waren zu hinterfragen oder gar zu kritisieren: Die Kernenergie etwa – bis Fukushima; oder die Banken – bis zur Finanzkrise. Oder den Bündnispartner – bis zur NSA-Affäre.

Die NSA-Affäre ist wahrscheinlich die größte Vertrauenskrise in der westlichen Welt seit einhundert Jahren, eine Krise des „Westens“ schlechthin. Sie ist  die Aushöhlung eines Vertrauensverhältnisses, auf dem die Geostrategie des 20. Jahrhunderts gezimmert war, eben jener „Westen“, das trans-atlantische Verhältnis, das immer anderen Beziehungen als überlegen gegolten hat.  Auch und vor allem, weil er eine Wertegemeinschaft sein sollte. „Spionieren unter Freunden, das geht gar nicht“, Angela Merkels geflügeltes Wort spricht aus, was alle denken. Wie konnte das passieren? Waren wir vorher naiv oder haben sich die Freundschaftskriterien heute verschoben, so dass man selbst Freunden nicht mehr vertrauen kann? Ist der Kampf um die Ressourcen der Welt, der ökonomische Wettbewerb so beinhart geworden, dass man sich Vertrauen sprichwörtlich nicht mehr leisten kann, einen wirtschaftlichen Vorsprung durch Spionage sichern muss? Vor allem aber: was ändert sich jetzt, da wir merken, dass wir einer Vertrauens-Obsession erlegen sind? Steuern wir um, ändern wir unsere Systeme, schaffen wir neue Kontrollmechanismen? Führen wir neue Regeln ein, die Vertrauen wieder sicherstellen? Es sieht leider nicht danach aus, als würden wir Konsequenzen aus dem kollektiv erlebten Vertrauensbruch ziehen und politische Antworten finden. Stattdessen scheint es, als würden wir uns Technik- und Finanzsystemen unterwerfen, denen wir eigentlich nicht mehr vertrauen können, auf die wir aber auch nicht verzichten können – oder wollen.

Allerdings haben wir einander nicht schon immer blind vertraut, schreibt Frevert. Etymologisch, so weist sie nach, kommt der Begriff des Vertrauens, salopp gesagt, erst im 18. Jahrhundert aus den Puschen, also in den alltäglichen Sprachgebrauch. Davor haben die Menschen das permanente öffentliche Vertrauensversprechen und die Schutzvorstellung, die sich daraus ergibt, offensichtlich nicht gebraucht, haben sich also entweder selbst oder bestenfalls Gott vertraut. Oder aber sie waren grundsätzlich misstrauisch. Frevert lehrt uns, dass der Begriff des Vertrauens ursprünglich negativ konnotiert war, bevor er sich langsam aus dieser negativen Umklammerung lösen konnte, um seinen unaufhaltsamen Aufstieg in die Sprach- und Vorstellungswelt der Moderne zu nehmen, um dann, wie Frevert behauptet, jetzt als Obsession zu enden.

Dabei beruft die Autorin sich auf Lohengrin, den deutscher Mythos und Urstoff, biographisch aus Wagners Leben abgeleitet, die musikalische Fassung des Urvertrauens, das nicht in Frage gestellt werden darf. Elsa, die Liebende, die Lohengrin, der aus dem Nichts kommt und über den sie nichts weiß, keine Fragen stellen darf. Grenzenlos, unbedingt und vor allem asymmetrisch ist Elsas Liebe. Sie blickt zu Lohengrin auf, aber als sie Zweifel hegt, die Vertrauensfrage neu verhandeln will, weil sie wissen möchte, scheitert die Liebe, Lohengrin kehrt zurück in den Gral. Derlei bedingungslose Liebe käme wohl heute keiner 25-Jähringen in den Sinn. Frevert betont an jeder Stelle ihrer mit Vergnügen zu lesenden Vertrauensgeschichte die Abhängigkeit des Begriffs von sozialen Bedingungen, von gesellschaftlichen Auffassungen und Codes, die sich über die Zeit ändern. Vertrauen damals und heute, das ist nicht dasselbe.

Vertrauen generierte und generiert ein Garantieversprechen für Produkte, das Frevert anhand der Werbeindustrie im frühen 20, Jahrhundert nachzeichnet. „Vertrauen Sie Nescafé – Ihrem Nescafé vertraut die Welt“, lautete der Slogan einer Instantkaffeemarke. Wobei unklar bleibt, ob man darauf vertrauen soll, dass das Kaffeekochen mit Nescafé schnell geht, oder sein Aroma unwiderstehlich ist. Das Waschpulver Persil dagegen wirbt seit eh und je mit einer Garantie für Wäsche ohne Grauschleier. Und „jemandem einen Persilschein“ ausstellen ist inzwischen zum Synonym dafür geworden, jemandem gerade bei obskuren Geschäftspraktiken blind zu vertrauen. So schleicht sich das Vertrauensversprechen, auch mittels Marketingstrategien immer mehr in den alltäglichen Sprachgebrauch und prägt damit unseren Geisteszustand, schreibt Frevert.

Vertrauen ist also der Kitt unserer Gesellschaft, wenn nicht die Krake, in deren Tentakeln wir alle stecken. Vertrauen ist die Halluzination von Sicherheit in der modernen Welt, die wir nicht mehr erfassen können, und der wir darum vertrauen müssen. Der alte Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ verliert seine Bedeutung, wenn Kontrolle unmöglich ist. Wer versteht schon die Algorithmen der Finanzmärkte? Ute Freverts Buch bringt die Grundpfeiler der modernen Welt ins Wanken, wenn sie den inflationären Gebrauch des Begriffs Vertrauens im 21. Jahrhundert beschreibt, aber vor allem darlegt, warum wir ohne einen inflationären Vertrauensbegriff diese Welt gar nicht hätten bauen können. Und dass wir uns heute fast weigern, das Ausmaß, die Dimension dessen, was permanent an Vertrauensbruch passiert, wahrzunehmen und einzugestehen – also verdrängen. Denn sonst müsste man die transatlantische Freundschaft neu vermessen und zum Beispiel die Verhandlungen über das geplante Freihandelsabkommen suspendieren – und das will man nicht. Ute Frevert beantwortet nicht die Frage, wie wir aus der Vertrauensfalle wieder herauskommen. Aber sie stellt die richtigen Fragen.

Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne. Von Ute Frevert. C.H.Beck, 2013.

 



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