Der Beit-Zait-Staudamm in Israel

von Assaf Gavron

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Wir nennen ihn „den Damm“. Eigentlich ist es eine Betonmauer, die in das Tal nahe bei Jerusalem zwischen drei auf Hügeln gelegene Orte gebaut wurde: zwischen Beit-Zait (das Dorf, dem der Damm seinen „offiziellen“ Namen verdankt), Ein-Kerem (einen Stadtteil von Jerusalem, in dem ich zur Schule ging) und Motza Elite (das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin). Diese Hügel waren der Spielplatz meiner Kindheit – die Terrassen, die Pinien, die alten Steinbauten. Vor allem im Winter, wenn der Damm sich mit Wasser füllte und der Geruch feuchter Pflanzen in der Luft lag, wurde der Stausee für uns Kinder zum Ort der Abenteuer. Manche von uns bauten Flöße, um damit zu segeln, manche wollten baden und andere stapften nur durch den Matsch bis zum Wasser.

An einem Wochenende wollten zwei Kinder im See schwimmen und ertranken dabei. Am nächsten Morgen sprach der Schuldirektor vor jeder Klasse und erläuterte die Gefahren des Stausees. Er warnte uns, dass es unter allen Umständen verboten sei, zum Damm zu gehen. Während der ersten großen Pause des Tages liefen mein Freund Amir und ich hinüber, um den Tauchern beim Suchen der Leichen zuzuschauen.

Zur Strafe durften wir nicht zum großen jährlichen Schulausflug in die Wüste mitkommen und hatten eine Woche lang Hausarrest. Wenn ich heute, dreißig Jahre später, zurückblicke, glaube ich, dass es sich gelohnt hat. Die Erinnerung ist den Preis wert. Hätten wir die Regeln nicht gebrochen, um auf unsere Abenteuerreise zu gehen und die Suchaktion zu beobachten, und hätten wir nicht den Zorn der Lehrer und Eltern auf uns gezogen, wäre es nur ein ganz normaler Wintertag in der fünften Klasse gewesen. Er wäre uns keine drei Wochen, geschweige denn dreißig Jahre lang in Erinnerung geblieben.

Amir wurde im Februar 1988 im Libanon getötet. Und in den vergangenen Jahren gab es nicht einmal im Winter genug Regen, um den Damm mit Wasser zu füllen. Deshalb ist die Erinnerung umso wichtiger.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



Ähnliche Artikel

Selbermachen (Thema: Selbermachen)

„Offenheit ist gut fürs Geschäft“

von Ronen Kadushin

Der israelische Designer Ronen Kadushin erklärt, warum er seine Entwürfe frei verfügbar ins Internet stellt. Ein Gespräch

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Thema: Vereinigte Staaten)

Die Macht der Trägheit

von Rashid Khalidi

Obama hat den Nahost-Konflikt zur Chefsache erklärt: In den vergangenen Monaten wurde ein Sondergesandter ernannt, die beteiligten Regierungschefs nach Washington eingeladen und der Druck auf Israel, seine Siedlungspolitik zu ändern, erhöht. Erklärtes Ziel der USA ist die Zwei-Staaten-Lösung. Aber welche tief verwurzelten Verhaltensmuster müssen durchbrochen werden, um dieses Ziel zu erreichen?

mehr


Was bleibt? (Weltreport )

Der Weg ist das Ziel

von Fabian Ebeling

Lange schon wird eine Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten diskutiert. Mit jeder Gewaltwelle rückt diese jedoch in weitere Ferne. Die NGO Combatants for Peace probt trotz allem den Frieden

mehr


Neuland (Bücher)

Alles supernett

von Stefan Mesch

Etgar Keret hat Kurzgeschichten über den Alltag in Israel veröffentlicht

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Weltreport)

„Ich will die Leute entkrampfen“

ein Gespräch mit Avi Primor

Der frühere israelische Botschafter Avi Primor hat ein Buch über deutsch-jüdische Missverständnisse geschrieben

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

Wenn die Helfer kommen

von Suzanne Baaklini

Im zerstörten Libanon übernehmen arabische Staaten Patenschaften für den Wiederaufbau einzelner Dörfer. Das sichert Einfluss

mehr