„Literatur hilft doch immer“

von Jenny Friedrich-Freksa

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

-

Foto: Max Lautenschläger


Als wir Ende März das Thema dieser Ausgabe planten, war die Welt gerade geschlossen worden: Es gab massive Lockdowns in vielen Ländern, auch in Kanada, über das wir eigentlich in einem Schwerpunkt berichten wollten. Wir überlegten: Was kann man in einem Moment, in dem noch niemand richtig fassen kann, was geschieht, veröffentlichen? Dann dachten wir: Literatur. Literatur hilft doch immer irgendwie weiter, wenn die Realität die Phantasie übersteigt.

Und so beschlossen wir, ausnahmsweise nicht einfach über Kulturaustausch zu berichten, so wie wir es sonst tun, sondern selbst zu einem Kulturaustausch-Projekt zu werden. In einer Krisensituation, in der Staaten begannen, sich voneinander abzuschotten, wollten wir eine erzählerische Verbindung über Kontinente hinweg schaffen: mit einer Geschichte, die um die Welt geht. Und so luden wir acht Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein, gemeinsam eine Erzählung zu verfassen.

Vorgegeben war nur der erste Satz: »Die Stadt war leer.« Von da an entfaltete sich eine Geschichte: von Serhij Zhadan in der Ukraine über Mathias Énard in Frankreich zu Tope Folarin in den USA, weiter zu Glenn Diaz auf den Philippinen, Patricia Grace in Neuseeland, Yvonne Owuor in Kenia und Claudia Piñeiro in Argentinien bis hin zu Ben Okri in Großbritannien.

Wir haben jeden Beitrag aus der Originalsprache ins Deutsche und ins Englische übersetzt – die deutsche Fassung lesen Sie hier im Heft, die englische hingegen war die für alle verständliche Version, in der die Geschichte weiterwanderte. Sie erzählt von einer vergangenen Katastrophe, die ihre Fühler weit in die Zukunft streckt. Und in der immer wieder unsere Gegenwart aufblitzt.

Illustriert hat diese internationale Erzählung die wunderbare Zeichnerin Elisabeth Moch. Aber lesen und schauen Sie selbst!

(Und Kanada erwartet Sie dann in der nächsten Ausgabe.) 



Ähnliche Artikel

Une Grande Nation (Thema: Frankreich)

„Bei diesem Mann ist ­alles ­anders“

ein Gespräch mit Marie NDiaye

In ihren Romanen schreibt die Schriftstellerin über Fragen der Herkunft und sozialen Aufstieg. Ein Gespräch über Vorurteile gegenüber Einwanderern und das französische Präsidentenpaar

mehr


What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Thema: Übersetzen)

Aufwachen mit Heine

von Yushu Zhang

Wie deutsche Klassiker uns Chinesen Erkenntnis, Moral und Gefühle lehren

mehr


Eine Geschichte geht um die Welt (Welt von morgen)

Geschirr aus Seetang

Eine Kurznachricht aus Indonesien

mehr


Menschen von morgen (Thema: Jugendliche)

Wortschatz

von Ha Jin

Wie ich während der Kulturrevolution die Welt der Bücher entdeckte

mehr


Oben (Bücher)

Illusionslose Härte

von Gerd Koenen

Masha Gessen zeichnet in ihrem Buch »Die Zukunft ist Geschichte« das beklemmende Bild eines Russlands, das sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht abfinden kann. Ihr auf Interviews und Dokumenten beruhender »faktografischer Roman« erzählt die Geschichte dreier Generationen und ist zugleich eine sozialpsychologische Analyse des Erbes der Sowjetzeit

mehr


Eine Geschichte geht um die Welt (Welt von morgen)

Rettung für die Riffe

Eine Kurznachricht aus Australien

mehr