Hate Speech im Westjordanland

Jens-Uwe Rahe

Breaking News (Ausgabe II/2017)


Drei Kräfte bestimmen die Medienentwicklung in der arabischen Welt: der digitale Wandel, Gesellschaften mit großem Anteil junger Menschen und politische Krisen. Ägypten, größter Medienmarkt der Region und nach der Revolution 2011 besonders im Fokus der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, schnürt die Presse- und Meinungsfreiheit wieder systematisch ein. Die Konflikte in Syrien und im Jemen haben alle Projekte vor Ort zum Erliegen gebracht – nur noch im Exil oder online sind Medienschaffende erreichbar.Ein Minimum an Verlässlichkeit bietet die Medienlandschaft heute in Tunesien, den palästinensischen Gebieten und im Libanon. „Lebanon is good as long as it’s good“, sagte mir vor einiger Zeit lapidar Ayman Mhanna, Chef Samir Kassir Foundation, einer libanesischen Medien-NGO.

2016 startete die Deutsche Welle Akademie, die Meinungs- und Informationsfreiheit in der ganzen Welt fördert, im Beiruter Flüchtlingslager Schatila ein Projekt mit geflüchteten Jugendlichen, Syrern wie Palästinensern. Jetzt betreiben sie die Community-Seite „Campji“ auf Facebook: tägliche Videos über Menschen im Lager, darüber, was sie tun, was sie aufregt und was sie zum Lachen bringt. Sketche erzielen die höchsten Klickzahlen.

Medienfreiheit und Zugang zu Information sind unverzichtbar für ein selbstbestimmtes, würdiges Leben. Die Medienentwicklung kann Hebel sein für soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung. Unterstützen wollen wir mit unserer Arbeit besonders diejenigen, die im traditionellen öffentlichen Diskurs auf der Strecke bleiben: Menschen auf der Flucht, Menschen in Armut, Landbevölkerung, Frauen und besonders: junge Menschen. Ob im syrisch-jordanischen Grenzgebiet oder in Oberägypten – die heranwachsende Generation lebt ohne Aussicht auf Arbeit, eine eigene Familie, geschweige denn politische Teilhabe.

Technisch aber lebt sie im 21. Jahrhundert. Fast alle haben ein Smartphone und nutzen Facebook, WhatsApp und andere Messaging-Dienste. Im digitalen Raum pflegen sie Freundschaften und erschließen sich eine andere Welt. Dabei wird das individuelle Kontakte-Netzwerk zur entscheidenden Informationsquelle. Für uns bedeutet das: Nur digital haben wir eine Chance, sie zu begeistern, zu aktivieren und ihnen eine Stimme zu geben.

Als wir vor dreieinhalb Jahren in den Palästinen-sergebieten unser erstes MIL-Programm auflegten, war ich skeptisch. MIL – Media and Information Literacy – bedeutet Kompetenz im Umgang mit Medien und Informationen. Es war ungewohnt, sich mit den Nutzern und nicht den Machern von Medien zu befassen. Heute aber nehmen die Projekte in Ostjerusalem und im Westjordanland richtig Fahrt auf, auch in Jordanien, im Libanon und in Tunesien. Es geht um ein kritisches Verständnis dafür, wie mediale Inhalte entstehen und wirken. Hate Speech facht Konflikte an, spaltet Gesellschaften. „Alternative Fakten“ kennt der Nahe Osten schon seit Jahrzehnten in Form von Staatspropaganda.

Auch geht es um die Fähigkeit, sich in Medien verantwortungsbewusst auszudrücken, vor allem im Netz. Die Freiheit des Anderen als Grenze der eigenen Freiheit zu respektieren. Es geht um Privatsphäre und Schutz – ob vor Cyber-Mobbing oder vor übergriffigen Geheimdiensten. Das Lehrmaterial an palästinensischen Schulen, tunesischen Jugendhäusern und libanesischen NGOs wächst stetig. Nun geht es darum, die Politiker dafür zu gewinnen.

Moderne Medienentwicklung ist ein langwieriges Geschäft. Das gilt auch für Media Viability, die Überlebenschancen von Medien. Über die wirtschaftliche Existenzfähigkeit von Qualitätsjournalismus zerbrechen sich Medienmacher von Marokko bis in den Irak den Kopf. Fast immer stehen internationale Geber oder Sponsoren hinter innovativen Medien. Ziehen sie sich zurück, droht das Ende des Projekts. Patentlösungen gibt es nicht. Mit tunesischen Regionalradios erarbeiten wir unternehmerische Strategien, im Libanon unterstützen wir die Ausbildung engagierter Journalisten als Medienberater. Redaktionelle Unabhängigkeit setzt finanzielle Unabhängigkeit voraus.

Unser ständiger Begleiter ist der technologische Wandel. So sehr er die Medienentwicklung konzeptionell und handwerklich herausfordert – letztlich treibt er Reformprozesse voran. Er birgt Gefahren, aber noch mehr Chancen. Und in den jungen Gesellschaften der arabischen Welt mangelt es an einem nicht: an freiem, kreativem Geist, diesen Wandel zu gestalten.



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