Golden Girls

Najat El Hachmi

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Sie sagen, dass Sie eine Vorliebe für ältere Frauen haben. Ist es eine Frage der Haut?

Nein, was ich sagen will, ist, dass die Haut sich im Lauf der Jahre verändert und dass einer der Gründe, die junge Männer davon abhalten, sich für ältere Frauen zu interessieren, der ist, dass sie nicht wissen, ob sie damit zurechtkommen, dass sich alte Haut nun einmal anders anfühlt als junge. Alte Haut ist optisch nicht attraktiv, oder zumindest wurden wir dazu erzogen, sie so zu sehen. Aber, achten Sie auf meine Wortwahl: optisch. Der Umstand, dass wir in einer Kultur leben, in der sich alles auf Äußerlichkeiten reduziert, beeinflusst natürlich unsere Wahrnehmung und unseren Geschmack. Beim sogenannten ersten Eindruck ist unser Sehsinn weit wichtiger als unser Tastsinn und deswegen lassen wir uns auch nicht von dem leiten, was für unsere Hände angenehm sein könnte, sondern von dem, was wir gelernt haben, mit Attraktivität zu assoziieren: feste, junge Haut, glatt wie eine Plastikoberfläche.

Wollen Sie damit sagen, dass alte Haut attraktiv sein kann?

Das kann ich Ihnen aus persönlicher Erfahrung versichern: Diese Art von Haut zu berühren ist ein wahres Vergnügen. Die Hände über den Körper einer älteren Frau, selbst einer richtig alten, gleiten zu lassen, bedeutet, die Zärtlichkeit in ihrer ursprünglichsten Form zu erfahren. Sie finden das übertrieben? Dann rate ich Ihnen, es einmal auszuprobieren. Eine Haut, die vom Leben gezeichnet ist, zu erforschen, bedeutet, in ihre Geschichte einzutauchen, ihre Verletzungen aufzudecken, die Narben, die vergangenen Freuden. Es bedeutet, einen Zugang zu bekommen zu der Bio­grafie, die sich in diese Haut eingeschrieben hat.

Was meinen Sie damit?

Ich erklär’s Ihnen. Darauf hat mich ein Freund gebracht, der die Gelegenheit hatte, ein Verhältnis mit einer Frau anzufangen, die viel jünger war als er selbst. Das, was ihn am meisten überrascht hat, war der Unterschied zwischen der Haut seiner Geliebten und der seiner Ehefrau. Die der Ersten war fest, „lebendig“, wie er sagte, auch unter seinen Liebkosungen verlor sie nichts von ihrer Festigkeit und Glätte. Nun, genau das ist es, was ich so schlimm finde: Die Elastizität der Haut verändert sich mit der Zeit. Elastizität, darunter versteht man, wie Sie wissen, die Fähigkeit von Stoffen nach einer äußeren Krafteinwirkung zu ihrer Ursprungsform zurückzukehren. Die Haut von Säuglingen ist so elastisch, dass von außen auf sie ausgeübter Druck kaum Spuren hinterlässt, aber die Haut von uns Erwachsenen braucht eine Weile, bis sie ihre ursprüngliche Form wieder annimmt, und je älter wir sind, desto länger dauert es. Als mein Freund mir erzählte, dass die Haut seiner Freundin so gut wie gar nicht auf den Druck seiner Finger reagierte, erschien mir das eine schreckliche Vorstellung. Was mir an reiferen Frauen gefällt, ist, zu sehen, dass die Spuren, die meine Finger auf ihren Körpern hinterlassen, eine ganze Weile brauchen, bis sie verschwinden. So als ginge es darum, mir etwas vor Augen zu führen, mir einen sichtbaren Beweis zu liefern. Das gibt mir die Sicherheit, dass das, was ich da mache, real ist, dass das, was ich mache, direkte Auswirkungen auf den Körper hat.

Aber sagen Sie: Diese Vorliebe, die Sie für Frauen fortgeschrittenen Alters haben, hat doch nicht allein mit einer taktilen Präferenz für ältere Haut zu tun? Ich meine, das kann doch nicht der einzige Grund sei, weshalb Sie mit Frauen Beziehungen eingehen, die gut und gerne Ihre Mütter sein könnten.

Nein, natürlich nicht. Die Haut ist die letzte Etappe, die letzte Konsequenz meiner erotischen Vorlieben. Deren Ursprung liegt natürlich viel weiter zurück, in einer Zeit, in der ich natürlich noch nicht in der Lage war, diese Unterschiede genau zu beschreiben. Schon als kleiner Junge interessierte ich mich für ältere Frauen, was ja auch kein Wunder ist. Man braucht kein Experte in Psychoanalyse zu sein, um zu wissen, dass – da wir nun einmal alle einen Vater und eine Mutter haben – ein Kind in jungen Jahren seine Aufmerksamkeit auf Personen richtet, die mit den Elternfiguren zu tun haben. Meiner Meinung nach ist es nur logisch und normal, dass die Objekte der ersten Liebeleien ältere Mädchen sind und nicht jüngere. Zumindest, wenn jemand Frauen liebt, wird er in seinem Umfeld nach Mädchen suchen, deren Körper bereits weibliche Formen haben. Oder wollen Sie etwa behaupten, Sie seien in der Schule nicht von den Mädchen aus den oberen Klassenstufen fasziniert gewesen, die in der Pubertät körperlich bereits weiter entwickelt waren? Oder sogar von einer Lehrerin oder einem Babysitter?

Ja natürlich, aber das gehört eben zur kindlichen Entwicklung dazu. Sobald man in die Phase kommt, in der man richtige Beziehungen zu Mädchen aufbaut, ist es normaler, dass man sich für solche interessiert, die das gleiche Alter haben.

Na ja, es ist nicht so, dass es „normaler“ wäre, es ist einfach nur üblicher. Außerdem spielen da auch noch Angebot und Nachfrage eine Rolle, auch dieser Faktor ist mit dafür verantwortlich, dass man mehr Jungs sieht, die mit Mädchen gleichen Alters zusammen sind als mit älteren Frauen: Die Frauen nämlich sind es, die die Wahl treffen, und normalerweise fühlen sie sich nicht besonders zu jüngeren Männern hingezogen, ganz im Gegenteil. Das führt meiner Ansicht nach zu einem Interessenkonflikt: Frauen wollen ältere Männer, wir wollen eigentlich Frauen, müssen uns aber mit jungen Mädchen zufriedengeben, da die Frauen sich schon anders entschieden haben.

Also, ich weiß nicht. Meistens sind es doch die Männer, die sich lieber jüngere Frauen suchen.

Das steht auf einem anderen Blatt, das hat mit unserer kulturellen und biologischen Konditionierung zu tun.

Genau darauf wollte ich hinaus. Scheint Ihnen die biologische Komponente vernachlässigenswert?

Nun gut, das hängt von der Lebensplanung des Einzelnen ab. Ich zum Beispiel habe nie väterliche Gefühle verspürt. Kinder haben mich noch nie interessiert. Und da ich in einer Zeit lebe, in der Vaterschaft und Mutterschaft nicht mehr als die universellen Pflichten eines jeden gelten, musste ich mich mit dieser Frage auch nie besonders auseinandersetzen. Zum Glück leben wir in einer Zeit, in der Kinder nicht mehr zwangsweise zu einer Partnerschaft dazugehören. Außerdem kann ich Ihnen versichern, dass eine Frau, welche die Mutterschaft bereits hinter sich hat und so um die vierzig ist, die besten Voraussetzungen mitbringt, um ein erfülltes Sexualleben zu führen.

Sprechen junge Männer und ältere Frauen in Bezug auf Sex dieselbe Sprache?

Selbstverständlich – und das behaupte nicht nur ich. Sehen Sie, es gibt alle möglichen Untersuchungen, die belegen, dass die Phase höchster sexueller Energie beim Mann zwischen zwanzig und dreißig liegt und bei der Frau jenseits der vierzig. Ich kann Ihnen versichern, dass die Ungezwungenheit und Natürlichkeit, mit der viele Frauen zwischen 45 und 50 sich sexuell ausleben, so manches dieser verunsicherten jungen Mädchen neidisch machen könnten, die nicht wissen, wo an ihrem Körper was ist und welches erotische Potenzial sie haben.

Entschuldigen Sie, aber da muss es doch noch etwas anderes geben als nur Sex, oder? Ich meine, Sie haben zwar schon viele ältere Partnerinnen gehabt, leben jetzt aber schon seit einiger Zeit in einer festen Partnerschaft mit einer Frau, die einige Jahre älter ist als Sie. Sie wollen mich doch nicht glauben machen, die­se Beziehung beruhe allein auf Sex?

Natürlich nicht. Der Sex ist wichtig, aber wichtiger noch ist der emotionale Aspekt, die „emotionale Reife“, wie ich es nennen würde. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht versucht hätte, auch mit jüngeren Frauen Beziehungen einzugehen – das habe ich wohl. Aber deren Unsicherheiten und der übertriebene, an Dummheit grenzende Aufwand, den sie wegen ihres Aussehens betrieben, gingen mir schon bald auf die Nerven. Sehen Sie: Es gibt nichts Unwiderstehlicheres als eine Frau, die sich ihrer selbst sicher ist, die sich wohl in ihrer Haut fühlt und die um ihre eigene Attraktivität weiß. Und diese Sicherheit erlangt man erst mit den Jahren, auch wenn Ihnen das ein Widerspruch zu sein scheint.

Aus dem Katalanischen von Isabel Müller



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