Cricket im Slum

Sheila Patel

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Freizeit ist ein Luxus, wenn man damit beschäftigt ist, über die Runden zu kommen. Für die auf der Straße oder in Hütten lebenden Bewohner der Slums in Indiens größter Stadt Mumbai spielt Freizeit keine große Rolle. Über die Hälfte der Einwohner Mumbais lebt in provisorischen Siedlungen. Die Erwachsenen arbeiten bis zu zwölf Stunden am Tag und kümmern sich um die Kinder. Die Kinder gehen auf öffentliche Schulen, Mädchen verlassen diese üblicherweise nach der siebten Klasse. An Sonntagen und in den Ferien besuchen Familien eine der Attraktionen Mumbais wie den Chowpaati Strand, den Byculla Zoo, den Haji Ali Dargha Tempel oder einen der Parks oder Gärten. In jedem Haushalt, der normalerweise aus acht bis zehn Mitgliedern besteht, gibt es außerdem gebrauchte Fernseher, um Nachrichten, Shows und Sportveranstaltungen anzusehen. Die Kinder lieben Zeichentrickserien und beinahe alle Mädchen und ein paar der älteren Jungen verfolgen gespannt eine der indischen Seifenopern. 


Arme wie reiche Kinder müssen in Indien Nachhilfe nehmen, um gute Schulleistungen zu erbringen. Das indische Schulsystem allein vermittelt nicht genug Wissen, um Prüfungen bestehen zu können. Für viele Eltern hat die Ausbildung der Kinder höchste Priorität. Sie arbeiten hart, um die Nachhilfe finanzieren zu können. So hoffen sie, den Kindern ein besseres Leben garantieren zu können. Nach der Nachhilfe haben die meisten Kinder Zeit zum Spielen. Abgesehen von sehr kleinen Kindern spielen Jungen und Mädchen getrennt. Die Regeln, nach denen der dazu verfügbare Platz aufgeteilt wird, basieren auf klassischer Rollenverteilung: Die Jungen dürfen die Mädchen von ihren Plätzen vertreiben. 


In den Slums leben Familien in einem Raum, zwischen 8 und 25 Quadratmetern groß. Die Kinder müssen ständig aufräumen, um den Raum für verschiedene Zwecke nutzbar zu machen. Außerdem erledigen sie Einkäufe, holen Wasser an öffentlichen Leitungen, erledigen Botengänge und kümmern sich um ihre jüngeren Geschwister. In ihrer Freizeit spielen die Mädchen meist „Hausfrau“: Mit Spielzeugküchenutensilien „kochen“ sie Kekse, die jede von zu Hause mitgebracht hat und die gemeinsam gegessen werden. Jungen müssen wenig im Haushalt helfen. In ihrer Freizeit spielen sie oft Cricket oder Fußball. Im Slum von Byculla nutzen sie dazu einen Trainingsplatz, der nachmittags öffnet. Bis vor Kurzem spielten dort auch Mädchen, sie wurden jedoch von einem Wachmann, der Angst um ihre Sicherheit hatte, vertrieben. Nun nutzen sie den Platz zwischen Hütte und Straße oder das Gelände des Krankenhauses. Ist der Trainingsplatz geschlossen, spielen hier auch die Jungen – und die Mädchen müssen weichen. Ältere Jungen dürfen in die Stadt gehen, manche Tage verbringen sie am Strand oder in öffentlichen Parks, wo sie Cricket gegen Teams aus anderen Vierteln spielen. 


Die Kinder reicherer Eltern frönen ihren Hobbys in Vereinen und Freizeiteinrichtungen. Die Kinder der Armen haben hierzu keinen Zugang. In den Vororten ist es ihnen sogar verwehrt, zu spielen, denn die meisten Orte sind Privatgrundstücke und nicht zugänglich.


Auf öffentlichen Festen aber verschmelzen die Klassen. Obwohl die Feste meist religiöser Natur sind, übertrumpft die Weltoffenheit der Stadt zu dieser Zeit den Glauben. Gemeinden versammeln sich und laden Fremde ein, mitzufeiern. Beim „Maker Sankranti“-Fest feiert man die Änderung der Windrichtung. Jungen und Männer lassen dann in ganz Westindien Drachen von den Dächern steigen. Das Fest ist nur ein Beispiel für eine Vielzahl an Feierlichkeiten in Mumbai, an denen beinahe alle Familien und Altersgruppen teilnehmen. Durch sie vermischen sich die Kulturen der Stadt. Mit der Zeit sind Tradition und Moderne jedoch immer wieder aneinandergeraten: Umweltschützer fordern Maßnahmen gegen Lärmbeläs­tigung und Feuerwerkskörper. Außerdem verweisen sie auf Giftstoffe in den Farben der Ganesha-Götzen. Diese Sorgen sind berechtigt, Gegenmaßnahmen haben aber für die ärmere Bevölkerung weitaus negativere Folgen als für die Reichen. Diese feiern fortan in angemieteten Sälen, die Eintritt kosten, den sich Arme nicht leisten können. Im Zuge der Globalisierung gelangte auch das westliche, privatere Konzept von Freizeit nach Indien und steht nun dem traditionellen gegenüber. Diese Aufwertung des Privaten isoliert jedoch die Armen der Stadt.
 

Aus dem Englischen von Maren Ziegler 
 



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