Zum Anbeten: Frauen in den Weltreligionen

Ruth Lapide

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Bereits in den ersten Kapiteln des Alten Testaments lesen wir von Eva, deren hebräischer Name Chava bereits viel aussagt: Sprecherin ist sie, Sinngeberin und Gebärerin. Ja, sie führt Gespräche über Gott und die Welt, wird keinesfalls als Verführerin vorgestellt, während Adam stur und unbeteiligt zuhört. Die Begriffe Sünde und Erbsünde kommen im Text nicht vor. Auch ist im Original keineswegs die Rede von der Frau als Rippe Adams, sondern als Flanke – will heißen: als gleichwertig und unersetzbar. 
 Dass die Sexualität in der Ehe nicht ausschließlich der Fortpflanzung zu dienen hat, sondern auch der Freude aneinander, ist fest in der hebräischen Bibel verankert: So war im alten Israel der jungvermählte Wehrdienstpflichtige im ersten Jahr seiner Ehe vom Militär befreit, „auf dass er mit seinem Weibe fröhlich sei“. Von der Ehe als Fortpflanzungsinstitution ist hier keinesfalls die Rede.
 Ganz in diesem Sinne sollte man der vielen in der Bibel fast liebevoll geschilderten lockeren Frauen gedenken, die als Mitarbeiterinnen am Heil Israels geschildert werden. Im Stammbaum Jesu erscheinen gleich vier solcher Gestalten: Tamar, die Schwiegertochter des Juda, die sich tapfer und listig das ihr zustehende Recht erkämpft Ruth, die Moabiterin, die Ahnfrau Davids (und somit des künftigen Messias) und ihre rührende Liebesgeschichte mit dem reichen Gutsbesitzer Boas Rahab, die Hure von Jericho, die Josua geehelicht haben soll Batshewa, die David eines Abends verführte und die später die Thronfolge ihres Sohnes Salomo gewährleistete. Die Rolle der Frau, der Familie, aber auch des Geschlechtslebens im Rahmen des Heilsplanes Gottes sind in diesen Geschichten unübersehbar. 
 Als die spätere Kirche sich als das „wahre“ und das „neue“ Israel verkündete, wurden Juden – Mann wie Frau – ausgegrenzt und von der gesellschaftlichen Entwicklung ferngehalten. Trotzdem gehörten Frauen zu den Vorkämpferinnen an allen Fronten der Entwicklung, etwa in der Medizin, im Handel, im Schulwesen, in der Dichtung. Die jüdische Frau, sei es in der Orthodoxie wie in der Reformbewegung, hat auch im werdenden Staat Israel ihren Mann gestellt und war wesentlich an der Entwicklung von Kibbuz und Staat beteiligt – bis hin zur Ministerpräsidentin Golda Meir. In der jüdischen Reformbewegung amtieren übrigens heute in vielen Ländern insgesamt 400 Rabbinerinnen.



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