„Ich brauche mehr Daten“

Lew Manowitsch

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Das Netz überwältigt viele Menschen mit seiner Fülle an Informationen. Wie behalten Sie in der Datenflut den Überblick?
Selbstverständlich überwältigt uns die Datenflut, aber das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Wir brauchen ja nicht alle Informationen zu überblicken. Wenn ich zum Beispiel auf Reisen gehe, schaue ich mir auf der Webseite der Bahn ja nur die Verbindungen an, die ich brauche. Ich persönlich interessiere mich grundsätzlich weniger für Einzelinformationen als für die allgemeinen Muster, die sich aus der Fülle an Daten herausfiltern lassen. Deshalb fühle ich mich überhaupt nicht überwältigt. Im Gegenteil: Ich brauche mehr Daten!

Ihr Arbeitsschwerpunkt heißt „kulturelle Visualisierung“. Was genau ist das?
Denken Sie an Google Earth. Mit dieser Technik kann man die ganze Erde betrachten, aber auch auf Einzelheiten fokussieren. Es ist zum Beispiel möglich, in bestimmte Straßen hineinzuzoomen. In der Kunstgeschichte oder der Literaturwissenschaft ist es bislang üblich, einzelne Werke oder Künstler genauer unter die Lupe zu nehmen. In der Zwischenzeit wurden aber Millionen von Gemälden digitalisiert. Indem man alle vorhandenen Werke visuell veranschaulicht, entsteht aus den Kunstwerken selbst eine Grafik. Jetzt kann man untersuchen, wie sich bestimmte Muster im Laufe der Kunstgeschichte entwickelt haben.

Bedeutet das auch, dass man alle digitalisierten Werke der Kunstgeschichte nach Kategorien wie Farbgebung analysieren kann?
Genau. Wir machen das auch mit Populärkultur. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Mangas. Diese japanischen Comics sind auf der ganzen Welt beliebt. Wenn ich jetzt stilistische Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Comics in China und Japan untersuchen möchte, kann ich meine Vorlagen in eine Grafik packen. Aus der Vielzahl der aneinandergereihten Comics ensteht ein Graph. Man kann dann entweder alle Comics in ihrer Gesamtheit betrachten oder in einzelne Seiten hineinzoomen. Wir haben auch mit Film gearbeitet. In diesem Fall bestand unser Datenmaterial aus Filmeinstellungen, die wir der Länge nach geordnet haben. Man sieht dann unter anderem sehr schön, wie die Filme zwischen 1900 und 2010 immer schneller werden. Wir haben uns diese Muster zudem hinsichtlich bestimmter Länder angeschaut und die Graphen für Frankreich, Russland und die USA verglichen. Da erlebt man Überraschungen.

Welche?
Es zeigte sich, dass die französischen Filme von 1940 an doppelt so langsam sind wie die amerikanischen. Bei den russischen Filmen ist interessant, dass sie ab 1933, als Stalin an die Macht kam, im Vergleich zu den 1920er- Jahren, als Sergej Eisenstein seine Werke drehte, langsamer wurden. Sie mussten dem sozialistischen Realismus entsprechen, avantgardistische Strömungen lösten sich in dieser Zeit auf. Nach der Perestroika aber wurden die Filme wieder schneller. Man kann also sehen, dass sich in der Art und Weise, wie sich Muster in den Medien entwickeln, auch soziale Entwicklungen widerspiegeln.

Wäre es mit Ihrer Technologie auch möglich, die Inhalte von YouTube oder Facebook nach bestimmten Kategorien zu visualisieren?
Ja, das ist möglich. Um das übrigens einmal klarzustellen: Ich verfüge über keine mysteriöse Technologie. Die Software, in die wir die Daten einspeisen, ist offen zugänglich, eine Open Source. In fünf Minuten kann man kleine Projekte durchführen. Ich mache das mit meinen Studenten an der Universität in San Diego. Wenn man alle Videos auf YouTube kategorisieren will, braucht man größere Ressourcen, aber man kann zum Beispiel alle Cover des Spiegel, wenn sie digital vorliegen, in zwei Minuten analysieren.

Jetzt verstehen wir, warum Sie mehr Daten brauchen. Wäre es aber nicht nutzerfreundlicher, veraltete Webseiten aufzuräumen?
Ich glaube, die Vorstellung, dass man das Internet irgendwie aufräumen könnte – vielleicht sogar noch mit einer schönen Uniform –, ist sehr deutsch. Die digitale Welt ist schlampig. Das Internet steckt voller verlassener Webseiten. Weil die Beliebtheit von Blogs zugunsten von Facebook und Twitter abnimmt, werden bis zu 95 Prozent aller Blogs nicht mehr aktualisiert, verbleiben aber im Netz.

Das sehen Sie nicht als Problem?
Ganz und gar nicht. Mit verlassenen Blogs ist es wie mit alten Fotos. Man hat sie irgendwann aufgenommen und sie sind Schnappschüsse deiner Identität zu diesem Zeitpunkt. Das finde ich interessant.

Welche Unterschiede fallen Ihnen auf, wenn Sie vergleichen, wie unterschiedliche Kulturen auf die digitale Revolution reagieren?
Die wahre Revolution war für mich nicht das Internet. Internationale Gespräche wurden billiger, es gab plötzlich Billigfluglinien. All das ist wichtig. Manche Leute feiern das Internet, andere sind sehr kritisch. Aber wenn ich einem dieser Leute das Internet wieder entziehen könnte, würden sie sagen: Nein, nimm es nicht! Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in den USA sehr enthusiastisch reagieren. Ich bekomme hier für meine Arbeit Fördermittel von der Regierung. In Asien sagen die Leute zu mir: „Das ist toll, wie machen Sie das?“ Dort wollen die Menschen diese digitalen Werkzeuge selbst nutzen. In Europa ist es leider so, dass die Leute misstrauisch sind oder sogar Angst haben.

Angst wovor?
Das würde ich gerne von Ihnen wissen. Vielleicht haben die Europäer gute Gründe, skeptisch zu sein. Sie denken viel mehr über Privatsphäre und Datenschutz nach. Vielleicht macht sie die Vorstellung nervös, dass wir uns Daten von anderen anschauen. Aber ich betrachte Seiten, die öffentlich zugänglich sind. Zeitungen ab 1890, Facebook-Profile, Bilder auf Flickr.

Glauben Sie, die digitale Technik mit ihrer immensen Datenproduktion wird die Statistik revolutionieren?
Vor 100 Jahren ging die Statistik in den Sozialwissenschaften davon aus, dass es sehr kostspielig ist, Daten zu sammeln. Wenn man etwa herausfinden wollte, was die Deutschen über Abtreibung denken, musste man auf die Straße gehen und die Leute selbst danach befragen. Das auf diese Weise zusammengetragene Wissen basiert jedoch nicht auf absoluter Sicherheit, sondern auf Wahrscheinlichkeit. Heute dagegen muss man die Leute nicht einmal mehr fragen, was sie denken. Sie sagen es dir ja von ganz alleine. Es gibt zum Beispiel Applikationen, die untersuchen, welche Kommentare Menschen bei Facebook zu bestimmten Themen hinterlassen. „Google Trends“ analysiert, was Nutzer tagtäglich in ihre Suchmaschine eingeben.

Kann man verhindern, dass Daten in die falschen Hände geraten?
Ein schwieriges Thema. Die Regierung kann beispielweise zu Yahoo gehen und Informationen über eine bestimmte Person einholen, wenn es einen Verdacht auf terroristische Aktivitäten gibt. Und es gibt Verhandlungen zwischen Regierungen und Google, wie der Fall China gezeigt hat. Was ist wichtiger: einen Kriminellen zu fassen oder die Privatsphäre der Menschen zu schützen? Ich glaube, da gibt es keine einfache Lösung. Wissen Sie, was ich bizarr finde? Google analysiert den Inhalt jeder Seite, die man aufruft, um dann auf den Nutzer zugeschnittene Anzeigen zu platzieren. Niemand protestiert gegen Google Ads. Das finde ich erstaunlich. Seit etwa 10 Jahren haben wir die Kontrolle über unsere Online-Identität verloren. Warum wehrt sich niemand? Weil sich damit Geld verdienen lässt.
Der amerikanische Schriftsteller Michael Lind behauptet, wir würden in einem langweiligen Zeitalter leben, in dem wir nur noch reproduzieren statt Neues zu schaffen. Sehen Sie das ähnlich?
Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Kultur basierte traditionell auf Reproduktion. So hat die Renaissance zum Beispiel die Antike nachgeahmt und kleine Variationen eingefügt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Beginn der Moderne enstand diese Idee, etwas Neues schaffen zu wollen. Man müsste einmal messen, wie viele der Informationen auf Facebook oder Twitter etwas Neues vermitteln und wie viele Informationen lediglich reproduzieren. Aber denken Sie an die Remix-Kultur. Man würde ja nicht sagen, dass ein DJ, ein Komponist oder Modedesigner nur reproduziert. Indem sie bereits Bestehendes miteinander verbinden, schaffen sie etwas Neues.

Werden wir in Zukunft vor allem in virtuellen Welten leben?
Wenn ich spazieren gehe und dabei neue Daten in mein Facebook-Profil lade, dann gehört das zu meinem Erleben dieser Stadt. Die digitale Technik ist Teil unseres Lebens geworden, ja sie ist mit uns verschmolzen. Es ist heute nicht mehr relevant, zwischen online und offline zu unterscheiden.

Das Interview führten Carmen Eller und Sara Santarelli



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