„Wie in einem Traum“

Gabriel S. Moses

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Ausgabe III/2010)


Ihre Graphic Novel „Spunk“ erzählt eine Geschichte über Subkultur in der digitalen Welt. Was passiert in Ihrem Buch?
Ein Mädchen mit dem Online-Namen JJ, das in der israelischen Punk-Rock-Szene aktiv war, verschwindet, verduftet, hört einfach auf zu existieren. Ihr enger Freund B begibt sich auf eine Spurensuche. Er geht an Orte, die ihn an sie erinnern, durchstöbert Fotos und erforscht die Einträge auf ihrer Webseite, in ihrem MySpace-Blog. Er will herausfinden, warum sie nicht mehr da ist. Es wird immer unklarer, ob das Mädchen tatsächlich gestorben ist oder sich nur aus dem sozialen Netz ausgeloggt hat. Bs Suche lässt ihn daran zweifeln, wie real sie wirklich war. Gleichzeitig beginnt er über die israelische Untergrund-Szene nachzudenken, der er sich so verbunden fühlt.

Was entdeckt er dabei?
Er hinterfragt seine Zugehörigkeit zu dieser Subkultur, weil er erkennt, dass man auch hier einfach wieder gehen kann. Das macht die Zugehörigkeit zu einer Subkultur, der man sich so hingibt, eigentlich entbehrlich, und man fragt sich: Wer bin ich denn dann?

Sie vereinen in Ihrem Buch zwei Jugendkulturen: Punk und die Internetgeneration. Punk ist sehr viel älter. Wie passt das für Sie zusammen?
Punkrock spielte in Israel lange eine sehr untergeordnete Rolle. Als er schließlich im Zuge des neuen internationalen Hypes wiederentdeckt wurde, fiel das zusammen mit der zunehmenden Begeisterung für das Internet. Und deshalb sieht Punk in meiner Geschichte wie das glitzerndste, pinkeste Produkt aus einem Girly-Laden aus. Ich wollte ein visuelles Erlebnis in der Sprache und Ikonographie meiner Helden kreieren, also der Untergrundszene und der Internetwelt.

Was macht die Internetwelt so attraktiv für Jugendliche?
Das Internet erlaubt dem Individuum, sich wie ein Produkt medial zu präsentieren. Man kann ein Rockstar sein oder ein Mädchen von 14 Jahren, das 50.000 Singlemänner über 30 kennt. In diesem Buch, weiß man nie, ob JJ wirklich existiert. Man liest ihre Blogeinträge, sieht ihren MySpace-Status und bekommt Erinnerungsfragmente eines Freundes. Man erlebt sie wie in einem Traum. Und genauso würde man ein Mädchen heute wahrnehmen. In der Facebook-Ära – mein Buch beschreibt genau genommen ein noch älteres Phänomen: die My-Space-Ära – kann man vollkommene Beziehungen zu Menschen haben, die gar nicht existieren oder nur für fünf Sekunden im Monat. Man liest ihre Einträge, schreibt ihnen eine Zeile, sie schicken eine Zeile zurück. Man verabredet sich für ein Rockkonzert, sagt „hi“ und geht vielleicht sogar zusammen ins Bett, und am nächsten Morgen sitzt man wieder allein vorm Bildschirm. Mein Buch benutzt die Ästhetik, die man auf den Webseiten dieser Teenager findet.

Ist es diese Ästhetik, die Ihr Buch so authentisch erscheinen lässt, oder ist das womöglich eine wahre Geschichte? Kannten Sie ein Mädchen wie JJ?
Sehen Sie sich diese Bilder von JJ an. Was stellen Sie fest?

Das ist immer ein anderes Mädchen.
Genau. Und nicht etwa, weil ich ein schlechter Illustrator wäre. Ich wollte, dass der Leser sich fragt: Wer zum Teufel ist sie? Authentisch ist die Geschichte nicht aufgrund einer realen Person, sondern weil es in meinem Leben tatsächlich Mädchen gab, die auf mysteriöse Art einfach verschwanden und mich mit einem Haufen Online-Kommentaren und Postings sitzen ließen. Man kann also eine authentische, intime Geschichte über Personen erzählen, die vielleicht gar nicht existieren, und gleichzeitig „Fakten“ präsentieren in Form von Weblinks als Beweis.

Für Ihren Charakter JJ haben Sie eine MySpace-Seite eingerichtet? Was soll damit passieren?
Das ist mehr oder weniger eine Gedenkseite. Wenn sie nicht so populär wird, ist das für mich nicht schlimm, denn ich wollte vor allem eines: Die Quelle tatsächlich kreieren, auf der mein Buch zu beruhen scheint. Es ist eine MySpace-Seite, weil ich Facebook nicht mag. MySpace beherbergt viel Kreativität, während Facebook wie ein Bankkonto aussieht: einfach zu handhaben und sehr konservativ. Es erinnert mich an „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley, weil das Individuum nicht anerkannt, sondern komplett im Stich gelassen wird.

Das Interview führte Karola Klatt



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