Kein Mix

Jerome Krase

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Ich fahre häufig mit einem öffentlichen Bus, dessen Fahrt-route in einem fast ausschließlich weißen Teil des New Yorker Stadtteils Brooklyn beginnt und durch afroamerikanische, karibische, mexikanische, pakistanische, jüdisch-orthodoxe und chinesische Viertel führt, um schließlich in einem russisch-ukrainischen Bereich namens „Little Odessa“ zu enden. Beim Ein- und Aussteigen an den einzelnen Haltestellen scheinen die Fahrgäste sich zu vermischen, aber selten reden sie miteinander.


Für mich ist dieser Bus ein passendes Bild für die amerikanische Gesellschaft. Seit der letzten großen Einwanderungswelle von 1880 bis 1929 hat Amerika trotz aller Verschiedenheiten funktioniert. Denn es ist so organisiert, dass man, um seine Ziele – Wohlstand, Bildung, einen Platz zum Leben oder Sicherheit – zu erreichen, mit Menschen zusammenarbeiten muss, die anders sind als man selbst.


Schon vor der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten wurde viel über die wachsende ethnische Vielfalt in Amerika gesprochen. Erklärt wurde diese zumeist mit dem Ausmaß der Einwanderung. Doch der Anteil der in einem anderen Land geborenen Bevölkerung ist heute weit geringer als vor hundert Jahren. Die gesteigerte Wahrnehmung der Vielfalt hängt vielmehr mit anderen Faktoren zusammen: Zum einen stammen die sogenannten „Neuesten Amerikaner“ nicht mehr mehrheitlich aus europäischen Ländern, sondern vor allem aus Asien. Aber auch Ängste nach dem 11. September 2001 und eine nicht immer positive Bewertung der Diversität unter den Amerikanern haben die ethnische Vielfalt in den Blick gerückt.


Doch wie kam es überhaupt zu der veränderten ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung in den USA? Das Einwanderungs- und Nationalitätengesetz ersetzte Mitte der 1960er-Jahre eine seit einem Jahrhundert geltende, nach Herkunftsländern aufgeschlüsselte Quotenregelung. Diese hatte Einwanderungswillige aus Europa stark begünstigt. 1965 traten dann Obergrenzen für die östliche und die westliche Hemisphäre in Kraft. Damit war der Weg frei für bis dahin unterrepräsentierte Personengruppen. 2007 gehörte so bereits jeder dritte Einwohner der USA einer Minderheit an. Die größte und am schnellsten wachsende Gruppe waren mit 45,5 Millionen Personen (15 Prozent der Bevölkerung) die Hispanics. Den zweiten Platz belegten mit 40,7 Millionen (13,5 Prozent) die Schwarzen, gefolgt von der am zweitschnellsten wachsenden Gruppe der Asiaten mit 15,2 Millionen (5 Prozent).


2008 sagte das Statistische Bundesamt der USA vo-raus, dass im Jahr 2042 mehr als die Hälfte der Bevölkerung einer dieser Minderheiten angehören und dieser Anstieg vor allem zuwanderungsbedingt sein wird. Doch nationale Bevölkerungsprognosen lassen oftmals einen falschen Eindruck entstehen. Deswegen habe ich meine Sicht auf die „Vielfalt in Amerika“ im H-Net (Humanities and Social Sciences Online) folgendermaßen zur Diskussion gestellt: „Ich schreibe einen Artikel über ethnische Vielfalt in den USA und werde darin metaphorisch behaupten, dass man, würde man unser Land aus der Ferne betrachten, den Eindruck gewinnen könnte, Amerika sei ausgesprochen durchmischt. Bei näherem Hinsehen stellt man aber fest, dass die Diversität nicht gleichmäßig verteilt ist und dass sich an den ‚bunt gemischten’ Orten die ethnische Vielfalt jeweils ganz unterschiedlich zusammensetzt dass die soziale Durchmischung unter den 20- bis 30-Jährigen der Mittelschicht und oberen Mittelschicht mit College-Ausbildung und Bürojobs sehr ausgeprägt ist, dass ich aber davon ausgehe, dass dies nach wie vor in Amerika nicht die Norm ist.“


Daraufhin wurde ich förmlich überschwemmt mit Beispielen für die eingeschränkte Vielfalt auf lokaler Ebene und mit Hinweisen auf Spannungen zwischen alten und neuen Gruppen sowie innerhalb einzelner Minderheiten. Schon 2007 hob David Minckler in seinem Bericht „U.S. Minority Populations Continues to Grow“ hervor, dass die Minderheiten, obwohl sie mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, nicht gleichmäßig über das Land verteilt sind, sondern an der Peripherie der kontinentalen USA und in Hawaii leben. Hispanics sind in Kalifornien, Texas und Florida anzutreffen. In New Mexico bilden sie mit 44 Prozent sogar die größte Bevölkerungsgruppe. Schwarze leben vor allem an der Ostküste und im Süden sowie in zwei Grenzstaaten des Mittleren Westens – Michigan und Illinois. Die kleinste Minderheit, die Asiaten, stellen fast 40 Prozent der Bevölkerung auf Hawaii. Weitere „asiatische Schwerpunkte“ sind die Westküste, New York, New Jersey, Texas und Illinois. Kalifornien und Texas beheimaten fast ein Drittel der gesamten Minderheitenbevölkerung des Landes, während die Staaten im Mittleren Westen und im äußersten Nordosten dagegen den höchsten Prozentsatz an weißen Einwohnern aufweisen. Die im „American Community Survey“ von 2006 geschätzten 37,5 Millionen in fremden Ländern geborenen Einwohner der USA dürften in den Staaten mit großem Minderheitenanteil wie Kalifornien, New York, Texas, Florida und New Jersey sowie in Illinois zu finden sein. Kalifornien, Hawaii, New Mexico und Texas werden bereits jetzt als „Majority-Minority States“ bezeichnet, weil dort die „Minderheiten“ die (weiße) Mehrheitsbevölkerung zahlenmäßig bereits überholen.


Die Weißen nicht lateinamerikanischen Ursprungs, die derzeit etwa 70 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, werden 2050 also voraussichtlich kaum die Hälfte der Bevölkerung stellen. In einem Artikel für die Los Angeles Times zitierte Ricardo Alonso-Zaldivar den Demografen William Frey mit der Aussage: „Es wird ein weißes, ergrauendes Mittelklasse-Amerika geben und daneben ein neuartiges, globalisiertes Amerika, das die Oberhand gewinnen wird.“


Positiv ist zu vermerken, dass die Zuwanderung für einen anhaltenden Bevölkerungszuwachs in den USA sorgt und Steuerzahler hervorbringt, die die Gesundheitsversorgung und die soziale Sicherung für die – zumeist weißen – älteren Menschen finanzieren. Negativ zu bewerten sind die entlang der ethnischen Grenzen geführten Debatten in Kalifornien, wo Vermögenssteuerzahler nicht mehr für Schulen zahlen wollen, deren Schülerschaft einen anderen ethnischen Hintergrund hat.


Ich erwarte, dass die Beziehungen zwischen Zuwanderern und im Lande geborenen Amerikanern spannungsgeladener werden und die Konkurrenz zwischen Minderheits- und Mehrheitsgruppen zu Problemen führt. Eine „Regenbogenkoalition“ aus Latinos und Schwarzen ist, wie Nick Corona Vaca in seinem Buch „The Presumed Alliance“ schreibt, bislang ausgeblieben. Stattdessen habe „überraschenderweise ein Wettstreit um Macht und Ressourcen zu Konflikten geführt. Viele Afroamerikaner sehen im Zuwachs der Latinos eine Bedrohung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Errungenschaften.“


Wenn Amerikaner die ethnische Vielfalt ihres Landes beschreiben, greifen sie oft auf alltägliche Gegenstände zurück: Schmelztiegel, Salatschüssel oder Schmortopf werden zu Bildern, um das Verhältnis zwischen der Mehrheit und den Minderheiten in der Gesellschaft, zwischen Zuwanderern und Alteingesessenen zu erfassen. Wie funktionieren diese Symbole und was sagen sie aus? Der „Schmelztiegel“, in dem alle Zutaten zu einem Ganzen geformt werden, steht für die Assimilation, die „Salatschüssel“ ist ein Bild für den Multikulturalismus: Verschiedene Zutaten werden zwar gemischt, bleiben aber klar erkennbar. Zwischen diesen beiden Polen steht der „Schmortopf“ des Kulturpluralismus: Zwar sind auch nach dem langsamen Garen die Zutaten noch voneinander unterscheidbar, sie haben jedoch eine ähnliche Geschmacksnote erhalten.


Befürworter der Assimilation finden, dass Zuwanderer mit der Gesellschaft verschmelzen sollten. Die Anhänger des Multikulturalismus plädieren dafür, die Verschiedenartigkeit der einzelnen kulturellen Gruppen zu wahren. Das Beibehalten von Zuwandererkulturen wird heutzutage durch Kommunikations- und Verkehrstechnologien erleichtert, die dafür sorgen, dass die Zuwanderer mit ihren Herkunftsländern in Verbindung bleiben können. Die Lebenswirklichkeit im Alltagsamerika entspricht allerdings eher dem Modell des Kulturpluralismus. Während der Assimilationismus Verschiedenheit verabscheut und der Multikulturalismus sie schwärmerisch zum Ideal erhebt, erkennt der Kulturpluralismus den positiven Wert der Vielfalt an, allerdings nur im Zusammenklang mit übergreifenden „amerikanischen“ Werten.


Wie eingangs bemerkt, könnte man aus der Ferne meinen, die in den amerikanischen „Schmelztiegel“ geworfenen neuen Elemente würden sich vermischen, bei näherer Betrachtung erscheinen sie aber als Teile eines sich rasch verändernden Puzzles. Gerade deswegen sehe ich die Gefahr, ins andere Extrem zu verfallen: Wir sollten uns nicht naiv auf ein multikulturelles Modell festlegen, das die Verschiedenheiten über die Gemeinsamkeiten stellt. 


Auch weiß heute niemand, ob die unvermeidliche „Neue Mehrheit“, also die Minderheiten von Asiaten, Schwarzen und Latinos zusammen, nicht die gesellschaftlichen Spielregeln verändern wird. Angesichts der urbanen Durchmischung der gebildeten Jugend der Mittelschicht und oberen Mittelschicht, die ausersehen ist, unsere sich stets wandelnde Gesellschaft anzuführen, erscheint mir dies allerdings sehr zweifelhaft.
 

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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