Die Entdeckung Asiens

von Akiko Fukushima

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


Viele Länder Asiens wurden kolonialisiert und erlangten ihre Unabhängigkeit erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Energie konzentrierten sie im Lauf des 20. Jahrhunderts vor allem auf das „nation-building“, den Aufbau eines Nationalstaats. Da man die nationale Identität in Asien als wichtige Voraussetzung für Souveränität, Einigkeit und Stärke sah, wurde der Identitätsstiftung auf transnationaler Ebene weniger Bedeutung beigemessen.

Erst in jüngerer Zeit rückte mehr oder weniger bewusst die Entwicklung einer überstaatlichen, auf eine größere Region bezogene Identität in den Vordergrund. Dazu beigetragen haben gesteigerte wirtschaftliche Aktivitäten, Handel und Investitionen und die politische Zusammenarbeit innerhalb größerer Regionen Asiens, die neue Möglichkeiten für weitere gemeinsame Projekte eröffneten. Während Europa einen langen Weg der Integration von derGründung der Europäischen Gemeinschaft zum Ausbau der Europäischen Union zurückgelegt hat – was mehr als ein halbes Jahrhundert, wenn nicht sogar länger dauerte –, fehlte es in Asien lange an geeigneten Rahmenbedingungen für eine überstaatliche Zusammenarbeit. Jedes Land pochte auf seine Selbstbestimmung. Asiatische Staaten waren an nichts interessiert, was ihre nationale Souveränität in irgendeiner Weise hätte untergraben können.

Eine Ausnahme ist Südostasien. Mit Blick auf die Ausbreitung des Kommunismus gründeten Indonesien, Singapur, Thailand, die Philippinen und Malaysia 1967 den Verband ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) zur Förderung der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit. Zur wirklich einflussreichen transnationalen Vereinigung wurde die Gemeinschaft allerdings erst in den 1990er Jahren, als man sich stark für das Friedensabkommen von Kambodscha engagierte. Erst in jüngerer Zeit kamen neue Mitgliedsstaaten zu den fünf Gründungsnationen dazu – 1984 trat Brunei bei, 1995 Vietnam, 1997 stießen Myanmar und Laos dazu und 1999 schließlich Kambodscha. Das erste Gipfeltreffen des Verbands südostasiatischer Staaten fand 1976 auf Bali statt, zur regelmäßigen Einrichtung wurden diese Gipfel ab 1992.

Doch was andere Gebiete beziehungsweise transnationale Gemeinschaften in Asien betrifft, mangelte es weiterhin an entsprechenden Institutionen. Im November 1989, der Zeit, in der die Berliner Mauer fiel, wurde das erste Ministertreffen der APEC (Asia-Pacific Economic Cooperation) abgehalten. Seit den 1990er Jahren hat man in einigen Ländern Asiens über Organisationsstrukturen zur Förderung der Zusammenarbeit nachgedacht, so bei der Gründung des ASEAN Regional Forum, des ASEAN+3-Gipfels (die „+3“ sind China, Südkorea und Japan) und des EAS (East Asia Summit) – mit den ASEAN-Mitgliedsstaaten und sechs weiteren Ländern, nämlich China, Südkorea, Japan, Australien, Neuseeland und Indien. Der EAS und der ASEAN+3-Gipfel über die mögliche Gründung einer Ostasiatischen Gemeinschaft haben offenbar auch die Diskussion über eine asiatische Identität in Gang gebracht. Nachdem Gespräche über die Möglichkeiten politischer und ökonomischer Zusammenarbeit in Asien zu einer Debatte darüber führten, ob Asien gemeinsame Werte haben kann und soll, wird inzwischen explizit die Frage nach einer asiatischen Identität gestellt.

Tatsächlich haben nicht Asiaten das Label „Asien“ erfunden, sondern Europäer, als sie bestimmte Gegenden bezeichnen wollten, die nicht zu Europa gehörten. Asien wurde als „nichteuropäisch“ definiert. In Asien wurde dieses Label schlicht akzeptiert und man hat nicht wirklich weiter danach gefragt, was Asien genau ausmacht. Will man heute über Asien reden, muss man also erst einmal klarstellen, was man damit meint. Schon geografisch sind die westlichen Grenzen nicht so genau festgelegt, manchmal werden sie bis zur Türkei ausgeweitet, manchmal nur bis Indien oder Pakistan. Auf der anderen Seite werden die östlichen Grenzen meistens entlang des japanischen Archipels gezogen, gelegentlich aber auch bis zu den Inseln im Pazifik ausgedehnt.

Die Frage, was Asien ist und wie sich Asiaten definieren, stellen sich die Menschen in Asien erst seit Kurzem. Asiatische Publikationen zum Thema gibt es erst seit 20 Jahren. Dass das Thema transnationale Identität in Asien – beziehungsweise asiatische Identität – noch ein ziemlich neues ist, zeigt auch eine Untersuchung der Universität Tokio aus dem Jahr 2005: Auf die Frage, ob man eine die nationalen Grenzen überschreitende Identität hat, antworteten immerhin 92 Prozent der Einwohner Myanmars mit ja, in Korea waren es 71 Prozent, in Japan 42 Prozent, aber nur 6 Prozent in China. Die immense Variabilität hinsichtlich einer überstaatlichen Identität hängt wohl mit der Frage zusammen, ob sich die Menschen stärker mit ihrem jeweiligen Land identifizieren oder eher mit den größeren Gebieten beziehungsweise Kontinenten. In den verhältnismäßig kleinen Ländern sowie in jenen, in denen das transnationale Denken gefördert wird, gibt es vielleicht deshalb eine Tendenz zur Identifikation mit größeren Regionen, weil man konkret von der überstaatlichen Zusammenarbeit zu profitieren hofft. In einem bevölkerungsreichen Land wie China ist die Identität über nationale Grenzen hinweg wiederum sehr schwach ausgeprägt, hier verringert sich die Bedeutung der transnationalen Identität mit Blick auf die nationale.
Allerdings gilt eine relativ schwach ausgeprägte überstaatliche Identität nicht nur für den asiatischen Raum. Sogar in Europa, wo man mittlerweile auf eine 60-jährige Geschichte der überstaatlichen Integration zurückblickt, ist eine europäische Identität nicht unbedingt stark.

Gemäß dem „Eurobarometer“ zur Selbsteinschätzung von Europäern im Jahr 2000 antworteten nur die Luxemburger auf die Frage, ob sie sich eher mit Europa oder ihrem Land identifizieren, dass sie sich als Europäer fühlen. Dass diese Tendenz sehr viel stärker ist als in allen anderen Ländern der Europäischen Union, hat wohl mit dem hohen Anteil an Bürgern aus anderen EU-Staaten zu tun, die in Luxemburg leben. Insgesamt sind die EU-Länder, in denen sich die Menschen bis zu einem gewissen Grad durchaus als Europäer fühlen, in der Mehrheit. Zu nennen sind hier neben Luxemburg Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Österreich und Deutschland. In den anderen EU-Ländern identifiziert sich die Mehrheit der Menschen stärker mit der eigenen Nation als mit Europa – wobei die Entscheidung in Portugal und Irland recht knapp ausfällt. In Großbritannien, in Schweden, Finnland, Griechenland und Dänemark ist die nationale Identität wiederum sehr stark ausgeprägt.

Allgemein lässt sich festhalten, dass die nationale und transnationale Identität in den meisten EU-Ländern nebeneinander bestehen können. Mit Blick auf Asien ist es ermutigend zu sehen, wie man in Europa heute die kulturelle Vielfalt der Mitgliedsstaaten als Kraftquelle für ein vereintes Europa betont. Das Jahr 2008 etwa wurde von der EU zum Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs erklärt. Auf die Frage, ob es eine europäische Kultur gebe oder nicht, sagt eine knappe Mehrheit von 53 Prozent gemäß dem „Eurobarometer“ von 2007, die Länder Europas seien zu unterschiedlich, als dass man von einer gemeinsamen kontinentalen Kultur sprechen könne. Führt man sich die vielen kulturellen, historischen, ethnischen und religiösen Unterschiede in Asien vor Augen, erstaunt es kaum, dass eine asiatische Identität noch wenig ausgeprägt ist und bestenfalls als im Entstehen begriffen bezeichnet werden kann. Bis auf Weiteres werden deutlich unterscheidbare nationale Kulturen in Asien vorherrschen – und können auch eine Kraftquelle Asiens sein. Nun stellt sich die Frage, ob sich die asiatischen Länder miteinander aussöhnen können und ob die regionalen und nationalen Kulturen nebeneinander beziehungsweise gemeinsam bestehen können.

Was bedeutet Identität? Es geht darum, inwiefern man sich mit bestimmten Kulturen und Werten identifiziert. Und was ist dann Kultur? Kultur bezeichnet die Art und Weise, wie wir leben. Sie prägt natürlich auch die Kontakte, die man zum Rest der Welt hat. Die Kultur zeigt sich in den Gütern und Handwerksprodukten, die wir herstellen. In Asien wird die nationale Kultur oft als sehr viel stärker empfunden als die überstaatliche. In der jüngeren Geschichte haben sich nationale Kulturen manchmal in Form des Nationalismus manifestiert. Tatsächlich ist in vielen Ländern Asiens noch ein Nationalismus im weitesten Sinn des Wortes nötig, um politische Kräfte zur Stärkung der Einheit zu mobilisieren. Im Rahmen der Globalisierung konnten in einigen Fällen die universelle und die deutlich nationale Kultur nebeneinander bestehen bleiben. In Asien sind zwei gleichzeitige Trends zu beobachten: Einer ist die deutlich national ausgerichtete Kultur in einzelnen Ländern beziehungsweise eine starke nationale Identifikation. Das hat teils zu einem radikalen Nationalismus und zu Spannungen oder sogar gewalttätigen Konflikten zwischen benachbarten Ländern geführt.

Der andere Trend ist eine Art kulturelle Diplomatie, die asiatische Länder wie Japan, China, Südkorea und Indien in letzter Zeit sowohl im asiatischen Raum als auch weltweit betreiben. Dabei dienen Initiativen zum kulturellen Austausch auch der Verbreitung eines nationalen Images, was manchmal die Gefahr birgt, dass ein Nationalismus im engen Verständnis gestärkt und der Begriff der Kultur an einen bestimmten Nationalstaat gebunden wird.

Bei der japanischen kulturellen Diplomatie der 1950er und 1960er Jahre etwa ging es darum, das Image Japans zu verändern – weg vom Bild einer militaristischen Nation, wie man es aus dem Zweiten Weltkrieg kannte, hin zu jenem eines friedliebenden Landes mit symbolträchtigen Traditionen wie der Teezeremonie und der Blumensteckkunst. In den späten 1960er und 1970er Jahren sollte das Image das einer wirtschaftlich aufstrebenden Nation sein. In den 1980er Jahren wiederum legte man in Japan Nachdruck auf die kulturelle Zusammenarbeit sowie die Bewahrung des kulturellen Erbes man versuchte, weltweit Studien zur japanischen Kultur zu fördern. Seit den 1990er Jahren betont man nicht so sehr die exotischen Aspekte der japanischen Kultur, sondern präsentiert sich als Pionier einer postmodernen Kultur, deren Denken und deren Grundhaltung im japanischen Lebensstil verankert sind: einer Art „Cool Japan“. Diese Tendenz trifft sich mit dem weltweit gesteigerten Interesse sowohl an der traditionellen wie auch der zeitgenössischen japanischen Kultur, etwa dem Animé - also den in Japan produzierten Animationsfilmen - , den japanischen Comics, die unter dem Namen „Manga“ bekannt wurden, der Mode, Pop, Musik, japanischer Küche und Romanen von Autoren wie Haruki Murakami und Banana Yoshimoto.

Chinas Hinwendung zur kulturellen Diplomatie ist jüngeren Datums, sie begann mit der Politik der Öffnung 1978 und dem Ende des Kalten Krieges. In den letzten zehn Jahren hat man in China die Kultur als Möglichkeit erkannt, den Einfluss des Landes auch im Sinn „weicher“ Machtfaktoren auszuweiten. So wurde die Kultur 2002 beim 16. Kongress der Kommunistischen Partei Chinas als wichtiges Thema herausgestellt und im Jahr 2006 entwarf der chinesische Staatsrat einen Plan zur Förderung des internationalen Kulturaustausches mit dem Ziel, Chinas „weiche Macht“ zu vergrößern. Heute bemüht man sich in China um kulturelle Austauschprogramme und die Verbreitung der chinesischen Sprache. Beeindruckend ist die Einrichtung der „Konfuzius-Institute“ – das erste dieser Institute wurde im November 2004 eröffnet, im August 2007 hatten bereits 177 ihre Arbeit aufgenommen.

Während einige Länder Asiens ihre nationalen Kulturen sowohl im Land selbst als auch weltweit zur Imagebildung nützen, finden manche Elemente der nationalen Kulturen, vor allem Popmusik, Fernsehserien, Animés und Essen über die Ländergrenzen hinweg und vor allem im asiatischen Raum Verbreitung und können so vielleicht ein Beitrag zur Ausbildung einer Art asiatischen Identität sein. Diese Entwicklung verdankt sich einerseits den verbesserten Reisemöglichkeiten für Asiaten innerhalb Asiens seit den späten 1980er Jahren, andererseits der Verbreitung von Medien, dem Fernsehen und Radio, der Presse und dem Internet. Man könnte dies den „asiatischen Korridor“ nennen. Dank eines phänomenalen Wirtschaftswachstums hat eine sogenannte urbane asiatische Mittelklasse in der Größenordnung von 200 bis 500 Millionen Menschen seit den 1990er Jahren einen länderübergreifend ähnlichen Lebensstil. Oft wohnt man in Ein- oder Zwei-Zimmer-Apartments mit Fernseher und Stereoanlage und am Wochenende spielt man Golf. Ihre Wohnzimmer schmückt die urbane Mittelschicht mit Fotos von ihren Urlaubsreisen in alle Welt.

Die Mitglieder dieser Schicht haben Universitätsabschlüsse, schauen internationale Nachrichtensendungen und interessieren sich für die neueste Mode. Machte diese gesellschaftliche Gruppe vor ein paar Jahrzehnten nur eine Handvoll Menschen aus, stellt sie jetzt einen Gutteil der Bevölkerung und hat das, was man vielleicht als übergreifend asiatische Kultur bezeichnen könnte gemeinsam. In Tokio laufen koreanische und chinesische Filme. Während vor zehn Jahren fast nur ausländische Filme aus Hollywood und Frankreich im japanischen Fernsehen zu sehen waren, werden inzwischen fast täglich chinesische und koreanische Seifenopern gezeigt. In einer Erhebung mit japanischen Universitätsstudenten bejahten im Jahr 2002 54,9 Prozent die Frage, ob sie koreanische Fernsehserien schauten 2003 waren es schon 67,6 Prozent. Einer ähnlichen Umfrage in Schanghai aus dem Jahr 2004 zufolge kannten 58,8 Prozent der Befragten im Alter zwischen 18 und 60 schon koreanische Filme und Fernsehserien.

Chinesische und koreanische Jugendliche spielen japanische Computerspiele und lernen dabei sogar ein paar Worte Japanisch. Im Urlaub reisen sie nach Japan, um sich mit der neuesten Mode einzudecken die Flugverbindungen zwischen chinesischen, japanischen und koreanischen Städten sind deutlich ausgebaut worden. In Zeiten der Globalisierung haben wir es mit zwei gegenläufigen Tendenzen zu tun. Einerseits hat die Globalisierung die nationalen Barrieren für einen internationalen Kulturaustausch abgebaut. Andererseits stärkt gerade die Tatsache, dass die Welt durch die Globalisierung flach geworden ist, das Bewusstsein von Nationen und Völkern für ihre Kultur, ihre ethnischen und historischen Identitäten. Worauf sollten wir unsere Bemühungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts konzentrieren? Wahrscheinlich sollten wir sowohl nationale wie übergreifende Kulturen beziehungsweise Identitäten entwickeln, anstatt eine der beiden als ausschließliche Alternative zu wählen.

Die wachsende wechselseitige Abhängigkeit in Asien in Sachen Ökonomie, die zunehmend enger vernetzten Produktions- und Vertriebsstrukturen haben zu einer Diskussion über den Aufbau einer ostasiatischen Gemeinschaft geführt. Die Grundlage für eine solche Gemeinschaft sollte neben einer politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit eine gemeinsame kulturelle Identität sein. Ohne eine solche wäre der Weg zur transnationalen Gemeinschaft nicht frei von politischen Schwierigkeiten. Trotz mancher historischer Feindseligkeiten und nationalistisch motivierter Kontroversen finden immer mehr Menschen im Stillen über den „asiatischen Korridor“ Zugang zu einer gemeinsamen Kultur. Bis zu einer Verschmelzung, die sich als asiatische Identität bezeichnen ließe, könnte allerdings noch einige Zeit vergehen.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



Ähnliche Artikel

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Weltreport)

Rotkäppchen und der Tiger

von Claudia Schmölders

Wie die Märchen der Brüder Grimm in anderen Ländern erzählt werden

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Bücher)

Offensiver Charme

von Konrad Seitz

China hat in den letzten Jahren ein positives Bild in den Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens aufgebaut – eine Analyse des amerikanischen Journalisten Joshua Kurlantzick

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Kulturprogramme)

Asien im Biennalefieber

von Ursula Zeller

Das Ausstellungsformat der Biennale erlebt einen ungeheuren Boom – das ursprünglich westeuropäische Projekt entwickelt sich zum Exportschlager in Asien

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

Der Marsch durch die Institutionen

von Shin Heisoo

Wie die „Trostfrauen“ um ihr Recht auf Anerkennung und Entschädigung kämpfen

mehr