Darüber lacht der Irak

von Abbas Khider

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Ausgabe III/2008)


„Humor und Geduld sind zwei Kamele, mit denen man durch jede Wüste kommt.“ Diese arabische Weisheit haben die Iraker verinnerlicht und es scheint, als hätten sie in den zahllosen Kriegen alles verloren außer ihren beiden Kamelen. Viele Witze werden im Irak von einer Generation an die nächste weitergegeben, wie dieser: 

Ein Junge fragt seinen Vater, wie Politik funktioniert. Der Vater antwortet: „Politik machen alle, auch wir zu Hause. Ich bin das Kapital, ich verdiene das Geld. Das gebe ich deiner Mutter, sie ist die Regierung. Unsere Bedienstete ist die Arbeiterschaft. Sie bekommt Geld von der Regierung, also von deiner Mutter. Das Kapital, die Regierung und die Arbeiter organisieren alles für dich. Du bist das Volk. Und alle zusammen kümmern wir uns um deinen kleinen Bruder. Er ist die Zukunft.“ In der Nacht wacht der Junge auf, weil sein kleiner Bruder weint. Er sieht nach ihm. Das Baby ist allein in seinem Zimmer und hat sich in die Windeln gemacht. Der Junge schreit nach den anderen, aber niemand kommt. Er geht ins Zimmer seiner Mutter, die tief und fest schläft. Also geht er ins Zimmer seines Vaters, der sich gerade mit der Bediensteten im Bett vergnügt. Beim Frühstück fragt ihn der Vater: „Hast du verstanden, was Politik ist?“ Darauf der Junge: „Das hab’ ich! Politik heißt, dass die Regierung schläft, während das Kapital die Arbeiterschaft fickt. Das Volk schreit um Hilfe und die Zukunft steckt bis zum Hals in der Scheiße.“

Viele dieser Witze existieren noch in der heutigen Zeit, in der der Vogel des Todes täglich durch die irakischen Straßen spaziert. „Kennst du schon den neuesten Witz?“ Diese Frage höre ich jedes Mal, wenn ich im Irak anrufe. Über alles Witze zu machen, sogar über sich selbst, ist ein Merkmal jedes irakischen Gesprächs. Früher war Saddam Hussein das beliebteste Ziel der Witze. Ein Vater trägt seinen Sohn auf den Schultern durch Bagdad. Als sie an einem Porträt von Saddam vorbeikommen, schreit das Kind: „Papa, da ist der Mann, auf den du immer spuckst, wenn Du ihn im Fernsehen siehst!“ Erschrocken nimmt der Vater seinen Sohn von den Schultern und ruft: Hat jemand dieses Kind verloren?“

Dann folgten die zum Teil recht rassistischen Witze über die Kurden, die als dumm oder naiv dargestellt wurden. Auch sehr beliebt sind Witze über die Südiraker, die „Ossis“ des Irak. Nicht zu vergessen die Witze über den bekannten irakischen Sänger Sady Al-Hily (1922-2005), der als Homosexueller verhöhnt wird, der immer auf der Suche nach hübschen jungen Männern ist.Warum wurde Sady Al-Hily Terrorist? Um von den blonden jungen amerikanischen Soldaten festgenommen und im Abu-Ghuraib-Gefängnis zum Sexsklaven gemacht zu werden.

Heute gibt es Witze über die US-Soldaten, George W. Bush oder die neuen irakischen Politiker. Wie in anderen Ländern auch sind viele Witze nur für Iraker verständlich. Sie nutzen Anekdoten der Geschichte oder den irakischen Dialekt. Wenn also George W. Bush auf seine Frage, was er im Irak noch machen soll, von Bill Clinton den Rat bekommt: „Mach es wie ich mit Monica Lewinsky! Nimm den radikalen Schiiten-Führer As-Sadr fest“, muss man wissen, dass die wörtliche Bezeichnung des Nachnamens As-Sadr „Busen“ ist und festnehmen im irakischen Dialekt auch „anfassen“ bedeutet.

Aber es gibt Witze, die auch ohne Vorkenntnisse funktionieren. Über den Präsidenten Dschalal Talabani werden neuerdings die meisten Witze gerissen. Der dicke Präsident Dschalal Talabani war in Indien. Viele Inder warfen sich auf den Boden und küssten seine Füße. Er fragt den Übersetzter: „Die Iraker machen täglich schlechte Witze über mich und die Inder küssen mir die Füße. Warum?“ Der Übersetzer erklärt: „Nun ja, viele Inder glauben, Kühe seien Götter.“

Die Witze über die Amerikaner verdeutlichen die kulturellen Unterschiede zwischen Irakern und amerikanischen Soldaten, die oft nicht wissen, wie man sich im Irak verhalten soll. Wieso sind viele amerikanische Soldaten nicht mehr blond, sondern schwarz? Weil sie täglich in den Ölquellen baden. Die meisten aktuellen Witze sind bitter bis makaber. Genauso wie das Leben der Menschen. Aber trotzdem bringen sie sich gegenseitig in ihrem traurigen Leben zum Lachen. Sogar die Skandale im Abu-Ghuraib-Gefängnis verewigten sie in Witzen: Ein Iraker, der in diesem Gefängnis saß, wurde entlassen. Zu Hause fragt er, ob man ihn im Fernsehen gesehen habe. Der Bruder verneinte. Der Ex-Gefangene sagte: „Hey, Mann! Ich war der dritte nackte Arsch auf der rechten Seite!“



Ähnliche Artikel

Toleranz und ihre Grenzen (Was anderswo ganz anders ist)

Wie man im Irak einen Gast einlädt

von Abbas Khider

Jeder Araber kennt den aus dem 6. Jahrhundert stammenden Vers von Hatam Al Taay, der für einen Gast sein einziges Schaf schlachtete: „Ich bin ein Sklave für den Gast.“

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Bücher)

Euro-Islamischer Kulturdialog

von Miriam Schneider

Der Arabist Muhsin al-Musawi geht in seiner neuesten Publikation der Frage nach, welche Rolle die Kultur für die Selbstwahrnehmung der irakischen Bevölkerung im...

mehr


Talking about a revolution (Thema: Widerstand)

Eine andere Idee von Heimat

von Kadhem Khanjar

Seit mehreren Monaten geht die irakische Jugend auf die Straße. Wofür kämpft sie? 

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Weltreport)

Freie Hand

von Kofi Annan

Wie wir mit politischen Karikaturen umgehen sollten

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Thema: Vereinigte Staaten)

Notizen von der Front

von Nicholas Kulish

Der Journalist Nicholas Kulish hat eine Satire über den Irakkrieg geschrieben

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Was anderswo ganz anders ist)

Wie man mit britischem Humor ein Orchester dirigiert

von Simon Rattle

Gerade bei der Arbeit mit dem Orchester ist es sehr wichtig, einen Weg zu finden, um schwierige Situationen zu meistern

mehr