Der Muzungu auf dem Campus

von Severin Peters

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


„You have to understand that Africans are different from Europeans, young man. We are very emotional, some people even say that we have less talent for reason“, lehrte mich der Professor der Vorlesung „Politics in Africa“ gleich in meiner ersten Woche an der Universität. Mein Auslandssemester in Kenia im Herbst 2006 gründete auf dem diffusen Plan, die afrikanische Kultur besser verstehen zu wollen, und die Voraussetzungen dafür waren nicht schlecht, war ich doch wieder einmal der einzige Weiße im Raum.

Denn an der staatlichen Kenyatta University in Nairobi studieren nur zwölf Ausländer neben knapp 20.000 Kenianern. Gute drei Prozent eines kenianischen Abschlussjahrgangs dürfen die Universität besuchen, und von ihnen wird etwa die Hälfte finanziell von der Regierung unterstützt. Wer es sich leisten kann, studiert eher an einer der teureren, privaten Universitäten des Landes, wo die Bibliotheken besser ausgestattet und die Verwaltung effizienter organisiert sind. Und auch die Dozenten werden nicht so schlecht bezahlt.

Je weniger Muzungus (Weiße) es gibt, desto größer das Interesse an ihnen. Bei meinem ersten Mensabesuch – ich aß wie jeden Mittag und jeden Abend Ugali (Maispüree) mit Bohnen – sprach mich gleich ein Kommilitone an, und wenig später setzte sich noch eine Studentin dazu und lud uns beide spontan zum Abendessen in ihr Zimmer ein. Fiel mir der soziale Einstieg wegen der Offenheit und Freundlichkeit der Afrikaner auch leicht, musste ich mich an die grausame Toilettenhygiene und die unregelmäßige Stromversorgung erst gewöhnen. Schwer erträglich wurde die Situation, als wir einmal über 40 Stunden wegen eines Stromausfalls weder fließendes Wasser noch elektrisches Licht hatten. Spontan versammelten sich einige hundert Studenten, um aus Protest gegen die Verwaltung den Highway vor der Universität zu blockieren.

Am nächsten Morgen versprach die Universitätsleitung per Aushang, dass die defekte Stromleitung bis zum Abend repariert sei. „This is how it works in Africa“, erklärte mir ein Freund, „you have to use a lot of pressure to make something happen.“ Die Studenten nutzten ihre sprudelnde Energie aber nicht nur für Proteste, sondern auch für eine fantastische „Culture Week“, während der es ein tolles Programm aus Musik, traditionellem Tanz, Theater und Lyrik gab. Die nackten, bemalten Oberkörper der jungen Männer, die abblätternden Tapeten des Klassenraums, die grellen Schreie der Frauen, das Neonlicht – irgendwie wollte alles nicht recht zusammenpassen. Und doch war es typisch für die Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne, die mir im Alltag wie in den Seminaren auf Schritt und Tritt begegnete.

„Die Demokratie in Kenia muss ihre eigene, afrikanische Form noch finden“, diktierte der eingangs erwähnte Professor den Studenten mit monotoner Stimme in die Blöcke. Fast alle Dozenten unterrichten in Kenia im Diktat, und das ist genauso langweilig, wie es sich anhört. 
 So war ich auch nicht allzu traurig, als die Dozenten streikten und in den Verhandlungen mit dem kenianischen Staat 600 Prozent mehr Lohn forderten, um somit die gleichen Bezüge zu erhalten wie die korrupten Parlamentarier. Die Universität wurde geschlossen – und mein Auslandssemester war nach knapp zwei Monaten beendet. Allerdings konnte ich die frei gewordene Zeit bei einem Fischer auf einer Insel im Indischen Ozean verbringen, und habe vielleicht noch einmal so viel über die afrikanische Kultur gelernt wie auf dem Campus.



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