Ein Erfolg der Geschichte

Valéry Giscard d’Estaing

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Seit dem Westfälischen Frieden 1648 steht die deutsch-französische Verbindung im Zentrum der europäischen Geschichte. Allerdings ist sie eine sehr kuriose Verbindung: Einerseits fand zwischen beiden Ländern stets ein reger Austausch statt. Andererseits wurde diese Beziehung von sehr blutigen Kriegen erschwert.
In den 1950er Jahren schlug Robert Schuman schließlich die Versöhnung vor. Zur erfolgreichen Annäherung trugen drei Politiker-Paare bei: Konrad Adenauer und Charles de Gaulle etablierten ein zugleich menschliches und historisches Fundament für die Versöhnung. Helmut Schmidt und ich trieben die größten institutionellen Fortschritte an. Helmut Kohl und François Mitterrand setzten sich mit der deutschen Wiedervereinigung auseinander.
Inzwischen hat das steile Bevölkerungswachstum das bisherige Gleichgewicht in den Bereichen Arbeit, Produktion, Konsum und Umwelt erschüttert. Heute organisiert man sich innerhalb großer Ensembles von Milliarden Menschen im Rahmen der Globalisierung, die einfach entstand, ohne je formalisiert zu werden. Die Europäische Union ist inzwischen von sechs auf 27 Länder angewachsen. Früher war sie homogen, heute ist sie weitaus vielfältiger.
Kann in diesem Rahmen die deutsch-französische Partnerschaft bestehen?
Der Prozess der Wiedervereinigung und die damit verbundenen Kosten nähern sich inzwischen ihrem Ende. Deutschland weist heute eine eher gesunde Wirtschaft auf und verfügt international wieder über einen bedeutenden Platz.
Frankreich seinerseits befindet sich in einer Transitionsphase. Das Wachstum ist schwach, die Arbeitslosigkeit hoch. Das Defizit im Außenhandel wird ignoriert, obwohl es sehr hoch ist. Die Schulden haben sich seit 1981 verfünfzehnfacht. Diese Situation hat psychologische Auswirkungen: Die Franzosen haben Angst. Doch müsste diese Phase bald ihr Ende erreichen.
Ich glaube, dass die deutsch-französische Partnerschaft einer der größten Erfolge der Geschichte ist. Gemeinsam haben Deutschland und Frankreich genauso viele Einwohner wie Russland, dafür ein zweimal höheres Bruttoinlandsprodukt. Also bilden sie ein Ensemble.
Ich sehe drei mögliche Perspektiven für die deutsch-französische Partnerschaft: Die Rückkehr zu einem gewissen Nationalismus ist zunächst eine ernst zu nehmende Tendenz. Die Kandidaten zur französischen Präsidentschaftswahl etwa haben sich während der Kampagne fast ausschließlich mit inneren Angelegenheiten auseinandergesetzt.
Eine zweite Option wäre, die deutsch-französische Eintracht nur als solche zu betrachten, sie als ein Ensemble von gemeinsamen Werten, mit starken intellektuellen, philosophischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten weiterexistieren zu lassen.
Die dritte Option lautet: Die deutsch-französische Partnerschaft stellt sich als treibende Kraft in den Dienst der EU. So war es die Regel bis 1995, als Frankreich und Deutschland zusammen etwa 60 Prozent Europas bildeten. Die anderen akzeptierten diese Idee. Heute herrscht eine Rhetorik des Misstrauens. Eine deutsch-französische Führung wird vehement missbilligt.
Es wäre sicherlich ungeschickt, sogar unnötig, die Führung fortzuführen. Aber es ist auch unvorsichtig und unfair von den anderen, dem deutsch-französischen Paar gegenüber Argwohn zu hegen. Immerhin finanziert es Europa und arbeitet daran, dass das Projekt vorankommt. Ohne Deutschland und Frankreich passiert nichts. Und ich glaube nicht, dass beide Länder von einem diskriminierenden Willen den anderen gegenüber beflügelt sind.In der heutigen Welt wäre es für niemanden von Vorteil, wenn die deutsch-französische Partnerschaft geschwächt würde.
Die beiden letzten Optionen können wir noch vier bis fünf Jahre offenhalten. Am Ende müssen unsere Partner bereit oder fähig sein, an einer echten Organisation des europäischen Kontinents zu arbeiten. Das hieße, dass die Menschen Opfer bringen müssen, und zwar nicht unbedingt finanzieller oder ökonomischer Natur, sondern indem sie aufhören zu reden und stattdessen handeln.
In diesem Sinne hat sich Nicolas Sarkozy in Brüssel im letzten Sommer zum Stand der Europäischen Verfassung unglücklich geäußert: Ein großes Gründungsland spricht nicht von einem Mini-Abkommen. Die richtige Grundposition lautet: Europa braucht eine institutionelle Reform. Diejenigen, die Angst vor der Rückkehr des Autoritarismus in Frankreich haben, kennen uns aber sehr schlecht.

Aus dem Französischen von Elise Graton



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