Angreifbar weil ungreifbar

Marcel Pott

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Toleranz heißt Respekt vor dem Andersdenkenden. Folgende Frage stellt sich uns heute in der postmodernen westlichen Gesellschaft: Wo ist die Grenze erreicht, an der man die eigenen Werte schützen muss. Wir müssen uns deutlich machen, dass wir in der liberalen Gesellschaft eine kollektive Identität entwickelt haben. Diese ist jenseits von Religion und Nation angesiedelt, und folgt vielmehr dem Motto: „Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden.“ Dies ist prinzipiell in Ordnung. 
 Die Muslime in unserer Gesellschaft zwingen uns zur Frage „Wer sind wir?“ Denn bevor wir nicht unsere eigene Identität klar definiert haben, können wir auch nicht von anderen verlangen, dass sie bestimmte Grundwerte, die für uns unverrückbar sind, annehmen und teilen. Wir brauchen eine positiv bestimmte Identität, die über die Unverbindlichkeit und libertäre Grundhaltung, die sich in den Nach-68er-Dekaden entwickelt hat, hinausgeht.


 Meiner Meinung nach fehlt dem Westen heute vielfach ein klarer Standpunkt. Wir müssen definieren, was es heißt, Mitglied einer liberalen und offenen Gesellschaft zu sein, die durch einen ganz klar bestimmten Wertekanon zusammengehalten wird. Tun wir das nicht, werden wir von jenen überwältigt, die sich in ihrer überkommenen Identität ganz sicher sind, und das sind die orthodox gläubigen Muslime. Diese sind sich in ihrer Identität unverrückbar sicher. Sie glauben, die Wahrheit immer auf ihrer Seite zu haben. 


 Woher kommt die westliche Standpunktlosigkeit? Die schwache Identität der modernen liberalen Gesellschaften in Europa und Nordamerika hat sich aufgrund der Zugeneigtheit zu einem offenen Pluralismus und Multikulturalismus entwickelt. Dies gipfelt, wie es Francis Fukuyama beschrieben hat, darin, dass Mitglieder liberaler Gesellschaften stolz darauf sind zu sagen, unsere Identität ist es, keine Identität zu haben. Darin liegt das Problem. Wenn wir von Minderheiten, die wir integrieren wollen verlangen, bestimmte Werteordnungen zu teilen, dann müssen wir das so tun, dass wir uns positiv definieren. 


 Die Intellektuellen in der Nahostregion nehmen sehr wohl wahr, dass der Westen einen solchen Standpunkt nicht hat. Und Fundamentalisten, militante Islamisten, nehmen das natürlich auch wahr. Das ist also keineswegs nur eine Auseinandersetzung im Westen. Die hauptsächlichen Kritikpunkte der Muslime in der arabisch-islamischen Welt gegenüber dem Westen und seiner Werteordnung sind Korruption und Verderbtheit. Der Westen hat in seiner Beliebigkeit die Orientierung verloren und so ist beispielsweise auch die Keimzelle jeder Gesellschaft, die Familie, auseinander gebrochen. Im Nahen Osten wird immer wieder darauf verwiesen, dass die westlichen Gesellschaften orientierungslos dahin schwimmen. Dieser Hinweis kommt gerade auch von Menschen, die den Islam als politische Ideologie und als Reformideologie verstehen und glauben, dass der Islam das Rüstzeug bereitstellt, um die islamischen Gesellschaften zu reformieren, natürlich auch im Zusammenhang mit der Tradition. Diese Leute sagen, die Werteorientierung des Westens ist deshalb so schwach geworden, weil er seine Traditionen über Bord geworfen hat. 


 Dennoch versuchen die aufgeklärten, fortschrittlichen Muslime die westliche Werteordnung bis zu einem gewissen Grade zu respektieren. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass orthodox gläubige Muslime in unserer Gesellschaft der Auffassung sind, sie vertreten die Wahrheit an sich. Diese umfasst eine bestimmte Werteordnung und die ist in ihren Augen unverrückbar. Da dem Westen vielfach ein dezidierter Standpunkt fehlt, wird er auch von vielen Fundamentalisten als schwach angesehen. 


 Die Problematik in der Auseinandersetzung mit dem Westen wird auch darin deutlich, dass ein orthodoxer Muslim mit einem orthodoxen Katholiken besser umgehen kann als mit einem säkularisierten, multikulturell geprägten, westlichen Großstadtmenschen. Bei liberalen, der Beliebigkeit verpflichteten Multikulturalisten, ist den Islamisten nicht klar, wofür diese stehen oder auch nicht. Das wissen die Orthodoxen unter einander doch recht eindeutig. 


 In der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen ist es für den Westen unabdingbar, auf den eigenen Werten zu bestehen. Wenn wir aber in der Mehrheitsgesellschaft auf diesen bestehen, müssen wir das in der Praxis auch deutlich machen. So können wir beispielsweise die von orthodoxen Muslimen als Gott gegeben dargestellte Unterordnung der Frau unter die Befehlsgewalt des Mannes auf keinen Fall akzeptieren. Dies widerspricht den Grundwerten unserer Verfassung, hier ist eine Grenze erreicht. In solchen Fällen muss sich die Minderheit der Mehrheit unterordnen. 

Protokolliert von Falk Hartig



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