Die Farbe des Geldes

Elise Graton

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


1999 fliege ich zum ersten Mal nach Afrika. Genauer gesagt nach Westafrika in die Elfenbeinküste. Ich bin nicht allein. Ich begleite acht Studenten der Kunstakademie Düsseldorf, darunter den Ivorer Cocoby, der diesen Austausch mit der Ecole des Beaux-Arts Abidjan angeregt und organisiert hat. Ich freue mich auf die Reise. Ich habe in meiner französischen Heimatstadt viele Freunde, die aus Westafrika stammen. Durch sie ist mir die westafrikanische Kultur nicht mehr ganz fremd. Dennoch bin ich gespannt, was ich vor Ort alles noch entdecken werde.


 Am Flughafen von Abidjan empfängt uns eine Natursauna. Halb betäubt vom tropischen Klima beobachte ich, wie zwei junge Männer eifrig unsere Koffer auf Gepäckwagen stapeln. Die Atmosphäre gleicht einem amerikanischen Supermarkt, in dem hilfsbereites Personal der Kundschaft beim Einpacken hilft. Aber es scheint mir, als bekomme nur unsere Gruppe diese besondere Aufmerksamkeit. Anders als der kostenfreie Service im Supermarkt wollen hier die Leute natürlich etwas haben. Peinlich wird es, als wir den von der Stadt zur Verfügung gestellten Kleinbus erreichen: Noch keiner von uns hat heimische CFA-Francs im Portemonnaie. Cocobys Bruder, der uns abholt, zahlt für uns.


 In den nächsten Tagen stellt sich heraus, dass unsere weißen Gesichter das Vorurteil hervorrufen, wir seien steinreich. Auf Märkten löst dementsprechend unsere Ankunft eine ungeheure Geschäftstüchtigkeit bei den Händlern aus. Wenn wir an einem Stand nicht anhalten, kommt der Händler heraus, um uns zurückzuholen. Dann schaue ich den Leuten in die Augen und sage höflich: „Nein, danke.“ Beide Wörter wirken magisch. Leider in die entgegengesetzte Richtung: als wäre „non, merci“ ein mir bisher unbekanntes Synonym für „Ich kaufe alles“. 
 Dass unsere Gruppe sich zum Teil als sehr kauffreudig erweist, macht die Sache noch komplizierter. Wenn einer etwas kauft, soll eben der andere auch. Als eine Studentin wieder ihr Portemonnaie zückt, ergreife ich die Flucht. Ich lege mich in den Bus und tue so, als würde ich schlafen.


 Egal, wo wir auftreten, bringen wir die Massen in Bewegung. Wie Popstars. Manche von uns haben Spaß dabei. Warum auch nicht: Wo bekommt man sonst so viele Aufmerksamkeit? Ich möchte aber, dass die Leute aufhören, mich ständig daran zu erinnern, dass ich nicht in einem armen Land aufgewachsen bin, sondern im reichen Europa. Ich möchte normal behandelt und nicht mit einem Geldautomaten verwechselt werden. Dabei lebe ich in Deutschland unter der offiziellen Armutsgrenze. Mein Flugticket habe ich nicht mal selbst bezahlt!


 Jedem einzelnen Menschen meine Lage zu erklären wäre mühsam und vor allem unangebracht. Wahrscheinlich bin ich immer noch reicher als 98 Prozent der ivorischen Bevölkerung. Verglichen mit den örtlichen Lebensumständen, bin ich natürlich privilegiert. Dass aber die Kommunikation aus diesem Grund scheitert, ist ernüchternd.


 Der Höhepunkt meines Dilemmas wird in Cocobys Heimatdorf erreicht. Dort, in der Nähe von Bouaké, nördlich von Abidjan, hoffe ich, mich mit den Dorfbewohnern einfach in Ruhe zu unterhalten. Da unser Besuch aber in der ganzen Gegend angekündigt wurde, ist die eigentlich längst in die Stadt gezogene Jugend nun anwesend. Den ganzen Nachmittag verbringe ich damit, meine Adresse auf Zettel zu schreiben. Die jungen Menschen versprechen sich ein Visum nach Europa davon. Irgendwann drückt mir ein Junge eine Nuss in die Hand. Ich bedanke mich. In dem Moment streckt er mir die andere Hand entgegen. Resigniert versuche ich gar nicht erst zu argumentieren, dass die Nüsse überall auf dem Boden liegen. Ich greife lieber in meine Hosentasche nach ein paar Münzen, die ich ihm lasch übergebe. 


 Am Abend beschließen ein anderer Student und ich, nach Deutschland zurückzufliegen. Wir haben einfach genug vom Rollenspiel. In Ferké rast ein Bus an uns vorbei und hält ein paar Meter weiter. Ich meine ein mit «Abidjan» beschriftetes Schild an der Seite erblickt zu haben. Wir rennen hinterher. „Fahren Sie nach Abidjan?“ – „Ja, steigen Sie ein!“ Das überlegen wir nicht zweimal. Ferké ist eine traurige Stadt. Die Häuser sind aus grauem Beton gebaut. Die Blicke der Bewohner scheinen aus demselben Material zu bestehen. Ferké liegt bald hinter uns. Die Nacht bricht herein. Im Bus wird es still. LKW-Leichen interpunktieren ab und zu den Straßengraben. Der Fahrer nickt über seinem Lenkrad allmählich fast ein. Während mein Freund aufbleibt, sinke ich in den Schlaf.


 In jedem Dorf halten wir an. In jedem Dorf wache ich auf. Durch die Fensterscheibe sehe ich, wie Menschen an den Bus kommen und den Passagieren Wasser, Obst oder Brot verkaufen. Ich traue mich nicht, das Gesicht nah ans Fenster zu halten. Ich fürchte mich vor erneuter Handelshysterie. In jedem Dorf wiederholt sich die ruhige Versorgung. Ich sehe gerne zu. Schließlich öffne ich doch das Fenster und lasse den Kopf ein wenig heraushängen. Doch ich vermeide Blickkontakte. Keiner interessiert sich für mich.


 Beim nächsten Halt winke ich eine Frau herbei. Ich habe Hunger. Sie kommt alleine zu mir. Ich will zwei ihrer Bananen kaufen. Sie will mir auch nur zwei verkaufen. Was ist passiert? Es ist einfach: Zwei Weiße fallen weniger auf als neun, vor allem wenn sie mitten in der Nacht in einem überfüllten schrottigen Bus sitzen, sozusagen alle im selben Boot. Gleichzeitig hat mein Interesse an den Leute nachgelassen. Ich bin irgendwie abgestumpfter, neutraler.


 In Abidjan geht es wieder von vorne los mit der Hysterie. Ich kann mich nun aber mit wenigen Worten und Blicken durchsetzen. Der Kontakt ist echt, zwar flüchtig und immer wieder gefälscht von den üblichen Vorurteilen. Dennoch gibt es jetzt so etwas wie ein gegenseitiges heimliches Verständnis. Dieser Veränderung folgen die vier besten Tage unseres Aufenthalts.


 Würde ich länger in der Elfenbeinküste wohnen, würde ich sicher immer wieder auf dieselben Barrieren stoßen. Die Erfahrung zu machen, wegen seiner Hautfarbe anders behandelt zu werden, ist schmerzhaft, aber auch wissenswert. Man denkt darüber nach, wie Dunkelhäutige sich in Deutschland möglicherweise fühlen.


 Wahrscheinlich machen alle Europäer dieselben Erfahrungen dieser Art in Ländern der Dritten Welt. In der Elfenbeinküste kamen uns die Menschen die meiste Zeit zuvorkommend entgegen. Aber wie lange noch? Wenn die soziale Kluft zwischen der Dritten und der Ersten Welt noch tiefer wird: Wird Europa irgendwann zu einem verhassten Reichenghetto werden? Werden Europas Bewohner wegen ihrer privilegierten Lage im Ausland nicht mehr toleriert? Solche Gedanken beunruhigen mich.
 



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