Gott macht kein Kreuz

von Michael Walzer

Toleranz und ihre Grenzen (Ausgabe III/2007)


Das Verhältnis von Religion und Politik ist derzeit ein zentrales Thema in öffentlichen Debatten. Ich beginne mit einer kleinen Geschichte, einer persönlichen Anekdote. Im Februar, und nochmals im April 1960 reiste ich in den Süden der USA, nach North Carolina und dann nach Alabama und Georgia, um mit Studenten, die Sit-ins in den Mensas organisierten, zu reden und ihr Anliegen besser zu verstehen (und darüber zu schreiben). Was hatte es auf sich mit diesem ersten Schub an Aktivismus, aus dem bald die „civil rights movement“, die „Bürgerrechtsbewegung“ werden sollte?

Zuerst besuchte ich schwarze Colleges wie die Shaw University in Raleigh. Schnell wurde mir klar, dass die meisten Leute, die an Sit-ins teilnahmen oder sich als Streikposten engagierten, zwar von den Colleges kamen, die Basis der Bewegung, die Quelle ihrer moralischen Kraft aber in den Kirchen zu finden war. Also begann ich – obgleich eher an Synagogenbesuche gewöhnt – „in die Kirche zu gehen“. Und in einer kleinen Baptistenkirche in Montgomery in Alabama hörte ich eine bemerkenswerte Predigt, keine der großen Prediger jener Jahre wie Martin Luther King, Ralph Abernathy oder Fred Shuttlesworth, aber dennoch bemerkenswert. Darin wurde die sich formierende Bürgerrechtsbewegung mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten verglichen. Gerade in letzter Zeit geht die Predigt mir wieder verstärkt durch den Kopf, wenn ich sehe, wie die Bibel für Dinge in Anspruch genommen wird, die mir weit weniger wichtig sind als die Bürgerrechte.

Natürlich lassen sich religiöse Texte und Lehren zur Unterstützung aller möglicher politischer Positionen anführen. Wie es in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ heißt: „Der Teufel kann die Heilige Schrift für seine Zwecke zitieren.“ Die Religion ist grundsätzlich weder rechts noch links. Historisch betrachtet, hat sich in den USA bis vor Kurzem wahrscheinlich öfter die Linke religiös motivierter Argumente bedient als die Gegenseite: Man denke nur an die Anti-Sklaverei-Bewegung der Abolitionisten, die Social-Gospel-Bewegung mit ihrem christlich motivierten Kampf für soziale Gerechtigkeit oder die Bischofskonferenz der katholischen Kirche vor 30 Jahren – oder die eben erwähnten Baptistenprediger, die eine so wichtige Rolle in der Bürgerrechtsbewegung spielten. Demgegenüber nehmen heute verstärkt nicht-kirchliche Vertreter aus dem rechten politischen Spektrum eine Politik der „Werte“ für sich in Anspruch, die sich auf die Religion beruft, und insbesondere auf das Christentum – ein Anspruch, der offensichtlich einiges an politischer Macht mit sich bringt. Dabei sollten weder religiöse noch politische Positionen auf Interessenpolitik basieren.

Das amerikanische Experiment begann mit der berühmten Trennung, und zwar nicht zwischen Religion und Politik als solchen, sondern zwischen religiösen und politischen Institutionen, also zwischen Kirche und Staat. Das bedeutet vor allem, dass man die immense Macht des Staates nicht zur Verfolgung spezieller religiöser Ziele benutzen oder gar eine bestimmte Religion zur „Staatsreligion“ machen darf. Der Staat hat sich aus allen religiösen Organisationen und Projekten herauszuhalten und seine Vertreter dürfen keine davon mit Worten oder Taten bevorzugen. Wenn wir also zum Beispiel hören, dass den Kadetten der Air Force Academy ein evangelikaler Protestantismus eingetrichtert wird, wissen wir, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Durchaus in Ordnung ist es demgegenüber, wenn amerikanische Politiker sich in ihren Ansichten zur sozialen Gerechtigkeit, zur Bildungspolitik oder der Gesetzgebung zur Ehe von ihrem religiösen Glauben leiten lassen. Als die katholischen Bischöfe in den 1970er Jahren ihre Enzykliken über die atomare Abschreckung oder ökonomische Gerechtigkeit herausbrachten, waren diese Stellungnahmen in mancher Hinsicht maßgeblich für viele Katholiken, aber für uns andere waren es einfach nur Statements, Argumente, Meinungen, die wir lesen und in Betracht ziehen konnten – oder ignorieren. Es waren Beiträge zu einer öffentlichen Debatte und die Bischöfe waren genauso zur Teilnahme daran berechtigt wie jeder andere Amerikaner. Trennung meint ja nicht Ausschluss. Es gibt keinen guten Grund dafür, sich gegen die Teilnahme religiös motivierter Menschen am politischen Leben zu wenden oder gegen die Äußerung religiös geprägter Meinungen auf der politischen Bühne. Wichtig ist aber, dass die erwähnten Bischöfe ihre Ansichten nicht etwa als Deutungen der Heiligen Schrift präsentierten, sondern eines Naturrechts, das grundsätzlich jeder vernunftbegabten Person zugänglich ist, nicht nur Gläubigen. Sie anerkannten, dass wir das Recht auf unsere eigenen Interpretationen haben.

Das Prinzip der Trennung von Religion und Politik hat sich in den USA sowohl für Religion als auch Politik dahingehend günstig ausgewirkt, dass man seine religiöse Ausrichtung nicht in den Vordergrund stellt. Die Religion dient zwar oft als persönliche Orientierungshilfe bei schwierigen politischen Entscheidungen, aber in öffentlichen Debatten lassen sich Amerikaner im Allgemeinen vom Vernunftgedanken leiten. Sie vertreten ihre Meinung mit Argumenten, die jeder nachvollziehen kann – Menschen unterschiedlichen Glaubens und Menschen, die gar keinen religiösen Glauben haben.

In diesem Sinn gehören die Demokratie und die Trennung von Religion und Politik zusammen. In einer Demokratie genügt es nicht, seine Glaubensgemeinde von seinem Anliegen zu überzeugen, man muss auch seine Mitbürger gewinnen. Wenn die Mitbürger schlicht an einen anderen Gott glauben, ist es wenig hilfreich zu sagen, diese oder jene Politik sei gottgewollt. Diskussionen über Gott mit Politik zu vermischen ist schon deshalb gefährlich, weil durch den Bezug auf Gott mehr auf dem Spiel zu stehen scheint und es schwieriger wird, Kompromisse zu finden. Außerdem wird das Prinzip wechselnder Machtverhältnisse untergraben – und damit ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie. Wenn Sie mehr Leute für Ihre politische Idee oder Gruppierung gewinnen können als ich für meine, dann sind Sie an der Reihe, ein Amt oder die Macht zu übernehmen. Nur wenn ich das akzeptieren kann und abwarte und begründete Hoffnung habe, selbst auch wieder an die Reihe zu kommen, funktioniert eine Demokratie. Wie aber soll das gelingen, wenn ich glaube, dass Gott die Politik der anderen Seite ablehnt, sie vielleicht sogar als Werk des Teufels sieht? Wenn Diskussionen über Gott Teil der öffentlichen Debatte werden, erzeugt das Intoleranz, und Intoleranz führt – wie man in vielen Teilen der Welt sehen kann – zu Verfolgung und Gewalt.

Deshalb fand ich es zwar gut, als Martin Luther King die biblische Aussage, dass wir alle nach dem Bild Gottes erschaffen sind, als politisches Argument benutzte gut finde ich auch, wenn Republikaner heute argumentieren, dass die Kraft der Familie ein religiöser Wert ist. Nicht gut, ja, sehr gefährlich finde ich es jedoch, wenn von derartigen allgemeineren Statements zu Behauptungen übergegangen wird, wonach eine bestimmte Politik etwa im Hinblick auf das Schulbus-System, auf Unterhaltszahlungen oder die staatliche Regelung von Heiratsangelegenheiten Gottes Wille sei. Natürlich ist es nicht immer einfach, hier klare Grenzen zu ziehen, aber gezogen werden müssen sie. Dabei wird deutlich, was vielleicht das wichtigste Argument für eine Trennung von Religion und Politik ist – nämlich das grundsätzliche Einverständnis darüber, dass niemand von uns weiß, welche Politik oder Partei Gott bevorzugt. Auf unserem persönlichen Weg orientieren wir uns zwar an religiösen Lehren – oder zumindest manche von uns (und man beachte den Plural bei „Lehren“) –, aber dazu kommen noch einige andere Orientierungshilfen. Vor allem brauchen wir die Hilfe unserer Mitmenschen und alles verfügbare Wissen, woher auch immer es stammen mag, denn der Weg ist dunkel und die Feuersäule, welche die Israeliten durch die Wildnis leitete, ist heute nicht mehr zu sehen.

Aber glauben nicht alle Gläubigen, dass sie das wahre Wissen über Gottes Absichten für die Menschheit haben? Nun, eine religiös geprägte Antwort darauf wäre, dass Gott uns die Gesellschaftspolitik und moralischen Alltagsentscheidungen überlassen hat – deshalb wurde uns ja die Fähigkeit zum selbstständigen Denken gegeben. Wenn wir Politik machen, müssen wir vor allem als Bürger agieren und nicht als Gläubige. Das ist ein wesentlicher Punkt bei der Trennung der Bereiche, und diese Trennung bewirkt, dass wir in Frieden und gegenseitigem Respekt mit unseren Mitbürgern zusammenleben können. Wir dürfen politische Macht, wenn wir sie haben, also nicht dazu benutzen, unseren religiösen Glauben gegenüber jenem unserer Mitbürger durchzusetzen. Wir müssen uns am Gemeinwohl orientieren. Zwar beeinflusst unser Glaube womöglich die Auffassung, die wir von diesem Gemeinwohl haben, doch müssen wir Menschen anderen Glaubens ja auch erklären können, warum es das Gemeinwohl ist.

Ein gutes Beispiel für die Bedeutung der Trennung von Religion und Politik ist die aktuelle Debatte über den Kreationismus im Unterricht an Staatsschulen – eine schwierige Debatte, schwieriger, als viele von uns zugeben wollen. Einer meiner Kollegen am Institute for Advanced Study, ein Naturwissenschaftler, meinte kürzlich zu meiner Überraschung, dass er nichts dagegen habe, wenn biblische Geschichten in den Klassenzimmern erzählt werden, solange die Studenten auch die Geschichten der Geologen und Biologen zu hören bekommen. Schließlich hätten wir (Wissenschaftler) keinen blassen Schimmer davon, wie das Leben begann. Wissenschaftler leben mit dieser Art der Unsicherheit. Im Gegensatz zu den Kreationisten wissen sie, was sie nicht wissen, und diese Einstellung ist die Grundlage für die tolerante Haltung etwa meines Kollegen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn biblische Geschichten an Staatsschulen unterrichtet werden, aber ich würde doch den Vorrang der wissenschaftlichen Geschichten betonen.

Denn alle Bibelgläubigen, die ich kenne, fahren Autos, reisen mit dem Flugzeug, benutzen Computer, lassen sich, wenn nötig, im Krankenhaus behandeln und erfreuen sich des Lebensstandards, den die modernen Wissenschaften uns ermöglicht haben. Sie erkennen also implizit an, dass die Wissenschaft dem Gemeinwohl dient, und deshalb müssen sie, wie mir scheint, auch akzeptieren, dass unsere Kinder, und zwar alle, lernen, wie Wissenschaft funktioniert.

Man soll durchaus unterrichten, dass es sich beim Buch Genesis um die Geschichte von der Erschaffung des Menschen handelt, die den meisten Menschen der westlichen Welt über Jahrhunderte als buchstäbliche Wahrheit galt. Zuerst sollte man allerdings lehren, dass die absolute Mehrheit der Wissenschaftler heute einen anderen Bericht über die Ursprünge des Lebens auf der Erde abliefert, und dass dieser Bericht zudem das Produkt einer bestimmten Methode ist, einer bestimmten Art, Hinweise und Belege zu finden und zu nutzen. Es ist von zentraler Bedeutung für das Gemeinwohl und die Zukunft des Landes, dass unsere Kinder die Grundlagen der Wissenschaft kennen und verstehen lernen. Und um diese Kenntnisse zu fördern, müssen die naturwissenschaftlichen Fächer getrennt von der Religion unterrichtet werden, einem Zugang zum Wissen, der durchaus seinen eigenen Wert und seine eigene Integrität hat. Wenn man die Trennung aber verweigert – und wie im Fall der Kreationisten biblischen Geschichten eine wissenschaftliche Legitimierung verschafft –, benutzt man die Staatsmacht, um eine religiöse Lehre zu verbreiten. Genau das sollten wir aber vermeiden, solange wir als Bürger, die unterschiedliche Weltsichten haben, zusammenleben wollen.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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