„Frauenfragen sind Menschenrechte“

Monika Hauser

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Unzählige Frauen in Afghanistan erleben heute weiterhin brutale Gewalt und systematische Diskriminierung in ihren Familien und Gemeinschaften. Vergewaltigungen, Entführungen, Zwangsprostitution haben in den letzten Jahren zugenommen, ebenso wie Selbsttötungen von Frauen und Mädchen, die keinen anderen Ausweg aus der alltäglichen Gewalt sehen. Waren also die ehrgeizigen Programme der internationalen Gemeinschaft zur Frauenförderung in Afghanistan vollständig vergebens, missglückt und verfehlt?

Dieser Blick auf die Entwicklung ist zum Teil berechtigt. Einige der Programme waren zu „westlich“, haben mittels kurzer Einsätze internationaler Fachkräfte versucht, Afghaninnen und Afghanen umstandslos Emanzipationskonzepte der Industriestaaten nahezubringen – dies ohne ausreichende Einbindung der Menschen vor Ort als innergesellschaftliche Akteure. Richtig ist auch die Kritik, dass gut ausgebildete Frauen in einem „female brain drain“ auf gut bezahlte Posten der „Hilfsindustrie“ abwandern und damit der Zivilgesellschaft verloren gehen. Doch dies ist aus Sicht einer langjährig in Afghanistan agierenden Frauenrechts- und Hilfsorganisation wie medica mondiale nicht das zentrale Problem, sondern eher marginal.

Halten wir zunächst fest: Bei der „Frauenfrage“ in Afghanistan diskutieren wir nicht über Frauenrechte. Es handelt sich um primäre Menschenrechte. Frauen, egal ob afghanische oder westliche, die sich für Frauenrechte einsetzen, fordern nur das, was für Männer alltägliche Selbstverständlichkeit ist: zur Schule gehen, eine Arbeit ausüben, in der Öffentlichkeit stehen. Die Frage, ob Geberländer ihre finanzielle Unterstützung an die Wahrung von Frauenrechten knüpfen sollten, ist längst damit beantwortet, dass sich beispielsweise die Bundesregierung durch das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an oberster Stelle in ihren Leitlinien zur Zusammenarbeit mit Partnerländern auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet hat. Das „Ob“ sollte also beantwortet sein, offen bleibt die Frage des „Wie“. Hier nun ertönt in den letzten Jahren immer häufiger die gleiche Melodie: Wir aus dem Westen können den Afghaninnen und Afghanen nicht unsere Kultur aufpfropfen, bei der Umsetzung von Frauenrechten handele es sich um eine illegitime kulturferne Einmischung.

Afghanistan, so sagen westliche Männer, ist ein Land mit sehr traditioneller Kultur, in dem Menschenrechte für Frauen nicht gelten. Afghaninnen setzen dem entgegen: „Von welcher Kultur sprecht ihr? Diese Kultur ist nicht die Kultur von uns Frauen.“ Auch in Afghanistan gibt es eine sich formierende Frauenbewegung, deren Stimme noch viel zu wenig gehört wird. Es kann daher nur darum gehen, sich solidarisch an die Seite derjenigen Frauen zu stellen, die ihre Situation nicht so akzeptieren, wie sie ist, und die für Rechte, Würde und Frieden kämpfen. Natürlich können Frauenrechte und Demokratie nicht simpel nach Afghanistan importiert werden, eine Anpassung an afghanische Werte und afghanische Geschwindigkeit ist unabdingbar.

International wird regelmäßig gemahnt, Frauenrechte umzusetzen, doch es hat keinerlei Konsequenzen, wenn dies nicht geschieht. Es gab eben keine Konditionierung nach der Devise: Beim Aufbau des Landes gibt es nur dann Unterstützung, wenn er gemeinsam mit den Frauen erfolgt, und sonst gar nicht. Frauenförderung ist kein Selbstzweck, die UN-Sicherheitsresolution 1325 setzt für den nachhaltigen Erfolg von Friedensprozessen die Beteiligung von Frauen als unabdingbar voraus. Ebenso fehlte und fehlt es weiter an Kriterien, die den Nachweis über die Erfüllung gewisser Ziele hätten erbringen können. Denkbar und nötig wäre vieles: einen bestimmten Prozentsatz von Frauen im Justizsektor vorzugeben beispielsweise, die Öffnung eines unabhängigen Frauenschutzhauses in jeder Provinz, eine Erhöhung der Frauenquote auf ein Drittel im kürzlich gebildeten Hohen Friedensrat, in den Hamid Karzai nach erheblichem Druck gerade mal zehn Frauen von insgesamt 70 Mitgliedern ernannte – die einzigen Mitglieder übrigens, die nicht mit bewaffneten Gruppen in Verbindung stehen.

Hier fehlt es an einer Stärkung der Zivilgesellschaft, eine Herausforderung für die internationale Gemeinschaft, die dem Zivilen schon rein finanziell eine außerordentlich niedrige Bedeutung beigemessen hat – man beachte nur die Relation der militärischen Ausgaben zu dem Bruchteil für zivile Zwecke. Hier müssen nicht nur mehr Gelder fließen, sondern vor allem konditionierte Gelder, Controlling und Monitoring dürften keine Fremdwörter mehr sein. Und es fehlt an öffentlicher Solidarität von höchster politischer Ebene. „Früher hat die internationale Gemeinschaft Druck auf die Regierung ausgeübt. Das tut sie jetzt nicht mehr“, so Humeira Rasuli, Leiterin der kürzlich in nationale Hände übergebenen Frauenrechtsorganisation Medica Afghanistan. Lassen wir die afghanischen Frauen ihren eigenen Weg gehen, aber lassen wir sie dabei nicht allein! 



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