Aufwachen mit Heine

Yushu Zhang

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Es ist weithin bekannt, dass die Deutschen vom Übersetzen sehr profitiert haben. Schon zu Goethes Zeit wurde auf die große Bedeutung des Übersetzens verwiesen und der große Meister hat selbst als Übersetzer gearbeitet. Dagegen hegten chinesische Mandarine aus Ignoranz und Arroganz eine gewisse Scheu vor Fremden und dem Erlernen von Fremdsprachen, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in China nicht gefördert wurde. Erst nach dem Ende der Kulturrevolution 1976 hat sich das Übersetzen mit rasantem Tempo entwickelt. 
 
Heinrich Heine war der erste deutsche Dichter, mit dem ich als Student der Germanistik im ersten Studienjahr 1953 in Berührung kam. Alle Kommilitonen meiner Klasse lasen das „Buch der Lieder“ mit großer Begeisterung. Wir waren überrascht, dass der Dichter in einer so allgemein verständlichen Sprache wunderschöne Gedichte schrieb, die wir, die kaum die deutsche Grammatik beherrschten, schon lesen konnten. Kaum erstaunlich, dass eine halbe Klasse anfing, das „Lyrische Intermezzo“, Heines Gedichtzyklus über die unglückliche Liebe, ins Chinesische zu übertragen. Alle diese Meisterwerke aus der Feder der Studenten wurden ausnahmslos für ungenügend befunden. Dieser erste Versuch musste misslingen, weil die Leichtigkeit der heineschen Jugendlyrik eine Täuschung ist. Sie gleicht dem ruhig fließenden Rhein vor der Loreley, unter dessen glatter, schillernder Oberfläche sich gefährliche Felsenriffe verbergen, an denen der Kahn des leichtsinnigen Übersetzers zerschellen kann. Diese Felsenriffe sind Ironie, Satire, Wortspiele und allerlei feine Ausdrücke. 


Nach dem Studium wurde ich für ein volles Jahr zur körperlichen Arbeit in ein entlegenes Bergdorf verschickt. Hier war es mir streng verboten, fremdsprachige Literatur zu lesen. Auch als ich während der Kulturrevolution zwei Jahre in einer von krankmachenden Parasiten verseuchten Tiefebene Wildreis anbauen musste, durfte ich keine Fachliteratur lesen. Wir sollten mit den armen Bauern eins und durch schwere körperliche Arbeit ideologisch umerzogen werden. Obwohl die deutsche Sprache auch die Sprache von Marx und Engels war, wurde für sie keine Ausnahme gemacht. So memorierte ich alle Gedichte von Heine und alles andere, was ich auswendig gelernt hatte, um meine Kenntnisse der deutschen Sprache vor dem Gedächtnisschwund zu retten. Heine war mein Freund in der Not, der mir mit seinen Liebesgedichten und Kampfliedern Kraft verlieh und Trost spendete. Deshalb fühlte ich mich später verpflichtet, seine Gedichte und Schriften mit Leidenschaft zu übersetzen. 


Als ich gewahr wurde, dass ein schamloser Schreiberling während der Kulturrevolution Heinrich Heine wegen seiner angeblichen Angst vor dem Kommunismus verunglimpft hatte, trotz seiner Freundschaft mit Marx und Engels, trotz seiner brillanten, meisterhaften politischen Gedichte, geriet ich in ohnmächtige Wut. Anlass zu dieser unverschämten Kritik bot dem Schreiber das Vorwort der französischen Ausgabe von Heines „Lutetia“, das losgelöst aus dieser umfangreichen Sammlung seiner „Berichte über Politik, Kunst und Volksleben“ ins Chinesische übersetzt worden war. Als das zehnjährige Wintermärchen der Kulturrevolution in China endlich vorüber war, brannte ich darauf, die theoretischen Schriften Heines endlich zu übersetzen, einschließlich seiner „Geständnisse“ und seiner „Lutetia“. Die Triebkraft für meine Heine-Übersetzungen wie für meine Heine-Forschung war der starke Wunsch, ihn ins rechte Licht zu rücken und zu rehabilitieren, indem ich seine Metamorphose – vom Kämpfer für die Gleichheit zum Bekämpfer der Gleichmacherei – anschaulich machte und in meinen Artikeln schilderte. Also ist meine Übersetzung ein Resultat der Polemik gegen Heine und meine übersetzerische Tätigkeit ein ständiges Bemühen, geistige Munition einzuschmuggeln, wie er es bildhaft ausdrückte. Vor den Augen der chinesischen Leser wird Heine zu einem Propheten und Mahner, der uns den Betrug der scheinheiligen Puritaner und der heuchlerischen Kulturdespoten entlarvt und vor denjenigen warnt, die im Namen seiner Majestät des Volks seine Macht usurpieren und seine Interessen beschädigen. 
 
Als Schulkind lernte ich in den 1940er-Jahren schon Schiller kennen. Die bekannte Apfelschussszene im „Wilhelm Tell“ diente damals in der Grundschule dazu, den patriotischen Geist der chinesischen Kinder zu erwecken. Es war Kriegszeit. Als Student versuchte ich in den ersten zwei Studienjahren „Die Räuber“ zu lesen, musste aber wegen sprachlicher Schwierigkeiten aufgeben. Die Unterschiede zwischen den beiden Sprachen schienen eine Zeit lang fast unüberwindlich zu sein. Die chinesische Sprache kennt weder Konjugationen noch Deklinationen und es fällt Chinesen schwer, typisch deutsche Satzkonstruktionen zu analysieren, wie die Schachtelsätze von Heinrich von Kleist oder die langen Passagen bei Thomas Mann. Oder eben die Sprache von Schiller. 


Um Schillers Denkweise nachzuvollziehen und seine Inhalte zu begreifen, sind darüber hinaus viele Kenntnisse der westlichen Geschichte und Kultur erforderlich. Es ist ein Genuss, die Kapuzinerpredigt zu lesen, eine Rede voller Anspielungen, oder das Wortgefecht zwischen Wallenstein und Questenberg – doch das alles zu verstehen, setzt sehr viel voraus. Wenn Gräfin Terzky sagt: „Ich gab dem Böhmen einen König schon“, sieht man uns Chinesen zunächst ratlos. Wir wissen nicht, dass Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, der „Winterkönig“, von den böhmischen Ständen 1619 zum König von Böhmen gewählt wurde und dass die Gräfin Terzky zu seiner Wahl beigetragen hatte. Auch Bibel und Christentum sind den Chinesen fremd, und so gibt es große Wissenslücken bei biblischen Geschichten und Figuren.


1999, als man den 250. Geburtstag von Goethe feierte, bekam ich Lust, meinen Landsleuten ein neues Schiller-Bild zu präsentieren. Nach dem Zusammenbruch des Asketentums folgte mit Einführung des marktwirtschaftlichen Sozialismus 1992 in China der Aufschwung der Ausschweifungen. Alle Moralvorstellungen und Glaubensgrundsätze wurden über den Haufen geworfen. Man lacht heute über die Ehrlichen und das Ehrliche. Man lebt nur, um zu genießen, zur Befriedigung der Sinnesfreuden. Wir brauchen den reinigenden Idealismus von Schiller mit seinem Karl Moor, der auf das tintenklecksende Säkulum und das schlappe Kastraten-Jahrhundert schimpft und die korrupten Beamten eigenhändig richtet mit seinem Marquis Posa, der sich bereitwillig einer erhabenen Sache aufopferte und sich erkühnte, dem Monarchen gegenüber seinen Wunsch nach der Rede- und Gedankenfreiheit zu äußern mit seinem Wilhelm Tell, der sich und seine Mitunterdrückten zu rächen wagte. Das ist die Medizin, die meine Landsleute aus der rauschhaften Trunkenheit erwecken soll. Ich übersetzte die Schiller’schen Dramen neu, als Heilmittel gegen Epidemien der modernen Zeit.
 
Meine Übersetzung von Stefan Zweigs Werken ist eine Reaktion auf die vorherrschende Tendenz in der chinesischen Gegenwartsliteratur, das Menschliche zu ignorieren. Es wimmelt von eindimensionalen, schattenhaften Figuren ohne Leben, die menschliche Seele bleibt verschlossen. Die Schwarz-Weiß-Malerei des sozialistischen Realismus, einst als die einzig gültige Richtlinie des dichterischen Schaffens gefeiert, hat eine Menge schablonenhafter Charaktere mit phrasenhafter, hymnischer Sprache hervorgebracht. Das Gefühlsleben und die Liebe waren Tabu. Der Mensch wurde zu „Schraube und Zahnrad der Revolution“ degradiert, sein inneres Leben vernachlässigt. Die Psychologie wurde als reaktionäre Pseudo-Wissenschaft verurteilt und das Fach aus den Universitäten verbannt. Vor diesem Hintergrund ist Stefan Zweig so wertvoll, dem es gelingt, die Psychoanalyse in seine fiktiven Werke und sogar in seinen Biografien der Dichter und der historischen Figuren einzubinden und damit der chinesischen Leserschaft ein Land der menschlichen Seele zu erschließen. In seinen Werken wird die Liebe und die Existenz des Gefühlslebens in so prächtigen Farben, mit Zartgefühl und Achtung geschildert. Das ist für die chinesischen Leser wohltuend und für die jungen chinesischen Schriftsteller aufschlussreich und anregend, wie manche von ihnen ganz offen eingestehen. Und so bleibt es für mich eine Herausforderung, das schwärmerische Herzeleid der schmachtenden Frauen und die erschütternden Geständnisse der mit dunklen Erinnerungen ringenden, reuevollen Männer, die stürmischen Wogen und Brandungen und das sachte, kaum spürbare Vibrieren im menschlichen Herzen überzeugend in der chinesischen Fassung wiederzugeben.



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