„Der Schoß als Tor zum Tempel“

Raoul Schrott

What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Ausgabe II+III/2011)


Sie haben altägyptische Liebeslyrik übersetzt. Wie hat man vor 3.000 Jahren „Ich liebe dich“ gesagt?
So wie das heutige Jugendliche sagen würden. Frauen zum Beispiel haben offen erklärt, was sie wollten: „Ich möchte, dass du jetzt mit mir schläfst und dass du das und das machst.“ Alles ohne Schuldgefühle. Nach den alten Ägyptern verschwindet diese Einstellung wieder. In der Bibel und im Koran finden wir keine so selbstbewusste Haltung. Es hat bis 1968 gedauert, bis die Frau wieder diese Emanzipation erreichte. 


Heißt das, es war gar nicht viel kulturelle Übersetzungsarbeit notwendig, um altägyptische Liebesgedichte für heutige Leser verständlich zu machen?
Die ältesten ägyptischen Liebesgedichte, die wir kennen, stammen aus der Zeit zwischen 1300 und 1250 v. Chr., einer multikulturellen und weltoffenen Zeit. Mann und Frau handeln in diesen Gedichten gleichberechtigt. Das Erotische ist nicht tabuisiert. Das hat wohl damit zu tun, dass sich der Pharao Echnaton damals zur Gottheit erhoben hatte. Er propagierte einen Monotheismus, bei dem er sich und seine Familie, also auch seine Frau Nofretete, in den Vordergrund stellte und so sein Privatleben nach außen kehrte. 50 Jahre nach Echnaton wurde diese Haltung von der oberen Gesellschaftsschicht kopiert und erlaubte so ein Maß an individueller Ausdrucksfreiheit. 


Die Vermischung von Privatem und Politischem nahm also ihren Anfang in Ägypten?
Ja, und sie erlaubte es, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ausführlich über das Private zu sprechen. Die sumerische und die babylonische Literatur sind voller erotischer Texte, aber das Individuum hat darin nicht so viel Freiheit, um sich ausdrücken. -En-hedu-anna war eine Königstochter. Sie lebte 2200 v. Chr. und war die erste Dichterin, die wir kennen. Sie berichtet, dass sie von einem feindlichen König vergewaltigt wurde. Heute wäre das ein seitenfüllendes Trauma. Aber sie sagt es in zwei Zeilen. Einfach, weil das individuelle Schicksal weniger wichtig ist als der Dienst am Gott und das Kollektiv, zu dem man gehört. Die Liebeslyrik der Ägypter klingt dagegen so wie eine, die in den 1950er-Jahren in der Brigitte gestanden hätte.


Für Sie sind diese Gedichte Belege für die emanzipierte Stellung der Frau. Allerdings waren die Verfasser dieser Liebesgedichte allesamt Männer ...
Die Schreiber lieferten zwar die Texte, die Frauen stellten sie aber auf der Bühne dar, tanzten und versahen sie mit Musik und Gesang. Die Frauen spielten auch die Männerrolle. Die Männer versetzten sich beim Schreiben also in die Rolle der Frau, aber dann waren es die Frauen, die den Männern auf der Bühne ihre Stimme liehen. Es fand ein offenes Spiel zwischen den Geschlechtern statt.


Kam so erstmals eine weibliche Sicht in die Liebeslyrik?
Ja, und sie war weitaus selbstbewusster und offener als beispielsweise bei Sappho, die 700 Jahre später in Griechenland schrieb – einer demokratischen Gesellschaft, in der es aber nicht so viel Freiraum für ein weibliches Ich gab.


In Ihren Übersetzungen geht es mitunter sehr explizit zu. War die Liebeslyrik die Pornografie der alten Ägypter?
Nein, denn die private Erotik war damals quasi das Gleiche wie der Dienst an einem Gott. Und all die Symbole, die es da gibt – der Busen als Granatapfel, der Schoß als Tor zum Tempel –, bedeuten, dass das, was man erotisch treibt, von den Göttern gesegnet ist. Fruchtbarkeit und Sexualität sind etwas Natürliches, das den Göttern untersteht und dem sich auch die menschliche Ordnung unterwerfen muss.


Haben Sie die Gedichte eigentlich aktualisiert? In einem Vers steht: „... da ging es heiß her im Bierzelt“. 
An den Gedichten ist überhaupt nichts aktualisiert. In Ägypten gab es damals nicht nur alle möglichen Biersorten, sondern auch Bierzelte und Bierkrüge. In einem Gedicht, das ich besonders mag, fragt eine Frau ihren Geliebten sogar: „Willst du jetzt etwa aufstehen und Bier trinken gehen, wo ich dir meine Brüste darbiete?“


Was haben Sie beim Übersetzen Neues über die Liebe gelernt?
Welche sprachlichen Formen die Liebe annehmen kann: Es gab noch kein sprachliches Repertoire für die Liebe. Darum griffen die Verfasser auf Vergleiche zurück und schrieben etwa: „Meine Liebe hat sich mit meinem Leib vermischt wie die Sesamkörner mit dem Fladenbrot. Wie der Geruch mit meiner Nase, wenn der Weihrauch durch den Tempel steigt.“ Sie waren etwas wirklich Neuem auf der Spur. Man kann dort verfolgen, wie das Bewusstsein von Subjektivem entsteht – wie es sich zwischen dem, was vorgegeben ist, und der Freiheit, die man sich nehmen kann, äußert. 


Man merkt an Ihren Übersetzungen, dass die Sprache der Liebe sich oft in Körperbildern ausdrückt – was hat es damit auf sich?
Ein Bild ist etwa, zu sagen, dass das Herz in den Rippen einem Fisch im Fischbecken gleicht und dauernd rausspringen will, wenn man die geliebte Person sieht. Das ist einer von mehreren wirklich sehr schönen und treffenden Vergleichen, über die wir dann wieder rekonstruieren können, wie das Bild der Liebe damals war. Wobei es sich von unserem modernen Bild insofern unterscheidet, als man die Liebe eher als eine Art von Sucht verstand. Man wird von der Aura des Geliebten in den Bann geschlagen, verhext, und wenn man ihn nicht sofort wiedersieht, dann bekommt man Entzugserscheinungen.


Wie schreibt man denn heute ein treffendes Liebesgedicht?
Letztlich nicht viel anders, aber mit einem viel größeren Repertoire an Bildern. Wir haben heute eine ungeheure Ausdrucksvielfalt, aber am Gestus des Liebesgedichts wird sich nichts ändern, ob wir nun vom Muttertagsgedicht oder von Liebesbriefen sprechen. Poesie ist eine Suggestionskunst. Mit Worten, die ja letztlich immer artifiziell sind, versucht sie etwas auszudrücken, was ernst gemeint ist. Sie erzeugt mit Künstlichkeit eine Suggestion von Ehrlichkeit. 


Außer den Liebesgedichten haben Sie unter anderem das Gilgamesch-Epos und die „Ilias“ übersetzt. Wie viele Sprachen sprechen Sie denn?
Eigentlich bin ich immer noch dabei, korrektes Deutsch zu lernen. Denn mir geht es beim Übersetzen darum, adäquate Ausdrücke für etwas zu finden, das vor ein paar Tausend Jahren pointiert ausgedrückt worden ist und das in meiner Version wieder dieselbe Reaktion auslösen soll. Als ich Griechisch, Latein, Arabisch und Gälisch lernte, ging es mir vor allem darum, das musikalische Element dieser Sprachen zu erfassen und zu lernen, mit dem Wörterbuch umzugehen. Ich wollte wissen, wie ihre Struktur funktioniert, die poetische Oberfläche dieser Sprachen.


Wie übersetzen Sie, wenn Sie die Sprache nicht können?
Egal ob man die Sprache kann oder nicht, bei so alten Texten muss man immer auf die philologischen, also die wörtlichen Übersetzungen und Kommentare zurückgreifen, um herauszufinden, was eigentlich gesagt wird. Es wäre vermessen zu glauben, ich könnte mit meinem Grundgriechisch Sappho oder Homer vom Blatt übersetzen. Bei Homer ist fast ein Viertel der vorkommenden Vokabeln nur bei ihm belegt. Die etymologische Forschung hilft herauszufinden, was diese überhaupt bedeuten. In einem zweiten Schritt muss man dann herausfinden, was zwischen den Zeilen steht. Ein literarischer Text besteht ja zur Hälfte aus Andeutungen. Und mit diesem Hintergrundwissen versuche ich den Text auf Deutsch wieder in eine poetische Form zu bringen – gemäß Enzensbergers Maxime: Nur ein Gedicht selbst kann die Übersetzung eines Gedichtes bieten.


Wie frei darf man bei der Übersetzung von Lyrik sein? 
Das ist immer eine Frage des Abwägens: Zum einen möchte ich keine eigenen Einfälle in die Gedichte hineinbringen – die spare ich mir lieber für meine eigenen Gedichte auf. Zum anderen stelle ich mir vor, dass ich mir den Text wie eine Maske aufsetze und versuche, durch ihn zu sprechen. Wie wenn Homer, nachdem er ein paar Tausend Jahre tiefgefroren war, wieder auftauen würde und ich ihm nur zur Sprache verhelfe wie eine Art Bauchredner oder ein Souffleur.

Das Interview führte Timo Berger



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