Die neuen Argonauten

Nora-Henriette Friedel

Körper (Ausgabe II/2010)


Medea, in bunten Kleidern und mit langen Ketten und großen Kreolen behängt, steht aufreizend dicht vor der ersten Zuschauerreihe des brütend warmen Studiotheaters. Es gefällt ihr, dass die Weißen Angst vor ihrem Lachen haben, erzählt sie auf Portugiesisch. Neben ihr sitzt ihr „Sohn“ und muss übersetzen. Stolpert der brasilianische Schauspieler über die Aussprache eines Wortes, souffliert ihm eine deutsche Kollegin, wie es richtig heißen muss. Immer wieder rutscht er ins Englische und die anderen Schauspieler ermahnen ihn ungeduldig, doch deutsch zu sprechen. Ein plötzlicher Lichtwechsel, und der Sohn wird zum Lehrmeister, der eine Gruppe von Brasilianern drillt, einen deutschen Text über die unglaubliche Arbeitsmoral in São Paulo korrekt zu rezitieren, darin Zungenbrecher wie „Ich brauche keinen Sandstrand“. 


Dieses Ringen mit fremder Sprache ist ein zentrales Motiv der Aufführung „Haut aus Gold/Pele de Ouro“, die im Juli 2009 im Berliner Maxim-Gorki-Theater zu erleben war, einer Begegnung zwischen den Theatermachern um den 30-jährigen Regie-Senkrechtstarter Tilmann Köhler und der freien Truppe Tablado De Arruar aus São Paulo. Die langfristige Zusammenarbeit, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und mitveranstaltet vom Goethe-Institut und der Produktionsfirma interior, erlaubt den beiden Gruppen die gründliche Suche nach einer gemeinsamen Theatersprache. Im Sommer 2008 reisten die Deutschen während ihrer Theaterferien mit Stücktexten im Gepäck nach São Paulo. Zwei Autoren hatten das Thema der Begegnung zwischen Europa und Südamerika, angelehnt an den antiken Mythos vom Goldenen Vlies, bearbeitet. Der Blickwechsel vom Eigenen zum Fremden, programmatisch für die gesamte Kooperation, vollzog sich bereits hier: Alexandre Dal Farra von Tablado De Arruar entwickelte nach einem Deutschlandbesuch in „Die neuen Argonauten“ europäische Figuren, die in Südamerika ihr Goldenes Vlies suchen, so etwas wie Authentizität und die Möglichkeit der Revolution. Tine Rahel Völcker wiederum hatte ihre Eindrücke aus der 19-Millionen-Metropole São Paulo in „11 Kolonialskizzen“ verarbeitet, in denen Medea als schwarze Putzfrau spricht und ihre Nebenbuhlerin Glauke zur deutschen Konsulin wird. 


Gegensätzliche Lebenswelten und Theaterformen trafen aufeinander, doch den Prozess der Annäherung und Begegnung im Spiel trug der Wille voneinander zu lernen, berichten die Künstler. Im glücklicherweise subventionierten deutschen Stadttheaterbetrieb, sagt Tilmann Köhler, werde man schnell Teil einer Maschine, die produzieren muss. Der Freiraum zu tun, was einen wirklich interessiert, bleibe da mitunter auf der Strecke. Ihn und seine Gruppe faszinierte das grundsätzlich Politische der Brasilianer. In Brasilien kann man vom Theatermachen nur selten leben, hält sich meist mit mehreren Jobs über Wasser und probt häufig nachts. Die Mitglieder von Tablado De Arruar machen Theater aus unbedingter Leidenschaft, wollen von den allgegenwärtigen sozialen Gegensätzen und Machtbeziehungen erzählen und dagegen ankämpfen. Ein weiterer Gegensatz: Im deutschen Theater bestimmt das Wort alles, in Brasilien geht man vom Körper aus. Die Ausbildung umfasst neben Schauspiel auch Tanz, Capoeira, Maskenspiel und andere Körpertechniken. Geeint hat Brasilianer und Deutsche bei dieser Zusammenarbeit die Sehnsucht, brennende gesellschaftliche Fragen in Theater zu übersetzen und so auf die Globalisierung zu antworten. Für die Mitinitiatorin Senia Hasi?evi?, die auch den brasilianischen Stücktext übersetzte und das Projekt als Dramaturgin begleitet, ist es der Höhepunkt zahlreicher Theaterkooperationen mit Brasilien, denn diesmal ist der Austausch tatsächlich gegenseitig. Auch die Brasilianer hatten ihren Kulturschock in Deutschland, etwa als sie darüber staunten, dass es in Berlin urbane, nichtprivate Räume gibt, zum Beispiel Grünflächen, wo sich die Leute entspannen wie am Strand. 


Im Juni 2010 wird der deutsche Teil der Gruppe wieder nach São Paulo reisen, um die „Haut aus Gold“ gemeinsam weiterzuentwic–keln und in Brasilien zu zeigen, bevor sie in einer nächsten Phase erneut nach Deutschland kommt. 



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