Der variable Code

von Bruce H. Lipton

Körper (Ausgabe II/2010)


Seit James Watson und Francis Crick 1953 die Struktur der DNA-Doppelhelix entschlüsselten, hat die Wissenschaft die Überzeugung vertreten, dass die Eigenschaften eines Organismus in den Segmenten der DNA verschlüsselt sind, die wir Gene nennen. Zehn Jahre nach dieser Entdeckung begannen Universitäten und Medien, der Öffentlichkeit die Überzeugung einzuimpfen, dass Gene die körperlichen, verhaltenstypischen und emotionalen Eigenschaften eines Organismus an- und ausschalten und ihn so kontrollieren. Die Menschen haben im Biologieunterricht, in den Nachrichten, durch persönliche Erfahrungen mit der Familienabstammung gelernt, dass Mutationen im genetischen Code sich als Krankheiten und Funktionsstörungen ausdrücken können, die möglicherweise von Eltern an Kinder weitergegeben werden.

Wir betrachten unser Schicksal nicht nur als abhängig vom Erbmaterial, sondern glauben auch, dass ererbte Genprogramme festgelegt und so unabänderlich wie der Festspeicher eines Computers sind. Da wir uns unsere Gene nicht ausgesucht haben und da wir sie nicht ändern können, falls wir unsere Eigenschaften nicht mögen, bleibt uns nur die Einsicht, dass Gene unser Schicksal kontrollieren und dass wir „Opfer“ unseres Erbguts sind. Diese Ansicht ist besonders für diejenigen entmutigend, die in Familien hineingeboren wurden, in denen scheinbare „Erbkrankheiten“ wie Krebs, Dia­betes, Alzheimer oder Fettleibigkeit von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Als ich vor 40 Jahren Medizinstudenten in der damals anerkannten Wissenschaft des genetischen Determinismus unterrichtete, klonte ich auch Stammzellen – auf meinem Forschungsgebiet, der Muskeldystrophie. Ich isolierte eine Stammzelle und legte sie in eine separate Kulturschale. Die Zellen teilten sich alle zehn bis zwölf Stunden. Nach zwei Wochen enthielten die Kulturen Tausende Zellen, die alle genetisch identisch waren, denn sie stammten von der gleichen Mutterzelle.

Die Zellen wurden in drei Gruppen geteilt und in Petrischalen gesetzt. Ein anderer Nährboden, der eine einzigartige Zusammensetzung aus chemischen Bestandteilen enthielt, wurde jeder dieser drei Schalen beigegeben. Der Nährboden repräsentiert die „Umgebung“ der Zelle. In einer Schale bildeten die Schalen Knochen, in einer anderen bildeten sie Muskeln und in der dritten bildeten sie Fettzellen.

Die große Frage, die diese Experimente aufwerfen, ist folgende: Was steuert das Schicksal der Zellen? Da alle Zellen genetisch identisch waren, war die Frage leicht zu beantworten: Die Umgebung steuert das Schicksal der Zellen. Dies wurde rasch klar, als ich Zellen in eine suboptimale Umgebung steckte die Zellen wurden krank und die Kulturen starben unweigerlich ab. Um die Zellen zu „heilen“, benutzten wir keine Medikamente, sondern holten die Zellen einfach wieder in eine günstige Umgebung zurück sie erholten sich umgehend und die Kulturen blühten. Diese Studie beweist, dass Zellen ihre Genetik und Biologie so anpassen, dass diese strukturelle und physiologische Komplemente ihrer Umgebung werden.

Diese Experimente waren Vorboten eines der heute wichtigsten Forschungsgebiete, der Epigenetik. Die griechische Vorsilbe „epi“- bedeutet „über“. Somit bedeutet die Wissenschaft epigenetischer Kontrolle wörtlich „Kontrolle über die Gene“.

Man hat uns eingeredet, dass Gene „selbstemergent“ sind, das heißt sie können ihre eigene Aktivität steuern. Gene sind jedoch lineare molekulare „Baupläne“, deren Code dazu verwendet wird, die über 150.000 verschiedenen Proteinmoleküle des Körpers zu bauen. Proteine sind die molekularen Bausteine, die die physische Struktur und die Verhaltensweisen des Körpers bereitstellen. Gene sind Baupläne und können daher weder ein- noch ausgeschaltet werden.

Wenn Gene ihre eigene Aktivität nicht steuern, wer dann? Die Antwort hält die neue Wissenschaft der Epigenetik bereit, die Wissenschaft davon, wie Umweltreize mit Genaktivitäten in Verbindung treten und diese steuern. Die Epigenetik definiert die molekularen Mechanismen, aufgrund derer Umweltinformationen in Gewebekulturmedien die Aktivität von Stammzellgenen auswählen und regeln.

Was haben die Forschungsergebnisse in Stammzellkulturen mit uns zu tun? Um das zu begreifen, müssen wir zunächst eine allgemeine falsche Vorstellung korrigieren: Der Mensch ist kein „einzelnes“ Lebewesen, denn ein menschlicher Körper ist genau genommen eine Gemeinschaft, bestehend aus etwa 50 Trillionen individuellen Zellbürgern. In Wirklichkeit sind wir „hautüberspannte Petrischalen“, die Trillionen von Zellen enthalten. Unser Blut ist das Nährmedium, welches das Schicksal der Zellen in unseren von Haut überzogenen „Gewebekultur-Körpern“ nährt und steuert. Verändert man die Zusammensetzung der Chemie des Blutes, so hat dies den gleichen Effekt auf Körperzellen, den ein Wechsel des Nährbodens auf Zellen in Kulturschalen aus Plastik hat. Diese Erkenntnis führt zu einer tiefgreifenden Schlussfolgerung: Das System, das die Chemie des Blutes regelt, regelt das Schicksal der Zellen und steuert die Gesundheit und Biologie eines Individuums.

Das Steuerungssystem, auf das hier angespielt wird, ist das Gehirn, das Organ, das die chemische Zusammensetzung des Blutes kontrolliert und aufrechterhält. Als Reaktion auf unsere Erfahrungen schüttet das Gehirn regulatorische Hormone, Wachstumsfaktoren und emotionale Stoffe in die Blutbahn aus. Die Funktion der ins Blut ausgeschütteten neurochemischen Stoffe besteht darin, die Reaktionen des Körpers auf unsere Wahrnehmung und Emotionen zu koordinieren. Wenn wir zum Beispiel die Vorstellung von Liebe erleben, sondert das Gehirn Oxytocin (ein „Liebeshormon“), Serotonin und Dopamin ab. Wenn diese Stoffe auf eine Zellkultur treffen, verstärken sie das Wachstum und die Gesundheit von Zellen.

Wenn eine Person dagegen Angst hat, schaltet ihr Gehirn Schutzmechanismen ein, indem es Stresshormone ins Blut abgibt. Stresshormone wie Kortisol, Noradrenalin und Histamin legen das Wachstum von Zellen still und hemmen das Immunsystem, indem sie Energie für Angriffs- oder Fluchtreaktionen einsparen. Daher führt chronischer Stress nicht nur zu einem Zusammenbruch der Zellsysteme des Körpers, sondern auch zum Auftreten von Erkrankungen. 90 Prozent der Arztbesuche in den USA sind auf die Folgen von Stress zurückzuführen. Vereinfacht gesagt ist Stress tödlich.

Glauben wir an eine „Kontrolle durch Gene“, so halten wir uns im Wesentlichen für „Opfer“ unseres Erbguts. Die Epigenetik schreibt diese uns einschränkende Überzeugung komplett um, denn sie macht klar, dass wir durch unseren „Geist“ die Chemie unseres Blutes steuern können und dadurch unser genetisches Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Wahrnehmung und Lebenserfahrung steuern die Gesundheit. Ändern wir die Art und Weise, in der wir auf die Welt reagieren, so ändern wir aktiv unsere Gesundheit und unser Schicksal.

Aus epigenetischen Studien geht hervor, dass die Genaktivität sich permanent an unsere Lebenserfahrungen und Wahrnehmungen anpasst. Der Einfluss der Umgebung zeigt sich auf drastische Weise in Studien mit eineiigen Zwillingen. Bei der Geburt und kurz danach weisen Zwillinge nahezu dieselbe Genaktivität aus identischen Genomen auf. Mit zunehmendem Alter führen ihre persönlichen individualisierten Erfahrungen und Empfindungen jedoch zu einer Aktivierung von signifikant unterschiedlichen Genen. Daher kann der eine Zwilling an Krebs sterben und der genetisch identische Zwilling ein gesundes, glückliches Leben führen.

Forscher haben unlängst Patienten mit einem niedrigen Risiko für Prostatakrebs untersucht, die sich gegen eine schulmedizinische Behandlung und für alternative Methoden entschieden. Diese Patienten haben drei Monate lang ihr Leben komplett umgestellt und sich unter anderem von viel Obst und Gemüse ernährt, sich täglich etwa durch halbstündige Spaziergänge mäßige Bewegung verschafft und sich eine Stunde täglich mit Stressbewältigungstechniken wie Meditation beschäftigt.

Ihr Gesundheitszustand besserte sich, und als Forscher die vor und nach dem Lebenswandel entnommenen Prostata-Biopsien verglichen, entdeckten sie grundlegende Veränderungen in der Genaktivität der Patienten. In drei Monaten wiesen die Männer Aktivitätsveränderungen in etwa 500 Genen auf — 48 Gene wurden aktiviert und 453 Gene ausgeschaltet. Die Aktivität von präventiven Genen nahm zu, während etliche krankheitsfördernde Gene, darunter an Prostata- und Brustkrebs beteiligte Gene, ausgeschaltet wurden. „Das ist ein spannender Befund“, urteilte der Leiter der Forschungsgruppe Dr. Dean Ornish 2008, „weil die Menschen so oft sagen: ,Ach, das liegt in den Genen, was soll ich machen?’ Nun, wie wir gesehen haben, kann man in nur drei Monaten Hunderte seiner Gene einfach verändern, indem man seine Ernährung und seinen Lebensstil umstellt.“

Die neue Wissenschaft der Epigenetik betont nachdrücklich, dass wir zeitlebens und jederzeit unsere Gen­expression aktiv steuern können. Wir sind lernende Organismen, die Lebenserfahrungen in unsere Genome integrieren und sie an unsere Nachfahren weitergeben können, die dann wiederum ihre Lebenserfahrungen in das Genom einbringen werden, um die menschliche Evolution voranzutreiben.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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