Bei den Töchtern des Propheten

von Rosa Gosch

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Ich stehe am Eingang des Innenhofs, neben mir unzählige Schuhe und Sandalen, und weiß nicht so recht, wohin mit mir. Meine Flip-Flops habe ich vergessen und mit Straßenschuhen betritt man in diesem Teil der Welt kein Haus. Rechts von mir schaue ich in einen großen Raum, in dem mehrere Menschen in langen Gebetsroben stehen. Ihre Gewänder sind am Hinterkopf straff gebunden und reichen in unterschiedlichen bunten Farben in einem Stück bis auf den Boden. Ein kleines hellhäutiges Mädchen huscht in blauer Montur an mir vorbei. Es ist kurz nach Sonnenaufgang im Ramadan, und ich bin in Dar az-Zahra, einer Koranschule für Frauen in der kleinen Stadt Tarim im abgelegenen Osten des Jemen.

Diese Gegend in der Provinz Hadramaut am Rand der Arabischen Wüste ist seit Jahrhunderten Zentrum islamischer Lehre und des Sufismus, der islamischen Mystik. Die Landschaft bestimmen karge Hochebenen und fruchtbare Täler, die von unzähligen weiß getünchten Kuppelgräbern gesäumt werden. Im sozialistischen Jemen wurden viele religiöse Aktivitäten in Hadramaut unterdrückt, aber nach dem Zusammenbruch des Systems im Jahr 1990 erwachten besonders die sufistischen Traditionen wieder. 1993 gründete der junge Prediger Scheich Habib Umar in Tarim eine Koranschule für Männer, Dar al-Mustafa, und wenig später auch eine Abteilung für Frauen, Dar az-Zahra. Heute leben und lernen in den zwei Instituten strikt nach Geschlechtern getrennt mehrere Hundert Schülerinnen und Schüler. Sie stammen aus dem In- und Ausland, die meisten aus dem Jemen und Indonesien, aber auch aus Großbritannien, den USA und Deutschland. Auf dem Lehrplan stehen die klassischen islamischen Wissenschaften wie Recht, Theologie, Exegese des Korans und arabische Grammatik. Hinzu kommt Tasawwuf, die „Wissenschaft des Herzens“ – die sufistische Lehre. Angezogen werden die Schülerinnen und Schüler nicht zuletzt vom Stammbaum von Scheich Habib Umar, der seine Ahnenreihe bis auf den Propheten Mohammed zurückverfolgt.

Fatima, eine Freundin aus der Hauptstadt Sanaa, wo ich seit drei Monaten Arabisch lerne, hat mich nach Dar az-Zahra gebracht. Sie möchte mir den frommen Ort, an dem sie selbst studiert hat, zeigen. Doch das ist gar nicht so einfach. Zwei Monate zuvor wurde eine Gruppe spanischer Touristen durch einen Anschlag getötet, seitdem ist der über 500 km weite Landweg von Sanaa nach Tarim für Besucher aus dem Westen gesperrt. „Versteck’ bloß deine Tasche und Schuhe“, instruiert mich Fatimas Bruder vor unserer Abfahrt. Accessoires und Haltung können einiges über verschleierte Frauen verraten. Doch unter Abaya und Niqab – dem langen Übergewand aus schwarzem Polyester und dem Gesichtsschleier – passiere ich die Polizeikontrollen unentdeckt.

Fatima ist es auch, die mich am Eingang der Schule aus meiner Schuhnot befreit. Sie hat ein Paar Badeschlappen aufgetrieben und stellt mich Ustatha Moneeba, der Hausmutter, vor. Sie kommt aus Äthiopien, ist Mitte dreißig und streicht sich wie viele hier unablässig mit Miswak, einem ausgefransten Zweig des „Zahnbürstenbaums“, über die Zähne: „Mundhygiene“, flüstert Fatima, „hat schon der Prophet gefordert.“ Ustatha Moneeba quartiert uns in einem der Schlafräume bei fünf anderen Mädchen ein. Auf dem Boden liegen dünne Schaumstoffmatratzen. Ein Ventilator kämpft unter der Decke gegen die trockene Septemberhitze. Wie überall im Haus gibt es hier nur Neonbeleuchtung. Selbst im Gebetsraum brennt Tag und Nacht ein grelles, wenig einladendes Licht.

Ich folge Fatima ab jetzt auf Schritt und Tritt: Ich faste, besuche den Unterricht, und wenn sie im Gebetsraum Allah anruft, sitze ich auf der Treppe im Innenhof und schaue ihr zu. Oft setzen sich andere Mädchen zu mir und stellen mir Fragen: Wann ich den Islam annehme, wollen sie wissen, und ob ich bei Facebook bin. Zwei Engländerinnen erzählen mir wehmütig, dass sie erst nach Hause kommen dürfen, „wenn sie richtig Arabisch können“, und wie sehr sie das Einkaufen in London vermissen. Solche Gefühle findet man wohl in Internaten weltweit. Seltener hört man dagegen andernorts, dass die Abgeschiedenheit der Schule guttue, weil man sich so „um sein Herz kümmern kann“.

In Dar az-Zahra beginnt der Tag im Morgengrauen. Außerhalb des Ramadans endet er nach Gebeten, Unterricht, Hausaufgaben und ein paar Stunden Freizeit selten vor 23 Uhr. Die Schule setzt voraus, dass man einen der dreißig Teile des Korans auswendig kann, Arabisch grundlegend beherrscht und mindestens ein Jahr bleibt. Die komplette Ausbildung dauert fast vier Jahre. Die 15 Euro im Monat für Unterkunft und Verpflegung müssen die Schülerinnen selbst aufbringen. Nach traditionellem islamischen System wird in Tarim in Halaqat – Studierzirkeln – unterrichtet. Die persönliche Verbindung von Schülerin und Lehrerin soll eine lückenlose Überlieferungskette des Wissens garantieren. Aber auch Computer und das Internet sind in Tarim angekommen. Die Webseite der Schule zeigt sich weltgewandt auf Englisch und Arabisch, aber nach Informationen zur Frauenabteilung sucht man vergebens. Dennoch stehen die Frauen an der Schule nicht im Abseits. Im Gegenteil, sie gehören zum Gelehrtenkreis. In Dar az-Zahra unterrichten die Hababat, die weiblichen Mitglieder der Familie von Scheich Habib Umar, die Schülerinnen.

Wenn wie jetzt im Ramadan bei Sonnenuntergang der Muezzin ruft, brechen wir im Speisesaal das Fasten: zuerst mit Datteln, Wasser und Bittgebet. Dann folgen Reis und Hühnchen oder Fisch mit Besbas, einer scharfen jemenitischen Sauce. Als kleine Nachspeise gibt es für jede eine Banane. Für viele der Schülerinnen ist der kleine Kiosk, den es im Haus gibt, überlebenswichtig, denn dort bekommen sie das Nötigste: Süßigkeiten, Sanitärartikel, Schreibwaren. Für alles andere geben die Mädchen bei dem Mann, der die Einkäufe für die Schule erledigt, ihre Bestellungen auf. Allein dürfen sie das Gebäude nicht verlassen, und Frauen in Tarim ist das Einkaufen traditionell untersagt. „Man kann schon mal sechs Wochen auf eine Packung Kakaopulver warten“, erzählt mir eine Schwedin, obwohl es Kakao hier überall gibt.

Im Ramadan gibt es außer den fünf Pflichtgebeten noch das Tarawih-Gebet in der Nacht. Danach begleite ich Fatima zu Versammlungen bei Frauen aus der Nachbarschaft. Hadramaut zählt zu den konservativsten Gegenden des Jemen und Frauen bewegen sich in der Öffentlichkeit nur tief verschleiert. Selbst im Schulgebäude, abgeschirmt von den Blicken der Männer, behalten die Mädchen in Dar az-Zahra ein Tuch lose um den Kopf – sogar im Schlaf –, denn „die Engel mögen es so“. So sitze ich in den nächtlichen Versammlungen wie alle in meiner Abaya, nur den Gesichtsschleier zurückgeworfen, und lausche den Hababat. Die gelehrten Frauen übergeben das Wort immer wieder an die Mädchen, die um mich herum dicht gedrängt im Halbkreis vor ihnen sitzen. Das öffentliche Rezitieren und Predigen ist wichtiger Bestandteil der Ausbildung, denn diese Fähigkeiten sind entscheidend dafür die Dawah – den „Ruf zum Islam“ – mit missionarischem Eifer voranzutreiben. Die Gastgeberin reicht uns Tee, Kaffee, Süßigkeiten und Räucherkerzen. Dhikr – das „Gedenken“ –, eine fast meditative Anbetung Allahs, Gesang, Rezitation, Essen, Trinken und Gebet wechseln sich die ganze Nacht hindurch ab. Benebelt von so viel religiöser Hingabe und Kerzenrauch merke ich ab und an, wie sich mein Körper im Rausch der schwarzen Gestalten mitwiegt.

An einem Abend lädt mich eine Tochter von Scheich Habib Umar zu sich nach Hause ein. Auch von mir, einer Außen­stehenden, erwartet man, dass ich der Prophetenfamilie die übliche Ehrerbietung erweise und ihren Mitgliedern zur Begrüßung die Hand küsse. Sufigegner kritisieren diesen Personenkult als pure Form des Machterhalts. Die Tochter des Scheichs empfängt meine Begleiterinnen und mich mit ihrem achtjährigen Sohn. Der Junge kann den Koran größtenteils bereits auswendig und gibt uns eine Kostprobe seines Wissens. „Du hast den Islam in den Augen“, fügt er zum Schluss an mich gewandt hinzu und schlägt mir vor, die Schahada, das muslimische Glaubensbekenntnis, abzulegen. Von allen, die in Tarim versucht haben, mich zum Islam zu bekehren, war dieser junge Nachfahre des Propheten am eindrucksvollsten. Es ist zwar wenig überzeugend und fast gespenstisch, wenn ein Kind göttliche Vorsehung verkündet, aber so viel religiöser Enthusiasmus ist auch beeindruckend.

Westliche Konvertiten sind keine Seltenheit in Tarim. Manche sind mit der gesamten Familie hierhergezogen. Es gibt sogar eigens für die Kinder eine kleine Bibliothek in der Stadt – Enid Blyton, Roald Dahl und C.S. Lewis neben Koran, Hadith und Sunna. Einmal im Jahr bietet die Schule einen 40-tägigen Intensivkurs – die Dowra – an, der sich mit Unterricht in Arabisch und Englisch besonders an Muslime in der westlichen Welt richtet. Auf dem Stundenplan stehen dann auch solche Kurse: „Wie erziehe ich meine muslimischen Kinder im Westen?“

Nach einer Woche in der Koranschule muss ich zurück nach Sanaa. Anstatt unter Fatimas Begleitschutz trete ich die Elf-Stunden-Tour als „Zweitfrau“ eines Mitreisenden an und gelange so zurück in den jemenitischen Alltag. Während sich?die Männer alle paar Stunden die Beine auf offener Strecke vertreten, bleiben die Frauen im Bus sitzen. Scheinbar braucht nie eine die Örtlichkeiten – außer mir. Als ich meinen „Gatten“ nach der Toilette frage, zeigt er bloß kopfschüttelnd aus dem Fenster in die Nacht: „Sahara faqat“ – nur die Wüste. Notgedrungen bleibe ich stur bis er mir deutet, ihm in die Dunkelheit zu folgen. In blicksicherer Entfernung vom Bus soll ich allein weitergehen und im Schutze der Nacht tun, was zu tun ist. 



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