Der Mensch im Zentrum

von Heike Denscheilmann

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Momentan scheint es leichter, sich über das Privatleben des französischen Staatspräsidenten zu informieren als über seine Politik. Nicolas Sarkozy hat mit seinem Amtsantritt eine neue Epoche der Politik und der PR eingeleitet. Doch ist der frische Wind auch in der Kulturpolitik angekommen?

Dass die Frage nach kulturpolitischen Konzepten in Frankreich eine ganz eigene Bedeutung hat, zeigt die traditionell enge Verbindung von Nation, Identität und Kultur. Diese begründete nicht nur die erste Außenkulturpolitik eines europäischen Staates überhaupt, sondern auch das Konzept der „exception culturelle“ mit seiner Verbindung von Kultur und Zivilisation, das dem Anspruch der universellen Strahlkraft französischer Werte, Sprache und Lebensart zugrunde liegt. Der zweite rote Faden französischer Kulturpolitik ist der in der Verfassung garantierte Zugang aller Bürgerinnen und Bürger zu Kunst und Kultur. Dekonzentration, Dezentralisierung und Demokratisierung des Kulturangebots haben hier ihren Ursprung.

Auch Sarkozy hat diese Grundsätze ins Zentrum seiner Kulturpolitik gestellt und zugleich die Gründungsfigur des Kulturministeriums, André Malraux, als Vorbild seiner Politik benannt: Die Demokratisierung der Kultur im Sinne Malraux’ soll wiederbelebt, die Künste sollen gefördert, die Kunsterziehung gestärkt, das Kulturerbe erhalten und die Strahlkraft Frankreichs durch Kulturindustrie, Medien und Hochschulen aufpoliert werden. Trotz der Verschmelzung von Kultur- und Erziehungsministerium bleibt der Kultur ein eigenes Ministerium gewidmet, dessen große Linien Sarkozy selbst vorgibt. Aus der aktuellen Diskussion französischer Kulturpolitik lassen sich drei Schwerpunkte ableiten: die Frage nach der Vermittlung von Kunst und Kultur, die Frage nach dem Verhältnis von Kunstproduktion, Staat und Markt und die Frage, inwieweit diese Kulturpolitik in die Außenpolitik ausstrahlt. Einige von Sarkozys Ansätzen sind nicht neu und in ihrer Sinnhaftigkeit umstritten, wie etwa der geplante freie Eintritt in Museen.

Um eine Beurteilung zu ermöglichen, ob die Kulturpolitik unter Nicolas Sarkozy Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung, der neuen Technologien, der sozialen Ausgrenzung und der zunehmenden Hybridität von Kultur finden wird, sind viele Ideen noch zu vage. Eine erste Einschätzung der drei Schwerpunkte und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten könnte sich jedoch so lesen: Dass Kunst und Kultur einer neuen Generation nahegebracht werden müssen, hat Nicolas Sarkozy erkannt. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich eine solche Kulturvermittlung allein auf die Schule begrenzen lässt. Dies vor allem, da Schule in Frankreich als ein Ort der Bildung im Sinne von Ausbildung und Qualifizierung gilt, den theoretischen Diskurs pflegt und die Trennung von professionellem künstlerischen Schaffen und Amateurpraxis noch stark ausgeprägt ist. Kann die Schule in dieser Form Zugänge zur Kunst schaffen und zu kreativer Innovation beitragen, wie der Präsident es wünscht? Nach seinen Vorstellungen sollen Beiträge von Künstlern zum Unterricht eine an Fördergelder gekoppelte Aufgabe werden. Bisher lesen sich allerdings die meisten Überlegungen auf dem Gebiet der Kulturvermittlung wenig innovativ. Sarkozy geht von der sich selbst vermittelnden Kunst aus, die für jeden zugänglich ist, wenn er nur genug darüber weiß (aus der Schule), die Barrieren abgebaut werden (freier Eintritt zu Museen) und in den Kunstwerken selbst auf die Interessen des Publikums eingegangen wird.

Sein Ziel einer erfolgreichen Demokratisierung wird er so nicht erreichen. Freier Eintritt in Museen garantiert eben noch keine Auseinandersetzung mit Kunst. Das ist seit Bourdieu Allgemeingut. Dass für Sarkozy der zweckfreie Umgang mit Kunst keine Rolle spielt, zeigt sich deutlich am Fehlen jeder Überlegung zur Kulturvermittlung für junge Menschen außerhalb traditioneller Schulstunden. Werden die klassischen Kulturvmittler in einer über Internet und Fernsehen verbreiteten Kultur überflüssig? Malraux gründete die „Maisons de la Culture“, in Sarkozys Version heißen diese Vermittlungsinstanzen heute TV und Internet. Das Verhältnis von Kunstproduktion, Staat und Markt scheint noch nicht abschließend geklärt zu sein: Sarkozy betont die starke Rolle des Staates, fordert jedoch zugleich die Orientierung der Kultur an Markt und Publikum. Der Staat bleibt demnach Garant für einen Kulturmarkt, der durch Instrumente wie die Konvention zur kulturellen Vielfalt geschützt und durch Radioquoten gefördert wird.

Sarkozy fokussiert dabei vor allem die Kreativindustrie und die neuen Technologien. Durch diese ist, so seine Logik, Kultur für alle zugänglich. So will er den öffentlichen Rundfunk werbefrei gestalten und zudem über eine Qualitätsoffensive von den privaten Anbietern abgrenzen. Zugleich soll die Bindung von Subventionen an Publikumserfolge das Bewusstsein der Kulturschaffenden für ihre Zielgruppen schärfen. Aber die jeweils neu zugeteilten Subventionen werden aufgrund des gestiegenen, aber teilweise eingefrorenen Kulturhaushalts auch nicht durch zusätzliche Finanzen Entschädigung bringen. Gewinnt somit die Forderung nach der Wirtschaftlichkeit der Kunst die Oberhand?

In der Außenwirkung Frankreichs wird weiter am Bild der Kulturnation gefeilt. Noch vor dem Amtsantritt Sarkozys wurde die Konzentration der Außendarstellung und der beteiligten Ministerien mit der Gründung von „CulturesFrance“ begonnen. Diese Agentur verbindet die zuvor eigenständigen AFAA (Association française d’action artistique) und ADPF (Association pour la diffusion de la pensée française) und soll den Wiedererkennungseffekt französischer Außenpolitik durch deutliche Kompetenzzuschreibungen stärken. Diese Tendenz wurde mit „CampusFrance“ im Hochschulbereich fortgeführt und soll 2008 mit einer Bündelung der Auslandsmedien unter dem Titel „FranceMonde“ ihren vorläufigen Abschluss finden. Der neue Sender fasst Radio France International (RFI), den 2006 als Konkurrenz zu CNN gegründeten Sender France 24 und TV 5 zusammen und soll von Christine Ockrent, der Lebensgefährtin des französischen Außenministers Bernard Koucher, geleitet werden. Das deutlichste Zeichen, dass die Grenzen von auswärtiger Kulturpolitik, Markt und universellem Kulturanspruch noch längst nicht abschließend diskutiert sind, ist jedoch das Projekt des Louvre-Ablegers in Abu Dhabi. Das Universalmuseum auf einer Ferieninsel der Vereinigten Arabischen Emirate soll 2013 eröffnet und zehn Jahre mit Ausstellungen aus französischen staatlichen Museen versorgt werden. Mit der Vermietung der ‚Marke‘ Louvre und der Werbung um ausländische ‚Kreative‘ durch Stipendien und attraktive Hochschulen ist der Wettbewerb um den strahlenden Kulturstaat in vollem Gange.

Ob Kulturarbeit dabei zur Begleitung von Wirtschaftsmaßnahmen degradiert wird, wie Kritiker dem Namen der seit 1999 „Direction générale de la coopération internationale et du développement“ genannten zuständigen Abteilung des Außenministeriums entnehmen wollen, da das Wort „Kultur“ nicht mehr darin vorkommt, wird sich zeigen. Positive Stimmen weisen auf die „coopération“ hin, die nun dem reinen „rayonnement“, der Ausstrahlung nach außen, folgen soll. Schwerpunkt bleibt jedoch nach wie vor die nationale Repräsentation.
 Die französische auswärtige Kulturpolitik arbeitet daran, das Image Frankreichs als Nation der Künste zu entstauben und ins 21. Jahrhundert zu holen. Dieser Weg könnte lang werden, denn die französische Sprache wie auch der französische Kunstmarkt haben an Bekanntheit verloren und die „exception culturelle“ ist schon längst eine europäische und nicht mehr eine rein nationale Besonderheit. Das Problem der auswärtigen Kulturarbeit lässt sich jedoch nicht nur in der französischen Außenpolitik auf den Gegensatz von internationalem Wettbewerb (Cool Britannia, Marke Deutschland) und notwendiger internationaler Kooperation zuspitzen. Lösungen werden dringend gesucht.

In seiner Pressekonferenz vom 8. Januar 2008 sprach Sarkozy von der Aufgabe, eine Identität, an der man sich festhalten könne, mit der herrschenden Modernität zu vereinbaren, und formulierte dazu den Anspruch einer Politik der Zivilisation. Diese müsse den Menschen wieder ins Zentrum stellen. Sarkozy bezog sein Konzept auf die Art der Menschen zu arbeiten, zu produzieren und zu leben, und rief im Anschluss zu einer kulturellen Revolution auf. Man kann das als leere Politikformel abtun. Man kann sich aber auch Gedanken zu diesem Begriff machen: In der negativen Auslegung führt er zurück zu einem Frankreich, das seine Errungenschaften glanzvoll und selbstverliebt in die Welt trägt. Positiv wäre hingegen die Entwicklung einer Politik des Zusammenlebens, die sich darum bemüht, die Kulturbeziehungen in Frankreich und in der Welt ausgeglichener zu gestalten. Das verspricht sicher weniger Glanz, würde aber neuen Wind nicht nur in die französische Kulturpolitik bringen. Bleibt die berechtigte Frage, ob Sarkozy sein Konzept auch so versteht.



Ähnliche Artikel

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Bücher)

Cultural Diplomacy

von Renate Heugel

Der von Jessica C. E. Gienow-Hecht und Mark C. Donfried herausgegebene Band beleuchtet verschiedene Aspekte der Cultural Diplomacy

mehr


Toleranz und ihre Grenzen (Bücher)

Dialog über das Mittelmeer

von Werner Ruf

Eine gemeinsame Außenkulturpolitik der Europäischen Union existiert offiziell nicht, doch die kulturellen Aktivitäten im Rahmen der Euro-Mediterranen Partnerschaft entsprechen ihr de facto. Isabel Schäfer hat sie untersucht

mehr


Une Grande Nation

Reise an die Peripherie

eine Fotostrecke von Cyrus Cornut

Wie sieht das Leben in französischen Vorstädten aus, fern von Eiffelturm und Notre Dame?

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Bücher)

Deutschland – Frankreich

von Gudrun Czekalla

Worin unterscheidet sich der Aufbau des französischen Staats vom deutschen Föderalismus? Wie ist die Stellung der Frau in den Gesellschaften dies- und jenseits ...

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Die Welt von morgen)

Mehr Champagner für die Welt

Eine Kurznachricht aus Frankreich

mehr


Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Bücher)

Frankreichs sinkender Stern

von Gudrun Czekalla

Frankreichs kultureller Einfluss in der Welt nimmt ab. Ist das nun ein Anlass, in Melancholie zu versinken?

mehr