„Wer fit ist, hat weniger Probleme“

von Bettina Menne

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Das europäische Klima wird wärmer. Welche Gesundheitsgefahren bringt das mit sich?

Die Klimaveränderung wird sich zunächst in extremen Wetterereignissen zeigen und damit die Gesundheit beeinflussen. Im Sommer 2003 starben in zwölf europäischen Ländern durch die Hitzewelle mehr als 70.000 Menschen, vor allem ältere Leute. 
 
Bedeutet das: weniger Kältetote?

Man kann die Hitzetoten nicht mit den Kältetoten vergleichen. Denn durch Kälte sterben vor allem Obdachlose und Alkoholiker im Norden Europas, sporadisch auch im Süden es waren weniger als 1.000 in den letzten Jahren. 
 
Durch die Hitze könnte die Salmonellengefahr steigen.

Durch höhere Temperaturen breiten sich Bakterien leichter aus. Daher müssen wir andere Hygienemaßnahmen ergreifen. Bei 30 Grad lässt man einen Käse nicht auf dem Tisch liegen. Dasselbe gilt für Medikamente. Diese müssen generell unter 25 Grad aufbewahrt werden. Kühlungssysteme könnten teuer werden.
 
Auch Anbaugebiete werden sich durch höhere Temperaturen verändern. Werden wir anders essen?

Das kommt darauf an, wo Sie in Europa leben. Am Mittelmeer wird es schwer sein, ökologisch anzubauen. Die Böden werden arider, das heißt trockener, und nährstoffärmer. Man wird auf schwere Kost verzichten, auf Reis und Früchte umsteigen, etwas pikanter und salziger essen. Man kann Europa außerdem nicht abgekoppelt vom internationalen Lebensmittelhandel betrachten. Resistentere oder schneller wachsende Züchtungen werden andere Nährwertstoffe und Vitamine haben.
 
Eine andere Vorhersage: Das europäische Klima wird feuchter.

Mit höheren Niederschlägen rechnet man nur in Nordeuropa. Trotz allem können überall starke Niederschläge auftreten. Das ist besonders für industrialisierte Gegenden gefährlich. Aber zum Glück gab es bisher wenig Tote durch Überschwemmungen in den EU-Ländern.
 
Und wenn Hafenstädte überflutet werden?

Die Überflutung ist keine Sache von morgen oder übermorgen. Bis 2070 kann sich viel tun. Im Moment haben die Küstenbereiche das Problem, dass die Wassertemperatur des Mittelmeers im Sommer oft auf über 27 Grad steigt. Bakterien vermehren sich stark. Es hat im Sommer 2007 in Spanien und Italien Vergiftungen gegeben. 
 
In einem italienischen Dorf steckten im letzten Jahr „Tigermoskitos“ 250 Menschen mit einer tropischen Krankheit an.

Diese Krankheit heißt Chikungunya, sie ähnelt dem Dengue-Fieber. In den letzten 15 Jahren hat sich die Verbreitung des Moskitos von einer italienischen Provinz auf zehn europäische Mittelmeerländer ausgeweitet. 
 
Steigt das Malariarisiko in Europa?

Bisher ist das Malariarisiko noch nicht gestiegen. Aber der Moskito ist in der Lage, auch andere Viren zu übertragen. Wenn es bis 2050 oder 2070 drei Grad wärmer wird, könnten die Überträger in einer höheren Dichte auftreten. Das Malariarisiko in Südeuropa würde sich erhöhen, in Portugal bis zu 15 Prozent.
 
Kann man sich selbst schützen?

Eine einfache Sache: Der Tigermoskito hält sich gerne in Blumentopfuntersetzern auf. Blumentöpfe sollten nicht zu lange im selben Wasser stehen. Um sich vor Hitze zu schützen, kann man das Haus isolieren, nachschauen, ob es der 85-jährigen Nachbarin gut geht, genug trinken. Gegen Zecken hilft: lange Blusen tragen. Vor allem gilt: gesünder leben. Wer fit ist, hat weniger Probleme mit Stress.
 
Klimawandel ist ein Stressfaktor für die Europäer?

Ganz bestimmt.
 
Und was ist mit unseren Nachbarn?

In der Subsahararegion und in einigen asiatischen Ländern werden die Erträge um 20 oder 30 Prozent zurückgehen. In den Entwicklungsländern wird der Klimawandel die Hauptursache für Unterernährung sein.

Das Interview führte Nikola Richter



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