Die Vermessung der Welt

Annette Hornbacher

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


In seltener Einhelligkeit führen Vertreter aus Weltpolitik und Naturwissenschaft die bedrohliche Erwärmung des Erdklimas auf menschliches Einwirken zurück, das heißt auf die massive Emission von Treibhausgasen, die ihrerseits eine direkte Folge der Industrialisierung ist. 


 Diese Einsicht findet zwar erst seit Kurzem die offizielle Anerkennung der Weltpolitik, doch die negativen Auswirkungen der Industrialisierung auf die natürliche Umwelt des Menschen sind von Anfang an erkannt und beklagt worden. Bereits im 19. Jahrhundert beginnt – vor allem in den USA – eine Naturschutzbewegung, die zur verklärenden Konstruktion einer vom Menschen unberührten und schutzbedürftigen „Natur“ geführt hat. Sie mündet sowohl in die Einrichtung von Naturreservaten, die der industriellen Ausbeutung entzogen werden, als auch in die Vorstellung von „Naturvölkern“. Diese unterstellt, Naturvölker lebten – gleichsam den Anfang der Menschheitsgeschichte reräsentierend – im Einklang mit einer in ewigem Gleichgewicht befindlichen „Natur“. Doch wie sich die Vorstellung vom „Naturvolk“ als eurozentrischer Mythos erwiesen hat, so könnte sich künftig auch die Idee des Naturschutzes als unzureichend herausstellen: Beide verharren im Rahmen eines modernen Wirklichkeitsentwurfs, der Teil des Problems ist – nicht dessen Lösung. 


 Um zu klären, worin dieser spezifisch moderne Entwurf besteht und wie er sich von anderen Weltverhältnissen unterscheidet, müssen wir zunächst den naturwissenschaftlichen Befund des Klimawandels und der Industrialisierung in kulturgeschichtliche Kategorien übersetzen. Dabei wird deutlich, dass die Ursachen der Klimaveränderung nicht einfach „anthropogen“ durch menschliche Einwirkung und Einflüsse entstanden, sondern konkrete Folgen jener neuzeitlich europäischen Kultur sind, aus deren Welt- und Menschenbild die moderne Industrialisierung erwächst. Die globale ökologische Krise bringt demnach eine faktische Dominanz des eurozentrischen Weltbildes und Lebensmodells – der westlichen Kultur – gegenüber anderen Lebensformen zum Ausdruck, indem sie diesen ihre Nebenwirkungen schonungslos aufbürdet. 


 Infrage steht auch die Reichweite und Tragfähigkeit des eurozentrischen wissenschaftlichen Weltbildes, das jahrhundertelang Paradigma des Fortschritts und Motor einer Industrialisierung war, die sich selbst als Spitze der Menschheitsentwicklung sah. Diese stolze Selbstgewissheit bröckelt, seit deutlich wird, dass die moderne Naturwissenschaft zwar ungeahnte Dimensionen der Naturbeherrschung eröffnet, aber leider auch unkontrollierbare Nebeneffekte produziert. Ist zur Auflösung des Widerspruchs zwischen technischer Naturbeherrschung und unkontrollierbarem Klimawandel demnach mehr als eine nur technische Lösung nötig – womöglich ein Paradigmenwechsel des eurozentrischen Welt- und Lebensentwurfs?


 Fragen wir vorerst nur, welchem kulturspezifischen Weltentwurf die moderne Industrialisierung entspringt und worin sich dieser von den Weltverhältnissen außereuropäischer Gesellschaften unterscheidet. 


 Üblicherweise wird das neuzeitlich-europäische Weltbild durch seine objektiv-methodische Naturerkenntnis definiert. Wichtig ist jedoch, dass diese nicht in rationaler Erkenntnis gründet, sondern primär ein kulturspezifisches Programm spiegelt, dem zufolge nur noch als real anerkannt wird, was sich rational, also als gesetzmäßiger Zusammenhang, erklären und manipulieren lässt. Empirische Naturwissenschaft hat also von Anfang an einen ideologischen und zugleich utopischen Grundzug, denn die geforderte rationale Kontrolle ist ein unendliches Projekt. In der Fabel „Neu-Atlantis“, die der Begründer empirischer Naturwissenschaft, Francis Bacon, zu Beginn der Neuzeit verfasst hat, wird diese Utopie besonders deutlich: Aus Bacons wissenschaftlich geprägter und technisch gesteuerter Idealwelt sind Schmerz, Krankheit und Missernten dank emsiger Forschung verschwunden, weil die Natur im Menschen und um ihn herum zu dessen Nutzen und Glück lückenlos kontrolliert wird. Der Wissenschaftler nimmt hier die Stelle der Heiligen ein und ersetzt politische Entscheidungen, indem er menschliche Konfliktpotenziale in Form von Krankheit, Ressourcenknappheit und Naturkatastrophen technisch beseitigt. 


 Was Bacons Fabel so interessant macht, ist die Deutlichkeit, mit der sie den utopischen Charakter von Naturwissenschaft und Technisierung herausstellt. Das Bemühen, durch die völlige rationale Durchdringung der Natur einen Zustand menschlicher Leidensfreiheit zu erzeugen, folgt demselben Motiv, das in der Dynamik globaler Industrialisierung fortwirkt und dessen Versprechen darin besteht, Natur zum irdischen Paradies zu humanisieren.


 An den unerwünschten Nebenfolgen der Industrialisierung ist dieses Ideal mittlerweile zerbrochen und so erleben westliche Gesellschaften den irreversiblen Klimawandel vor allem als tief greifende Krise ihrer kulturellen Identität. 


 Nicht zufällig werden in diesem Zusammenhang vorindustrielle Stammesgesellschaften in den Urwäldern von Lateinamerika bis Südostasien als naturnahe „Hüter der Erde“ entdeckt, deren Lebensform als ökozentrische Alternative zur anthropozentrischen, technischen Naturbeherrschung beschworen wird. Diese romantisierende Alternative beruht jedoch auf fragwürdigen Prämissen: Sie unterstellt, dass fehlende Industrialisierung die Anpassung an ein zeitloses ökologisches Gleichgewicht bedeutet und massive menschliche Eingriffe ausschließt. Dabei wird aber nicht nur die grundlegende Differenz zwischen modernem Naturkonzept und außereuropäischen Weltentwürfen verkannt, sondern auch voreilig unterstellt, dass die ökologische Krise überhaupt als Entfremdung der menschlichen Gesellschaft von „der Natur“ zu denken sei.


 Tatsächlich legt Bacons Utopie aber eher den Schluss nahe, dass die ökologische Misere nicht in der Entfernung des Menschen von der Natur gründet, sondern ganz im Gegenteil in dem Willen, Natur so vollständig zu durchdringen wie nie zuvor, sodass jede Differenz zwischen menschlichen und nicht menschlichen Seinsbereichen verschwindet. Der moderne Naturbegriff zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er zwischen den Extremen von totaler Naturbeherrschung durch den Menschen und totaler Anpassung des Menschen an einen ökologischen Gleichgewichtszustand oszilliert, oder anders gesagt: Naturausbeutung und Naturschutz sind zwei Seiten desselben Weltbildes. 


 Die Weltentwürfe nicht westlicher Gesellschaften liegen jedoch quer zu dieser Alternative, da sie keine unabhängig vom Menschen existierende Natur imaginieren und folglich weder Herrschaft über, noch Anpassung an ein statisches Ökosystem suchen. Was uns hier begegnet, ist vielmehr eine stete Wechselbeziehung von menschlichen und nicht menschlichen Akteuren, wobei Letztere als Gegenüber einer wandelbaren Geschichte betrachtet werden und keineswegs als zeitlose oder gar unberührte Natur. Dies belegen beispielhaft die australischen Ureinwohner, die – trotz bescheidenster Technologie – ihrem natürlichen Lebensraum erst durch gezielte Buschbrände sein heutiges Gepräge verliehen haben. Hier kann von keiner passiven Anpassung an eine vorhandene Natur die Rede sein, eher haben wir es mit einer vom Menschen betriebenen Koevolution zu tun, zu der in diesem Fall die Versteppung des australischen Kontinents und womöglich die Ausrottung verschiedener Tierarten gehören. 


 Dass diese Eingriffe dennoch weniger destruktiv waren als jene der europäischen Kolonisatoren, liegt vor allem daran, dass die Aborigines ihre Lebenswelt nicht als eine systematisch beherrschbare „Natur“ betrachten, die der Mensch sich als Gegenstand gegenüberstellt. Ihr Weltverständnis ist durch Verwandtschaftsbeziehungen zwischen einzelnen Clans und Phänomenen der gemeinsamen Lebenswelt geprägt, die mit dem Sozialgefüge verflochten sind: Besondere Bäume, Wasserlöcher oder Felsformationen gelten als lebendige Spuren und Hinterlassenschaften von fremdartigen, mythischen Wesen, die es darum zu achten und zu erinnern gilt, weil sie die Welt und den Menschen in ihrer jetzigen Gestalt als sinnhaften Lebensraum geprägt haben, der sich nicht durch allgemeine Gesetze ersetzen oder vom Menschen verbessern lässt. 


 Für die traditionelle Aborigine-Kultur macht daher die systematische Ausbeutung natürlicher Ressourcen ebenso wenig Sinn wie Naturschutz: Was hier zu schützen ist, sind stets die besonderen Umstände einer – durch menschliche Eingriffe immer schon mitgeprägten – Lebenswelt.


 Es wäre reizvoll zu erwägen, ob nicht der moderne Naturbegriff selbst und mit ihm die Alternative von Naturbeherrschung und ökologischer Naturanpassung den Rahmen der ökologischen Krise bildet. Beide Varianten stellen menschliche Handlungsfreiheit einer rein gesetzmäßig kontrollierbaren Natur gegenüber, während der Klimawandel uns mit dem irritierenden Problem der unvorhersehbaren Geschichtlichkeit – und damit auch der Nichtverfügbarkeit von Natur konfrontiert. In der Dynamik des Klimawandels wird der Mensch selbst zum Teil einer Versuchsanordnung, die ihm längst entglitten ist. Es drängt sich unerwartet eine Grundeinsicht australischer Mythen auf: Natur ist nicht länger der harmonische Grund, sondern ein ambivalenter Aspekt menschlicher Geschichte. Ob unser Naturkonzept einen Ausweg aus den ungelösten Widersprüchen globaler Industrialisierung bietet oder nur deren Symptom ist, wird sich im Fortgang dieses Experiments erst noch zeigen müssen. 



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