Schaut auf dieses Land!

Daniel Hausknost

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Eine kürzlich erschienene Studie – „Measuring Sustainable Development – Nation by Nation“ – kam zu dem erstaunlichen Schluss, dass es in den vergangenen 30 Jahren nur ein Land geschafft hat, ein zufriedenstellendes Entwicklungsniveau mit einem ökologisch vetretbaren Lebensstil zu vereinen: Kuba! Grundlage der Untersuchung, die im Fachblatt „Ecological Economics“ veröffentlicht wurde, war eine Gegenüberstellung von offiziellen Entwicklungsdaten der UNO – auf Basis des Human Development Index (HDI) – und eigenen Berechnungen zum „ökologischen Fußabdruck“ des jeweiligen Landes. Unter dem „ökologischen Fußabdruck“ wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den Lebensstil und -standard der Menschen eines Landes dauerhaft zu halten.


Kuba vereint einen HDI-Wert von 0,82 (laut UNO ist ein Land ab einem Wert von 0,80 als „hoch entwickelt“ einzustufen) mit einem ökologischen Fußabdruck von 0,87 Erdäquivalenten. Das heißt, wenn alle Erdenbürger wie die Kubaner leben würden, wären dafür 0,87 Planeten ausreichend. Alle anderen Länder sind entweder „unterentwickelt“ oder verbrauchen bei weitem zu viele Ressourcen. Dass ausgerechnet Kuba auf dem schmalen Grad der nachhaltigen Entwicklung zu balancieren vermag, ist wohl den massiven Versorgungsengpässen geschuldet, unter denen die kommunistische Wirtschaftsplanung seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums leidet. Kuba ist in der Situation, aus der materiellen Not eine Tugend machen zu müssen, und es ist aufgrund seiner vergleichsweise hohen technologischen Entwicklung und sozialen Errungenschaften – wie ein gut funktionierendes Gesundheits- und Bildungswesen – auch in der Lage dazu. Das zeigen einige innovative Lösungsansätze, mit denen eben jener Knappheit in Kuba begegnet wird: So ist die ökologische Landwirtschaft auf dem Vormarsch und ineffiziente Elektrogeräte werden auf Geheiß der Regierung durch sparsame ersetzt. In dem hohen technologischen und sozialen Standard besteht wohl auch der größte Unterschied zwischen Kuba und anderen Entwicklungsländern, die ebenfalls einen kleinen ökologischen Fußabdruck aufweisen, jedoch zugleich auch ein weitaus geringeres Entwicklungsniveau. Am wenigsten Ressourcen verbraucht im internationalen Vergleich Bangladesch mit nicht einmal einem Drittel Erdäquivalenten, erreicht aber auch nur einen HDI-Wert von 0,52. 76 der 140 in der Studie untersuchten Länder weisen einen Fußabdruck auf, der anteilig weniger als einmal die Erde verbrauchen würde. Doch außer Kuba sind alle diese Staaten von Armut geplagt. Einzig Costa Rica und Panama kommen in die Nähe der guten Werte Kubas. Doch die kapitalistischen Spiegelbilder der größten karibischen Insel weisen bei ähnlich guten Entwicklungsniveaus mit 1,06 (Panama) und 1,11 (Costa Rica) Erdäquivalenten bereits Fußabdrücke auf, die im globalen Maßstab zu groß wären. 


Angesichts solcher Forschungsergebnisse stellt sich die Frage, welchen normativen Wert das „regulative Ideal“ der nachhaltigen Entwicklung für den Norden des Planeten noch haben kann, wenn das einzige Erfolgsmodell ein maroder karibischer Staat ohne demokratische Grundordnung ist, der diesseits des Äquators als „verarmt“ gilt. Ist nachhaltige Entwicklung nur noch für ärmere Länder bindend, während wir in den reichen Ländern uns selbst aus jeglicher moralischen Pflicht nehmen und damit fortfahren, die Erde gleichsam mehrfach aufzufressen? 


Will der Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“ in Zukunft mehr sein als ein politisches Narkotikum für westliche Weltverbesserer, so muss der Ressourcenverbrauch der Industrienationen in weit radikalerem Maße gesenkt werden, als dies die landläufig propagierten Marktmechanismen jemals zu gewährleisten imstande sein werden. Deutschland etwa weist einen Ressourcenverbrauch auf, für dessen globale Durchsetzung zweieinhalb Planeten notwendig wären. Für den Lebensstil Neuseelands bräuchte die Menschheit über drei, für den Finnlands über vier Erden. Wenn alle so lebten wie der Spitzenreiter Vereinigte Arabische Emirate, wären dafür sogar sechszweidrittel Erden vonnöten, gefolgt von den USA mit gut über fünf Planeten. Insgesamt hat die Menschheit die Biokapazität der Erde bereits um ein Drittel überschritten.


Doch wie soll es jemals gelingen, den ökologischen Fußabdruck eines Landes wie Deutschland mehr als zu halbieren, ohne dass dieses dabei maßgebliche Einbußen an Lebensqualität, sozialer Entwicklung und politischer Stabilität erleidet? Eines scheint klar: Dies wird gewiss nicht durch die heute favorisierten liberalen Marktinstrumente wie steuerliche Anreize, „Konsumentenbewusstsein“ und „unternehmerische Verantwortung“ allein zu bewerkstelligen sein. Das transformatorische Repertoire liberaler Demokratien ist für die Aufgabe des nachhaltigen Umbaus ganzer Gesellschaftssysteme nicht gerüstet. Das spricht nicht gegen das Konzept der Demokratie, sondern gegen deren ideologische Knebelung durch den Liberalismus. 


Nötig wäre ein Modell, in dem es die Sache einer demokratischen Öffentlichkeit ist, grundlegende Entscheidungen über die Rahmenbedingungen des Produktionssystems zu treffen, innerhalb derer dann ein freier Markt ungestört florieren kann. Nur eine demokratische Öffentlichkeit kann bestimmen, in welcher Welt sie leben will der Markt hingegen hat kein moralisches oder planendes Bewusstsein.


Nehmen wir das Beispiel Landwirtschaft. Kaum ein Sektor trägt so entscheidend zum ökologischen Fußabdruck eines Landes bei wie der Agrarsektor. Es wäre technisch ohne Weiteres möglich, die gesamte landwirtschaftliche Produktion der Erde auf ökologischen Standard umzustellen, wie jüngste Forschungen belegen. Dies würde nicht nur den Anteil der Landwirtschaft an den globalen Treibhausgasemissionen auf einen Bruchteil reduzieren (er liegt derzeit bei bis zu 30 Prozent!), sondern auch den gesamten ökologischen Fußabdruck eines Landes drastisch verkleinern. Würde eine demokratische Mehrheit für die ökologische Transformation des landwirtschaftlichen Systems stimmen, könnten wahrscheinlich sogar ein paar Punkte im Human Development Index dazugewonnen werden: Denn Lebenserwartung und -qualität der Menschen würden bestimmt nicht darunter leiden. 



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