Flucht durch den Abfluss

von Heriberto Paredes Coronel

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

  • Ein gelungener Fluchtversuch: „El Chapo“ entkam 2015 aus diesem Hochsicherheitsgefängnis im Westen von Mexiko-Stadt. Foto: Heriberto Paredes Coronel

  • Durch den Abfluss der Dusche in seiner Zelle gelangte er in den Tunnel. Foto: Heriberto Paredes Coronel

  • Auf diesem Motorrad fuhr „El Chapo“ 1,5 Kilometer durch den Untergrund. Foto: Edgard Gerrido / Reuters

  • Der Ausgang des Tunnels war durch ein Haus getarnt. Foto: Heriberto Paredes Coronel


Der Eingang des Tunnels, durch den Mexikos berühmtester Verbrecher der letzten Jahrzehnte entkam, war der stinkende Abfluss seiner Zellendusche in einem – vermeintlichen – Hochsicherheitsgefängnis. Ein ekelerregender Geruch drang aus dem Loch, in das sich Joaquín Guzmán Loera, genannt „El Chapo“, hineinzwängte. Der Chef des Sinaloa-Kartells und Netflixprotagonist ist mittlerweile Insasse eines Gefängnisses in den USA, aus dem eine erneute Flucht schwer vorstellbar ist.

Seine Gefängniszelle im Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano in Mexiko war klein und kalt. Ein paar persönliche Gegenstände, ein Fernseher, Teller und Besteck, eine Decke. Der Flur, auf dem sich die Zelle befindet, beherbergte noch weitere landesweit bekannte Gefängnisinsassen, die rund um die Uhr bewacht wurden. Doch es herrschte Stille. Kaum vorstellbar, dass der Lärm der Tunnelbohrung bis zum Duschabfluss keine Aufmerksamkeit erregte. 

Die kriminellen Vereinigungen in Mexiko erfanden im Laufe der Jahrzehnte eine ganze Reihe an Methoden, um ihre illegalen Geschäfte auszubauen, ihre Leute aus dem Gefängnis zu befreien, Drogentransporte abzusichern, Menschenhandels- und Erpressernetzwerke am Laufen zu halten. Sie entwickelten neue Formen, um Handel zu betreiben und Waffen zu besorgen. Kriminelle Machenschaften wurden immer komplexer – doch ohne Komplizen in Lokalregierungen, bei Rohstoffhändlern, der Polizei und anderen Behörden hätten sie dies alles nicht geschafft.

„Der Tunnel hatte eine Lüftung, elektrisches Licht und einen leistungsstarken Motor, der das Motorrad zog. Seine Kosten werden auf 430.000 Dollar geschätzt. Während der Bohrung wurden knapp 300 Lastwagenfuhren Erde fortgeschafft“

Der Fall von Guzmán Loera, der wegen seiner geringen Körpergröße den Spitznamen „El Chapo“ – der Kleine – trägt, ist das beste Beispiel: Ohne Komplizen in Regierungsbehörden und den Einfallsreichtum seiner Organisation wäre dem Chef eines der bedeutendsten Verbrecherkartelle auf dem amerikanischen Kontinent schon sein erster Ausbruch nicht gelungen. Dieser erfolgreiche Coup ereignete sich in der Haftanstalt Puente Grande im westmexikanischen Bundesstaat Jalisco. Als El Chapo 1995 dorthin verlegt wurde, antwortete er auf die Frage nach seinem Beruf, er sei Bauer. Kann sich ein Bauer die Gefolgschaft eines ganzen Hochsicherheitsgefängnisses erkaufen und sich den Luxus gönnen, von dort in einem Wäschewagen zu entkommen? Der Ausbruch am 19. Januar 2001 war eine kunstvolle Ablenkungstechnik: Die Medien konzentrierten sich auf diesen Vorfall und nicht länger auf die Strukturen von El Chapos krimineller Vereinigung. 

Dieser erste Gefängnisausbruch veränderte das Bild, das die mexikanische Gesellschaft bislang von ihren Verbrechern hatte – von alten Mafiosi mit Prinzipien bis  hin zu Comic- und Filmfiguren. Guzmán Loeras zweite Flucht hingegen war ein eiskalt kalkuliertes Spektakel, das ihn zum Helden erhob und Kleidermarken, Fernsehserien und Werbegeschäfte mit sich brachte. Die Geschichte ist schnell erzählt: Am 11. Juli 2015 entkam er, immer noch Chef eines mächtigen Kartells in Mexiko, aus El Altiplano, indem er durch den Abfluss seiner Dusche den stinkenden Schacht hinunterkletterte. Dort schwang er sich auf ein Motorrad und fuhr auf Schienen durch einen eineinhalb Kilometer langen Tunnel, an dessen Ende eine Art Bodega oder Haus den Ausgang tarnte.

Der Tunnel hatte eine Lüftung, elektrisches Licht und einen leistungsstarken Motor, der das Motorrad zog. Seine Kosten werden auf 430.000 Dollar geschätzt. Während der Bohrung wurden knapp 300 Lastwagenfuhren Erde fortgeschafft. Guzmán Loeras Leuten war es gelungen, den Untergrund bis zum Gefängnis zu durchbohren, ohne dass jemand etwas sah oder sagte – „El Chapo“ muss an die Baupläne des Gefängnisses gelangt sein und seine gesamte Umgebung zu Komplizen gemacht haben.

Aus dem Spanischen von Laura Haber



Ähnliche Artikel

Das ärmste Land, das reichste Land (Wie ich wurde, was ich bin)

Poetischer Weltbürger

von Jonas Mekas

Als Kind lag ich in den Feldern meines kleinen litauischen Dorfs und träumte große Träume vom Anderswo.

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

„Nach Litauen ging ich, weil es dort etwas zu essen gab“

ein Gespräch mit Elsbetta Kondrotenkiene

Vor dem Zweiten Weltkrieg war sie ein deutsches Kind, danach eine litauische Frau

mehr


Was bleibt? (Thema: Erinnerungen )

Sehnsucht nach Damaskus

von Suleman Taufiq

Wie meine Familie an die verlorene Heimat Syrien zurückdenkt

mehr


Unter der Erde (Bücher)

In den Fluten

von Thomas Hummitzsch

In ihrem Debütroman geht Kayo Mpoyi ihrer Familiengeschichte auf den Grund

mehr


Tabu (Thema: Tabu)

„Ich wusste, dass es eine große Sache war“

von Eric Ben-Artzi

Wie ein ehemaliger Risikomanager half, Manipulationen bei der Deutschen Bank aufzudecken. Ein Gespräch über die Schwierigkeit, seinen Arbeitgeber zu verraten

mehr


Das Paradies der anderen (Bücher)

Unterwegs ins Unbekannte

von Thomas Hummitzsch

Der französische Autor Mathias Énard hat mit der Comiczeichnerin Zeina Abirached eine Graphic Novel über Neugier, Fremdheit und Flucht geschrieben

mehr