Nach neuen Märkten greifen

von Ivo Ngome

Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Ausgabe II/2008)


Es ist 11 Uhr vormittags in Douala, der mit mehr als 1,3 Millionen Einwohnern größten Stadt Kameruns. Die Sonne brennt, auf den Straßen herrscht hektisches Treiben. Dr. Etoundi sitzt auf einer Bank vor seiner Praxis. Der Arzt sieht besorgt aus, denn viele seiner Patienten bleiben aus. Sie gehen zu den neuen chinesischen Ärzten, die sich im Laufe der letzten Jahre im Land angesiedelt haben. Die Forschungsgruppe „Research Tour Cameroon“ geht davon aus, dass sich die chinesische Bevölkerung in Kamerun in den letzten Jahren fast verdoppelt hat: 1.700 Chinesen kamen im Jahr 2005, 2006 waren es etwa 3.600 und 2007 etwa 5.100. Offizielle Angaben gibt es nicht.

Auch wenn die Zahl der Zuwanderer im Vergleich zu den 16 Millionen Kamerunern minimal wirkt: Das Land verändert sich – und nicht allen gefällt das. „Alle gehen in chinesische Kliniken“, beklagt sich Dr. Etoundi. „Ich weiß, dass die Kameruner billige Sachen lieben, aber für ihre gesundheitlichen Bedürfnisse darf das doch nicht gelten.“

Für viele hiesige Patienten erweist sich die chinesische Medizin als erschwinglich und ziemlich effektiv. Die Ärzte sind zugänglich und unkompliziert. Viele ziehen sie den lokalen Praxen westlich ausgebildeter Ärzte vor. Das „Cameroon Medical Council“, eine Organisation der Ärzte Kameruns, zeigt sich beunruhigt. Ein Sprecher der Organisation, der anonym bleiben will, erklärt: „2006 gab es in Douala sechs private chinesische Praxen, jetzt sind es etwa dreizehn. Wir haben die Regierung wiederholt aufgefordert, den Gesundheitssektor zu regulieren sowie Scharlatane bloßzustellen.“ Auf die Frage, ob Ginsengtee, die Nahrungsergänzung Tianshi und andere medizinische chinesische Produkte, die auf den lokalen Märkten zu bekommen sind, tatsächlich in ihrer Wirksamkeit überprüft wurden, antwortet der offizielle Vertreter der Medizinerkammer: „Das sind nur einige unserer Bedenken.“ Weitaus kritischer sieht er die steigende Anzahl der von der Kammer nicht anerkannten chinesischen Praxen.

Richtig schlecht ist die Stimmung derzeit bei den Straßenverkäufern und kleinen Geschäftsleuten, etwa bei Handyreparateuren in Buea, im Westen des Landes, die ihr Auskommen durch chinesische Händler bedroht sehen. Denn nun werben junge Chinesen damit, jedes elektrische Gerät reparieren zu können. Die meisten Geräte, die zurzeit in Kamerun benutzt werden, wurden in China hergestellt, in den Städten und Firmen, in denen sie für einige Zeit gearbeitet haben. „Sie haben uns alle Kunden weggenommen, weil sie billig sind“, sagt Ngang Richard, ein Handyreparateur der ersten Stunde, „und sie kommen leicht an billige Ersatzteile. Als sich einige Chinesen in Bamenda, der viertgrößten Stadt Kameruns, im Nordwesten gelegen, in einen anderen Geschäftszweig – das Betreiben von Mobilfunkbuden – vorwagten, erlebten sie wütende Attacken der dortigen Jugend.

Bamenda leidet unter 70 Prozent Arbeitslosigkeit. Absolventen von Universitäten und höheren Schulen konkurrieren um jeden erdenklichen Job. Das Geschäft, das das geringste Eigenkapital erfordert und für die Graduierten relativ einträglich ist, ist ein Vertrag mit einer Mobilfunkgesellschaft über den Kauf günstiger Sprechzeit, die pro Minute an interessierte Anrufer weiterverkauft wird. Inzwischen betreiben aber schon zu viele Menschen Mobilfunkbuden. Der Markt ist gesättigt. Auf Elvis Ngwa, mit Geografiediplom der Universität von Dchang, wartet nun eine Telefonbude: „Die Regierung hat bewiesen, dass sie uns weder Jobs verschaffen kann, noch dass sie das Wenige, was wir haben, schützt. Wir müssen unsere Geschäfte allein erhalten.“

Es gibt aber auch Stimmen im Land, die die fleißigen chinesischen Einwanderer im Kleingewerbe begrüßen. Sie könnten der kamerunischen Jugend, die denke, die Regierung müsse automatisch jeden Absolventen einstellen, eine Lehre erteilen. „Man kann nicht einen Hund mögen, aber seine Nase hassen“, erklärt ein Mitarbeiter des Kameruner Ministeriums für Auswärtige Beziehungen, der nicht genannt werden will. „Kamerun und China genießen eine Beziehung wechselseitigen Nutzens und wechselseitiger Probleme.“ Seit 2006 sei die militärische Hilfe der Chinesen, die zuvor auf das Training von Offizieren beschränkt war, auf technische und materielle Unterstützung ausgeweitet und verstärkt worden. „China trägt dazu bei, das kamerunische Militär zu modernisieren.“ Im Januar 2007 unterzeichnete der chinesische Präsident Hu Jintao bei seinem Besuch in Kamerun acht Übereinkommen, die Kamerun fast 100 Millionen Dollar in Krediten und niedrig verzinsten Darlehen versprachen. Er willigte in den Bau von zwei Schulen und einem Krankenhaus in Douala ein, stellte soziale Hilfsprogramme für sauberes Trinkwasser und günstigen Wohnraum bereit. Die Botschaft des chinesischen Außenministers Li Zhaoxing am Vorabend von Präsident Hu Jintaos Besuch in Kamerun war deutlich: „Möge die brüderliche Freundschaft zwischen China und Kamerun für immer halten.“

Vielleicht waren die guten Wünsche von Minister Li auch von bereits getätigten und noch geplanten chinesischen Investitionen in Kamerun inspiriert. In den ersten elf Monaten des Jahres 2006 hat sich das Volumen des chinesischen Handels mit Kamerun, im Wesentlichen mit Öl, Bauxit und Eisenerz, auf 338 Millionen Dollar fast verdoppelt. Die Regierung Kameruns erlaubt chinesischen Produkten – günstige Waren aller Art, etwa Elektrogeräte, Kleidung, Haushaltswaren, Motorräder, Schuhe, Küchenutensilien, Kosmetika, Reisetaschen, Bürowaren –, den Markt zu erobern. Während Volkswirte argumentieren, dass billige Produkte aus China die lokale Handwerkskunst ernsthaft gefährden, befürworten arme Leute die chinesischen Produkte. „Endlich konnte ich mir einen Fernseher leisten“, erzählt ein pensionierter Vollzugsbeamter, „einen chinesischen.“

Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass der Zustrom von chinesischen Einwanderern und ihren Waren in der nächsten Zeit versiegen wird. „Seit 1971, dem Beginn diplomatischer Beziehungen zwischen Kamerun und China, sind Handel und Freundschaft zwischen den Staaten gewachsen“, analysiert Victoire Yemelon, die Pressebeauftragte von „Research Tour Cameroon“. „Seit 2000 besucht die chinesische Führung Kamerun jedes Jahr. Unser Präsident Paul Biya war schon viermal in Peking: 1986, 1993, 2003 und 2006. Die Zahlen sprechen für sich.“

Während eines Banketts anlässlich seines Staatsbesuchs sagte Präsident Hu, China und Afrika hätten nie versucht, ihre sozialökonomischen Entwicklungsmodelle anderen aufzuzwingen. Die Äußerung schien an die westlichen Länder gerichtet gewesen zu sein. Präsident Biya bekräftigte daraufhin: „Ich lade alle chinesischen Firmen ein, nach Kamerun zu kommen und hier zu investieren.“

Eine Studie, die kurz nach dem Staatsbesuch in den zehn größten Städten Kameruns durchgeführt wurde, ergab, dass 75 Prozent der Kameruner die Weiterentwicklung der chinesisch-kamerunischen Beziehung befürworten, also nicht nur die Eliten des Landes, sondern auch die Mehrheit der Bevölkerung, die im Alltag von günstigen Waren und Dienstleistungen profitiert. Ein Problem aber bleibt bestehen. Wie kann sich die Einstellung gegenüber der chinesischen Bevölkerung verbessern und wie kann der wirtschaftliche Wettkampf in Kamerun reguliert werden? Nur dann gehören Sätze wie der folgende der Vergangenheit an: „Wir wollen die chinesischen Produkte“, sagt der pensionierte Beamte, „nicht die Chinesen.“

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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