Hundert Jahre Gewalt

von Sabine Scholl

Selbermachen (Ausgabe IV/2021)

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Militärpropaganda im Alltag: Ein Straßenplakat während des Vietnamkriegs in Hanoi, 1973. Foto: Bettmann / Getty Images


Über Vietnam und den Krieg war bislang vorwiegend aus amerikanischer Sicht zu erfahren. Nguyen Phan Que Mai erzählt in „Der Gesang der Berge“ aus der Perspektive von Vietnamesinnen, die nicht an der Front, sondern um ihr tägliches Überleben kämpften. Die Autorin schildert die Geschichte einer Familie über drei Generationen, geprägt von Fremdherrschaft und Repression. Derartige Darstellungen wurden bislang aus der offiziellen Geschichtsschreibung entfernt, wie die Großmutter von Erzählerin Hu’o’ng betont: „Es ist verboten, über Dinge zu sprechen, die mit Fehlern der Vergangenheit oder Verbrechen der Machthaber zu tun haben. (...) Aber du bist jetzt alt genug, um zu wissen, dass die Geschichte sich in das Gedächtnis der Menschen schreibt.“ 

Dass Nguyen zunächst Gedichte geschrieben hat, lässt sich an der intensiven Sprache bemerken, in der sie die Schrecken zwar benennt, aber mit poetischen Momenten einen Ausgleich schafft. Gegen die Brutalität der Herrschenden steht zudem die bewundernswerte Gestalt der Großmutter, die für das Mädchen sorgt, und deren Schicksal in Rückblenden erzählt wird. Die Großmutter wächst in einer ländlichen Region Nordvietnams auf, in der Rituale den Alltag organisieren. Dann fallen die Japaner ins Land ein, es folgt eine Hungersnot. Die Menschen essen Wurzeln, Insekten, Blätter. Wenn die Großmutter von der verzweifelten Suche nach Essbarem berichtet, liest sich das spannender als jeder Krimi. Mit 28 Jahren hat die Großmutter bereits fünf Kinder, ihre Familie wird von der Landreform 1955 hart getroffen. Ihre Felder sollen an besitzlose Bauern verteilt werden. Arme Menschen werden gezwungen, sich gegen die Reichen zu wenden. Es kommt zu Schauprozessen und Todesurteilen. Zum Glück gelingt es der Großmutter mit ihren Kindern zu fliehen.

Die Menschen essen Wurzeln, Insekten, Blätter. Wenn die Großmutter von der verzweifelten Suche nach Essbarem berichtet, liest sich das spannender als jeder Krimi

Dieser Erzählstrang läuft parallel zum Erleben des Mädchens Hu’o’ng während des Vietnamkriegs, der mit Bomben und Chemiewaffen nicht minder grausam wütet. Immer wieder setzt die Autorin poetische Bilder, die diese Schilderungen gerade noch erträglich machen: „Das Sonnenlicht schimmerte golden wie Honig. Die Luft roch nach Leben statt nach Tod und Sprengstoff.“

Hu’o’ngs Mutter, die als Ärztin in den Krieg gezogen war, kehrt gezeichnet zurück, der Vater bleibt verschwunden. Auseinandergerissene Familien können als Parabel für das gesamte Land gelesen werden. So muss auch die Großmutter auf der Flucht vor Verfolgung und Hunger ein Kind nach dem anderen zurücklassen, um diese und sich selbst zu retten. Die Zerstörung des familiären Zusammenhalts wird eine ganze Nation für Generationen traumatisieren.  Hu’o’ng wünscht sich nichts mehr, als dass der amerikanische Krieg, wie er in Vietnam genannt wird, vorbei wäre und sie mit ihren Eltern vereint: „Ich stellte mir vor, wie meine Mutter mit mir auf Großmamas Fahrrad durch die Straßen von Hà Nôi flitzt.“ Sowohl im Original als auch in der Übersetzung von Claudia Feldmann werden dabei viele vietnamesische Ausdrücke beibehalten. 

Als 1975 der Krieg endet, beginnt die Unterdrückung durch das kommunistische Regime. Viele Vietnamesen fliehen – und wieder gehen Risse durch die Familien. Dennoch bilden Liebe, familiäre Bindungen und Literatur positive Gegengewichte zu den unmenschlichen Wendungen der allgemeinen Geschichte. Mit der Lektüre dieses Romans wird deutlich, wie sehr die Vietnamesinnen in den letzten Jahrzehnten gelitten haben und welches schwere Erbe die folgenden Generationen bis heute mit sich tragen.



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