Das erste Atmen nach dem Krieg

von Bjeen Alhassan

Das neue Polen (Ausgabe III/2021)

  • Für ihre Arbeit erhielt Bjeen Alhassan 2020 den Deutschen Integrationspreis. Foto: Guido Bergmann

    Für ihre Arbeit erhielt Bjeen Alhassan 2020 den Deutschen Integrationspreis. Foto: Guido Bergmann

  • Bjeen Alhassan 2014 nach ihrer Ankunft am Flughafen Bremen. Foto: privat

  • Mit ihrer Schwester in ihrer Heimatstadt Qamischli, etwa 1995. Foto: privat

    Mit ihrer Schwester in ihrer Heimatstadt Qamischli, etwa 1995. Foto: privat

  • Mit ihrer Mutter im Urlaub, 1996. Foto: privat

    Mit ihrer Mutter im Urlaub, 1996. Foto: privat


Bjeen ist ein kurdischer Name. Er bedeutet „lebendig“. Ich fühle mich lebendig, wenn ich etwas bewegen und verändern kann. Ich weiß, ich kann nicht alles ändern. Aber ich trage meinen Teil zu einem besseren Leben bei. 

Ich wuchs als Tochter einer Lehrerin und eines Beamten in Qamischli auf, im Nordosten Syriens. Unsere Identität als kurdische Minderheit wurde unterdrückt. Unsere Sprache war verboten, auf meinem Ausweis stand „Araberin-Syrerin“. Ich hatte nie das Gefühl, dieses Land wäre mein Land. Als Kind fragt man sich: „Was habe ich getan? Ich bin doch mit dieser Sprache geboren, warum ist sie verboten?“ Man geht in die Schule und versteht kein Wort. Wahrscheinlich bestand meine Mutter deshalb darauf, mich ein Jahr früher einzuschulen. So hatte ich mehr Zeit, Arabisch zu lernen. Kinder lernen Sprachen schnell, und ich hatte ein Talent dafür. Später, auf der weiterführenden Schule, lernte ich Assyrisch – die Sprache meiner christlichen Schulkameraden. In Damaskus kam dann ein anderer arabischer Dialekt hinzu, in Erbil ein weiterer kurdischer. Dazu Englisch und Französisch, und nun Deutsch – Sprachen waren für mich immer Mittel, um mich zugehörig zu fühlen. 

„Schlimm waren die Stromausfälle. Es gab ganze Tage ohne Strom. Wenn du in einer solchen Situation studierst, dann gibst du entweder auf oder das macht dich stark. Und ich dachte: Wenn ich das hier überstehe, dann richtig gut.“

2010 war ich 17 Jahre alt und mit der Schule fertig. Ich zog zu meiner Schwester, die damals in Damaskus studierte. Im zweiten Jahr meines Wirtschaftsstudiums begann der Krieg. Viele kehrten zurück zu ihren Familien. Meine Schwester hingegen sagte, sie würde die Stadt nicht verlassen, bevor sie ihren Abschluss hatte. Und ich blieb bei ihr. Sie ist 13 Jahre älter als ich und ich dachte damals: Wenn sie das sagt, dann schaffen wir das gemeinsam. Angst hatten wir nicht. Wir dachten, das würde nicht lange dauern. Angenehm war es trotzdem nicht. Schlimm waren die Stromausfälle. Es gab ganze Tage ohne Strom. Wenn du in einer solchen Situation studierst, dann gibst du entweder auf oder das macht dich stark. Und ich dachte: Wenn ich das hier überstehe, dann richtig gut. Ich hatte viel bessere Noten als vor dem Krieg.

Als wir 2014 mit unseren Abschlüssen nach Qamischli zurückkehrten, war meine Hoffnung gestorben. Die Explosionen, die Bomben, die Flugzeuge. Ich wollte nicht mehr in Syrien bleiben. Mit 21 Jahren ging ich nach Erbil im kurdischen Teil des Irak – allein und ohne Visum. Ich arbeitete dort in einer Marketingagentur und lebte dreieinhalb Monate in Frieden und Freiheit. Das war Atmen nach drei Jahren Krieg. Wahrscheinlich das beste Gefühl, das ich je hatte.

Eines Tages rief meine Schwester an. Es sei unmöglich, länger in Syrien zu bleiben. Mein Bruder, der schon länger in Deutschland war, hatte eine offizielle Einladung geschickt. Meine Familie ging also zu ihm nach Ostfriesland. Ich kam drei Monate später nach. Am 11. Februar 2014 landete ich in Bremen. Ich hatte keine Lust, schon wieder von null anzufangen, schon wieder eine neue Sprache zu lernen. Ich wollte nicht bleiben. Es gab jedoch kein Zurück mehr, da der „Islamische Staat“ immer mehr Gebiete einnahm. Ich besuchte also Deutschkurse und versuchte, anzukommen. 

„War das ihre Angst vor einer fremden Kultur? Gönnten sie mir nicht, dass ich es geschafft hatte? Ich hörte irgendwann auf, mich das zu fragen. Man entwickelt eine dicke Haut. Aber etwas davon bleibt.“

Ich hatte Glück und konnte ein Praktikum in einer Werbeagentur machen, bekam ein Stipendium für Sprachkurse in Hamburg. Endlich war ich wieder lebendig: Ich war nicht mehr nur eine Geflüchtete, die Deutsch lernte. Ich hatte eine Aufgabe. Das gab mir Selbstbewusstsein. Doch es gab viele Momente, in denen ich mich nicht willkommen und akzeptiert fühlte. Mein Studium in Emden hätte ich beinah abgebrochen. Wir waren dreißig Studierende im Master, die meisten aus Norddeutschland. Sie weigerten sich, Gruppenarbeiten mit mir zu machen. Es fiel mir schwer, das nicht persönlich zu nehmen. War das ihre Angst vor einer fremden Kultur? Gönnten sie mir nicht, dass ich es geschafft hatte? Ich hörte irgendwann auf, mich das zu fragen. Man entwickelt eine dicke Haut. Aber etwas davon bleibt. 

Mit meiner Facebook-Gruppe „Lernen mit Bijin“ möchte ich mein Wissen über das Leben in Deutschland an andere geflüchtete Frauen weitergeben. Ich musste allein meinen Weg finden und viele Fragen stellen. Mittlerweile weiß ich: Es gibt unzählige Möglichkeiten. Sie sind für viele bloß schwer zu verstehen. 2020 habe ich den Deutschen Integrationspreis erhalten. Das hat mir geholfen: Ich kann jetzt meine Meinung sagen und weiß, ich werde gehört. Das gibt mir Mut und Hoffnung, dass sich manche Dinge für Geflüchtete in Deutschland ändern können.

Langfristige Ziele stecke ich mir nicht mehr. Ich habe den Krieg erlebt und weiß, dass sich alles innerhalb von Minuten ändern kann. Aber ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit noch viel mehr Frauen erreichen werde.

Protokolliert von Leonie Düngefeld



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