Wer versteht sich?

Ute Hempelmann

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Den belgischen Journalisten hält es nicht länger auf dem Stuhl: „Ich kann es nicht mehr hören, dieses ewige Draufhauen der Muslime auf die Medien“, wettert er lautstark. Das Gemurmel der Zuhörer wird stärker. Da hat Bashy – so stellt er sich vor – sich bereits erhoben und wirbt für seine Aktion „sauberer Journalismus“. Zehn Ratschläge für Medien stehen auf dem Zettel, den er den Journalisten im Raum vorliest. 


 Die Szene spielt sich bei einer Diskussionsrunde des British Council in Brüssel ab. Eingeladen sind Muslime etwa von FEMYSO, einer europäisch-muslische Studentenorganisation, und Medienvertreter aus Europa (BBC, WDR, niederländische und belgische Print- und Radiojournalisten, freie Mitarbeiter). Spätestens seit dem Karikaturenstreit ist der Ton in Deutschland und anderen europäischen Ländern schärfer geworden. Muslimen passt nicht, was Journalisten über sie schreiben. Umgekehrt fühlen sich Journalisten pauschal von Muslimen angeklagt: Sie würden klischeehaft berichten, zu wenig über den Islam und muslimisches Leben wissen, und nicht zwischen Religion und Kultur unterscheiden. Differenzierte Positionen gehen schlicht unter. Wie ein Mikrokosmos spiegeln die Mediendiskussionen wider, was gesamtgesellschaftlich passiert: Politiker, Kirchen und Medien ringen mit Vertretern muslimischer Verbände – und alle Streitenden schwingen sich gern zum Sprachrohr der Masse auf.


 Die islamischen Verbände vertreten, je nach Quelle, 10 bis 15 Prozent der deutschen Muslime. Und die Medien? Geben sie die öffentliche Meinung wieder? Der Soziologe Tönnies unterschied schon vor 85 Jahren „Öffentliche Meinung“ und „Veröffentlichte Meinung“. Diese Unterscheidung trifft auch der Islamwissenschaftler und Medienexperte Kai Hafez von der Universität Erfurt. Seine Studien belegen, dass rund 70 Prozent der Berichterstattung über „den Islam“ in deutschen Medien im Zusammenhang mit Gewalt steht: die natürliche Folge sicherheitspolitischer Interessen und Ängste in der Bevölkerung oder begründet in den Klischees der Journalisten? Die Grenzen zwischen Information, Manipulation und Vorurteil sind fließend. Was die Medien als Information einstufen, ist für Muslime Diskriminierung. 


 Die Alternative ist anstrengend. Denn sie fordert das Aushalten völlig unterschiedlicher Wertvorstellungen. In einem langwierigen Prozess, der so viel Kraft wie Kooperation erforderte, ist dem British Council gemeinsam mit mehreren muslimischen Vereinigungen die Quadratur des Kreises gelungen: Der „British Muslim Media Guide“, ein gut 70 Seiten starker „Kompromiss“ zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit, zeigt den englischen Status quo in beeindruckenden Bildern und Faktensammlungen. Das Buch ist in zehn Kapitel aufgeteilt, die einen Überblick über umstrittene Themen geben. Da geht es um „Junge Muslime“, ihre Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe oder ihre Erziehung in muslimischen Privatschulen, um „Frauen“, die vielen Ausprägungen der Kopfbedeckung „hijab“ und die Gründe für Gleichberechtigung im Koran, sowie um „Kunst und Kultur“, etwa den muslimischen Geschäftssinn, muslimische PR-Firmen und die Erfolge von Muslimen beim Boxen, Kricket und Rugby. In kleinen Infokästen werden die Unterschiede zwischen „islamisch“ und „islamistisch“ erklärt, einzelne englische Moscheen porträtiert oder Gebetsregeln vorgestellt. 


 Der Autor und Wissenschaftsjournalist Ehsan Masood liefert damit den Beweis, dass es möglich ist, in einem eleganten journalistischen Spagat gegensätzliche Positionen zu überbrücken. Muslimische Verbände drängten sich, im Buch erwähnt zu werden. Die Resonanz auf das Buch sei durchweg gut, sagt Masood. Und setzt hinzu, dass manche Journalisten brennend an der Adressenliste muslimischer Vereine und Verbände im Anhang interessiert seien. Was seine Hoffnung nährt, dass künftig mehr Journalisten über Muslime schreiben, „mit denen sie zuvor auch gesprochen haben“.


 Weniger Krisen-, Kriegs-, und Katastrophenberichterstattung, stattdessen mehr Geschichten über den multi-ethnischen und multi-religiösen deutschen Alltag wünscht sich der Islamwissenschaftler Hafez. Mehr Mitarbeiter ausländischer Herkunft in den Medien regt die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer an. In Großbritannien sehen sich Minderheiten von der BBC nicht ausreichend repräsentiert, schalten den Sender aus und gründen eigene Medien. Der Media Guide ist eine gute Idee, medialen Parallelgesellschaften entgegenzuwirken und gegenseitiges Zuhören zu erleichtern. Was die Journalisten mit dem neuen Wissen machen, wird man dann lesen.
 

British Muslims: Media Guide. Von Ehsan Massood. The British Council, 2006. 73 Seiten. Kostenlos herunterladen unter www.britishcouncil.org/scotland-society-media.htm



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