Ein schöner Mann in Estland

von Jan Kaus

Unterwegs. Wie wir reisen (Ausgabe II/2007)


Meine Eltern haben sich in der Lobby-Bar des Hotels kennengelernt, dem damals einzigen der Stadt. Beziehungsweise dem einzigen, das man Ausländern zumuten konnte. Mein Vater drehte damals einen Film über eine Eisenbahnlinie, die auf Stalins Befehl 15 Jahre lang gebaut wurde. Tausende kamen dabei zu Tode, wie zu Stalins Zeiten üblich.

Und, wie ebenfalls zu Stalins Zeiten üblich: Nach der feierlichen Eröffnung wurde die Bahnlinie kein einziges Mal benutzt. Denn die mitten durchs Moor führenden Schienenstränge waren schon gegen Ende des großen Erbauens nicht mehr zu gebrauchen. Doch, mein Alter hatte eine Nase für fesselnde Themen. Die Drehgenehmigung bekam er nur, weil er den Instanzen das Ganze als den Versuch erklärt hatte, das Leben der Sowjetmenschen in den Randgebieten der großen Heimat zu dokumentieren. Der Köder wurde geschluckt, und mein Vater watete den ganzen Sommer und Herbst mit seinem Stab durch ein Moor, dessen Fläche so groß war wie halb Europa.

Der Film wurde verboten, aber der Alte gab Privatvorstellungen. Unter seinen Freunden hatte er zweifellos Erfolg. Im Hotel traf er sich mit einem Finnen, der Name ist mir nicht mehr gegenwärtig. Solche Treffen waren natürlich gefährlich, aber mein Alter war mutig, trotz des leichten Zitterns ums Kinn. Jener Finne war ebenfalls interessiert an den Filmen meines Vaters.

Und so weiter. Meine Mutter. Die ersten Blicke. Die ersten bewussten Blicke. Das erste Wort. Es fiel zu Boden und lag traurig herum. O wie öde. Aber irgendwie elegant, so zu denken, nicht wahr?

Heute habe ich zwei Dinge vor Augen. Das erste ist eine Sendung über Gewalt in Familien. Ein Mann prügelt seine Frau, droht sie zu erschlagen und setzt am Schluss das Haus in Brand. Die Frau steht mit dem Rücken zur Kamera und schluchzt.

Auch ich wuchs inmitten familiärer Gewalt auf. Das war schrecklich. Schrecklich belastend. Meine Mutter prügelte meinen Vater. Der Vater saß auf dem Sofa, besoffen von einem Wein, dessen Geruch mir heute noch sämtliche Lebensgeister abwürgen würde, und lächelte schuldbewusst. Und die Mutter schlug ihn, mit der offenen Hand, mit der Faust, ins Gesicht und in den Bauch. Sätze wie „Ich bring dich um, du Aas“ waren aus ihrem Munde nichts Ungewöhnliches. Was ich meinem Vater nie verzeihe, ist seine Unzulänglichkeit. Kaum, dass er simuliert hat. Dafür war er zu geradlinig. Nur dass es in dieser Geradlinigkeit keinerlei Substanz gab. Was ihn kennzeichnete, war eine unverhohlene Schlappheit, da fehlte aber auch jegliches An- oder Durchtrainierte. (...)

Das zweite, was heute passierte, beziehungsweise was heute war, war der blaue Himmel. Wolkenlosigkeit. Totale Wolkenlosigkeit. Ich hörte ein unterdrücktes Brummen und sah zum Himmel. Da bewegte sich ein winzig kleines weißes Kreuz. Ich kniff die Augen zusammen und bemerkte, dass die Querlatte des Kreuzes in der Mitte durchgebrochen war und die Enden nach unten zeigten. Dann begriff ich – es war vielleicht eine Viertelsekunde vergangen oder eine Viertelviertelsekunde – dass es sich um ein Flugzeug handelte. Es flog in vielleicht zehn Kilometer Höhe. Ein Interkontinentalflugzeug. Auf dem Weg von Kuala Lumpur nach London. Von Peking nach Frankfurt. Oder ganz anders, von Moskau nach Oslo. Ich weiß es nicht. Aber ich erinnerte mich an das eine Mal, als ich nach Rom flog.

In tiefer Unwissenheit, mit Angst vermischter Hoffnung. Nacht. Turbulenzen. Neben mir ein Franzose, der nervös etwas auf ein Papier kritzelte. Als würden ihn in Fiumicino aufgebrachte Aktionäre erwarten, oder gar seine Chefetage, und Rechenschaft fordern. Gib Rechenschaft! Der Mann knüllte das Papier zusammen und begann auf einem neuen, glatten, sauberen erneut zu schreiben. Nach einiger Zeit zerknüllte er auch dieses, verpresste es zu einem Kügelchen. Essen wollte er nicht. Ich hätte mir gern seine Scheibe Schinken angeeignet. Unangenehmes ruft bei mir Fresssucht hervor, somit habe ich mich im Flugzeug noch nie übergeben. Ich kriege sofort schrecklichen Hunger, und zwar in umgekehrter Proportion zum Luftdruck: Je geringer der Druck, desto größer der Hunger. Ich träumte auf meinem Romflug, dass Mirjam statt des hypernervösen Franzosen neben mir säße und verträumt aus dem Fenster in die Dunkelheit schaute. Stuttgart lag tausende Meter tief in einem Fegefeuer von Licht. Ob jemand da oben in dem weißen Kreuz wusste, worüber er sich gerade befindet? Hoffentlich kommt ihr an!

Wie man sieht, kriege ich den Ball nicht gehalten, den ich mangels treffender Formulierungen als „kompliziertes Verhältnis zu meinen Eltern“ bezeichne. Wäre es ein Fußball, würde ich ihn direkt ins Tor des Vergessens schießen. Mich bedrücken Bilder, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Mein Gedächtnis hat keine Gesäßtasche, die ich zumachen könnte. Zum Beispiel das Bild – aus der Kindheit, wie süß! –, wie ich mit meinem Vater den Weihnachtsbaum hole. Wir sagten „Neujahrstanne“ und dachten „Weihnachtsbaum“. Mein Vater war besoffen wie immer. Dafür bekam er dann auch von der Mutter eine verwinkt, dass der eiserne Weihnachtsbaumfuß dröhnte: „Sogar am Heiligen Abend läßt du dich vollaufen wie ein Schwein!“ Das war der erste Winter, in dem er in die Fabrik ging.

Mein Vater – nachdem er, der ausgemachte Trottel, eher zufällig, ungewollt den Dissidentenstatus erlangt hatte – ging in die Fischkonservenfabrik ans Fließband! Fünfzehn Jahre lang legte er das Lorbeerblatt auf die Sardine. Und stank nach Fusel. Wurde es kompliziert, lächelte er kraftlos. Vielleicht weinte er auch. Wie damals, als wir den Weihnachtsbaum holten. Das Wetter war wunderschön wie auf schwedischen Weihnachtskarten, der Schnee fiel majestätisch auf die Häuser der Vorstadt. Die Geruhsamkeit hatte gesiegt. Mein Vater stand da, knickte in den Knien ein, und aus seinen Augen rannen Tränen. Die Fichten wurden von Laternen beschienen, und am Abend kam im Dritten Finnischen „Das Leben Jesu“, Teil drei. Mein Vater weinte. Vermutlich konnte ich damals noch nicht hassen oder verachten.

Mein Vater beging seinen Selbstmord im engen Klo eines Aeroflot-Flugzeuges. Für mich übrigens wohnte dem Fliegen mit Aeroflot schon immer ein beträchtliches Potenzial an Selbstvernichtung inne, bis heute. Sein Flugzeug war auf dem Weg von Moskau nach Jerevan. Ich weiß nicht, wo der Vater das Geld für das Ticket her hatte und wie er, der nahezu invalide Lalle, überhaupt nach Moskau kam, und wen oder was er in Jerevan suchte. Zwei Tage nach seinem originellen Suizid – doch, doch! – liefen im Fernsehen seine Filme, nachts, „Die Schlüsselfrage“ und „Vergessene Gleise“ und „Borealia“. Ihm war ein kleiner, postumer Höhenflug beschieden. (...)

Ich habe sieben Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet, als Art Director, AD. In privaten Unternehmen gibt es normalerweise massenhaft Ds – Direktoren. Aber von den mir Unterstellten wurde keiner Direktor genannt.

Es wäre arg ermüdend, wenn ich dir, mein geheimnisvoller Leser, von diesen sieben Sklavenjahren erzählen würde. Freilich lassen sie sich nicht mit dem Dienst auf der Galeere vergleichen, das weiß ich. Denn ich wurde gut bezahlt. Ich nahm zusätzlich Aufträge an, war freelancer incognito, bei dem der Vertrag was anderes sagt, als der lancer macht. Natürlich stand in meinen Verträgen auch nichts von den Umschlägen. Glatte und stille Umschläge, die auf dem Tisch in meine Richtung glitten. Ich hatte Beziehungen, ich lieh und verlieh, ich investierte, und es klappte immer. Ich hatte – und habe bis heute – eine Vierzimmerwohnung in einem ziemlich neuen Haus, siebter Stock, Blick aufs Meer. Ich hatte – und habe bis heute – mit hoher Wahrscheinlichkeit und unter Bewachung aller Schutzengel, einsam in der Garage zu stehen – ein Auto.

Ich habe allzeit alle Möglichkeiten, wo ich hingehen kann, um Klarheit und Beistand zu finden. Oder etwa nicht? An der Frage habe ich übrigens auch zu knabbern, obwohl es zu ihrer Lösung etwas Effektiverem bedürfte, als im Haus meiner Tante Feuer im Herd zu machen und Konserven aus Sowjetzeiten zu essen. Meine Sachen hängen im Dunkel des Kleiderschranks und verlieren meinen Duft. Kaum, dass jemand eingebrochen ist, das Haus dürfte einbruchsicher sein, schließlich handelt es sich nicht um ein beliebiges Wohnhaus zwischen beliebigen Wohnhäusern. Ich gestehe, ich habe da wenig gewohnt. Ihr gefiel der Ort nicht. Also habe ich hauptsächlich woanders gewohnt, und zwar bei ihr.

Meine Arbeit habe ich nicht gehasst. Ich war gut, ich bin gut. Ich könnte auch heute jedermann Dinge klarmachen, die im Grunde keines Klarmachens bedürfen. Ich könnte meine Gesprächspartner Entdeckungen machen lassen, die sie längst gemacht haben. Und zudem den Eindruck erwecken, als gehöre die Entdeckung allein ihnen und mir. Als sei sie unser großes Geheimnis. Brühwarm und verlässlich wie der Morgenkaffee. Versatzstücke aus der Morgenzeitung gab ich auf der Vierzehnuhrversammlung als fernöstliche Weisheiten aus, freilich nur, wenn ich Lust dazu hatte, nicht gerade down war und unter betonter Morgenmuffeligkeit die Zeitungen beiseite schob. Ich bin in der Lage, hunderte von Masken auf mein Gesicht zu zaubern, eine geheimnisvoller als die andere, nach dem Grundsatz, auch das Nichts lässt sich ausdrucksvoll ausdrücken. Ich kann lächeln wie ein Etrusker. Ich sehe gut aus.

Ein schöner Mann, in Estland ziemlich selten. (...) Die anderen: allesamt gepudelte und gewudelte Marketingchefs, Führer dritten Grades. Wachsfiguren, gegossen aus Handbüchern und Sparpolitik, die sich selber für die Crème der Gesellschaft halten, für freie Geister, für Paschas der ersten Reihe. Sie bevölkerten Sommerakademien, Winterakademien und Fortbildungen, da stieß man auf gute Gedanken und nutzbringende Bekanntschaften! Wirklich, guter Leser, die Schrammelkapelle spielte, das Bier war teurer als anderswo, und so mancher hoffte darauf, dass sich ihm, wenn er die Hand in die Hose seines Vorgesetzten steckte, neue Möglichkeiten eröffneten. Auf einer der Fortbildungen wurde ihnen beigebracht, wie man sich von seiner Kreativität befreit und produktiv wird. Auf der nächsten erlernten sie Umgangsformen, infolge derer sie ihre Kompromissbereitschaft, die in Rudimenten immer noch vorhanden war, gänzlich verloren. Teure Armbanduhren klangen an ihren Handgelenken wie Handschellen. Dein Geld, du bist. Sie wollten gute Werbung, durchschlagende Kampagnen, den Markennamen. Eine effektive aber billige Offensive auf das Verbraucherhirn. Doch, sie wollten Geld ausgeben. Nicht viel. Etwas. Und wofür? Falsche Frage. Richtig heißt es: Wie? Größtenteils hatten sie sich selber ausgedacht, was sie von mir wollten. Sie wollten einen Effekt und kein Resultat. (...)

Somit behalte ich es für mich, ob ich auch jemals hinter einer guten Werbung gestanden habe. Werbung ist überall. Werbung spiegelt sich sogar in den Brillengläsern meiner stillvergnügten Tante, wenn sie auf eine neue Folge ihrer Seifenoper wartet. Meine Tante hat heute zum ersten Mal mit mir gesprochen, und das ging so: Morgens wache ich für gewöhnlich auf und gehe in die Küche, wo ich mir die Zähne putze und unter den Kaffeewärmer greife, nach der Kaffeekanne. Heute morgen aß ich gerade ein Käsebrot, als die Tante, vor sich hin summend und ein paarmal kurz hüstelnd, die Küche betrat. Sie hantierte am Herd und fragte plötzlich: „Na und wie geht’s sonst so?“ Glaub mir, guter Leser, das kam überraschend. „Geht so“, sagte ich und dachte, war doch gut, die Antwort. Die einzig mögliche, um ehrlich zu sein. „Na dann ist ja gut“, antwortete sie und kicherte. „Ich meine nur, wir sind ja verwandt, und es ist ja auch schön, wenn jemand im Haus ist, aber irgendwie, nicht so einfach, zwei Mäuler, nicht wahr, und dann nur ein Verkäuferinnengehalt, nicht, das siehst du doch auch so.“

Ich reichte der Tante meine Bankkarte und sagte, dass da im Moment etwas über Hunderttausend drauf sein müssten, sie solle sich holen, was sie braucht.

Dieses kurze, sachliche Gespräch schien mir das Gehirn ausgesaugt zu haben. Ich trottete auf die Veranda und sah den tiefhängenden Wolken zu, wie sie über die Heide zogen. Sommer.

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm



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