Kanada wechselt den Strom

von Alexandra Shimo

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Kanada gilt als Naturparadies mit klaren Seen, unberührten Wäldern und endlosen Ebenen des Nordens. Gerade hier sollte das Umweltbewusstsein besonders stark sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Als riesiges, dünn besiedeltes Land mit vielen natürlichen Rohstoffen hat sich Kanada nie große Sorgen über Energieversorgung und Verschmutzung machen müssen. Darüber hinaus wurde lange vermutet, dass man zu den Gewinnern des Klimawandels gehören würde durch eine offene Nordwestpassage, durch die Vergrößerung der Anbaufläche sowie durch den Zugang zu neuen, bisher im Permafrost versteckten Rohstoffdepots.

Aber so einfach ist es nicht. Das eisfreie Meer im Norden ruft Begehrlichkeiten der Nachbarn hervor, und die Ureinwohner sowie die Umwelt müssen schon jetzt enorme Veränderungen bewältigen. Die Erderwärmung und ihre Folgen rücken immer stärker ins öffentliche Bewusstsein. Während einige Provinzen so weitermachen wollen wie bisher, deuten politische Entwicklungen auf Bundesebene darauf hin, dass ein Wandel in Sicht ist.

Kanadas Beziehung zum Kyoto-Protokoll zeigt, wie wenig ernst der Klimawandel hier lange Zeit genommen wurde. 1998 war Kanada zwar unter den ersten Ländern, die das Protokoll unterschrieben. Doch die Umsetzung erfolgte sehr schleppend. So stiegen die Treibhausgas-Emissionen weiterhin nahezu ungebremst an. Das kanadische Umweltamt verzeichnete zwischen 1995 und 2005 einen Anstieg um 25 Prozent. Das sind mehr als 150 Millionen Tonnen und eine weitaus rasantere Erhöhung als in anderen Industrienationen. Den Löwenanteil verbuchte der Energie- und Transportsektor. Vor allem die Erschließung und Ausbeutung der Ölsandfelder in der Provinz Alberta, die Kanada viel Kapital und Arbeitsplätze eingebracht hat, ist hierfür verantwortlich. Kanada produziert jährlich 23 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid pro Kopf, ein erschreckender Rekord, der nur noch von den USA mit 24 Tonnen übertroffen wird. Als Stephen Harpers konservative Regierung im Mai 2006 an die Macht kam, wurde Kyoto endgültig ausgesetzt und durch ein eigenes, verwässertes Programm gegen den Klimawandel ersetzt.

Wie die Europäische Union hätte sich auch Kanada frühzeitig zum Ausbau erneuerbarer Energien entschließen können. Doch das schlechte Vorbild des großen Nachbarn USA und die immer noch niedrigen Temperaturen in Kanada sorgten dafür, dass ein radikales Umschwenken nicht notwendig erschien. Es waren unter anderem die alarmierenden Berichte des Weltklimarats, die den Kanadiern das Problem vor Augen geführt haben.

In den vergangenen Jahren haben die Provinzen Québec, British Columbia und Neuschottland bedeutende Investitionen in saubere Umwelttechnologien aufgebracht. Ungefähr 60 Prozent seines Stroms gewinnt Kanada bereits aus Wasserkraft. Die Provinz Ontario etwa bezieht ein Viertel ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien, fast ausschließlich aus Wasserkraft. Aber auch die Windkraft wird ausgebaut. Durch garantierte Abnahmepreise werden kleinere Netzbetreiber ermutigt, regenerativen Strom herzustellen und ihn ins Netz einzuspeisen.

Neuschottland strebt bis 2025 eine vollständig regenerative Stromversorgung durch große Investitionen in Wind- und Gezeitenenergie an. Die Provinz hat sich mit drei Unternehmen zusammengetan, um in der FundyBay Unterwasserturbinen zu bauen, die durch die Gezeitenströmung angetrieben werden. Québec und Manitoba generieren bereits fast ihren gesamten Bedarf aus erneuerbaren Energien, vorrangig aus Wasserkraft. Québec investiert Milliarden in Windkraft und will zum Zentrum sauberer Energie Nordamerikas werden. Schon jetzt exportiert Québec seine Überschüsse an erneuerbarer Energie in andere kanadische Provinzen und die USA.

Wasserkraft ist auch in British Columbia mit einem Anteil von 80 Prozent am Energiebedarf eine bedeutende Energiequelle. Im Mai 2008 beschloss die Provinzregierung von British Columbia das ambitionierte Vorhaben, sich bis zum Jahr 2016 selbst mit Energie zu versorgen und emissionsfrei zu werden. Neben Solar- und Windtechnologien soll die Energieerzeugung mit Holzabfällen gefördert werden. Diese regenerativen Quellen würden weitere zehn Prozent zur Stromerzeugung British Columbias beitragen. Darüber hinaus setzt die Provinz verstärkt auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, unter anderem mit Energiespar-Fortbildungen für Angestellte im öffentlichen Dienst sowie mit energieeffizientem Umrüsten von Gebäuden. Damit könnten die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um ein Drittel gesenkt werden.

Während einige kanadische Provinzen mittlerweile verstärkt auf erneuerbare Energien setzen, hängen andere hingegen noch überwiegend am Fossile-Brennstoffe-Tropf. Alberta beispielsweise gewinnt über 90 Prozent seiner Elektrizität aus nichterneuerbaren Quellen: 53 Prozent des Stroms werden aus Kohle produziert, 40 Prozent aus Erdgas. Allerdings können sich selbst in der Öl-Provinz Alberta die Konsumenten für Investitionen in grünen Strom entscheiden. Das wird durch sogenannte Renewable Energy Certificates (REC), Zertifikate für erneuerbare Energie, ermöglicht, die mit den Zertifikaten des European Emission Trading Systems (ETS) vergleichbar sind. Unternehmen, die umweltfreundlich Energie herstellen, können ihre Emissionseinsparungen an andere Unternehmen weiterverkaufen. Der größte Anbieter dieser Zertifikate in Kanada ist der Ökostrom-Versorger Bullfrog, der Kunden – sowohl Privathaushalte wie auch Unternehmen – in Alberta und Ontario versorgt. Etliche kanadische Unternehmen erwerben die Energie-Zertifikate, um damit öffentlich ihre Verpflichtung zu demonstrieren, auf grünen Strom umzusteigen. Die Bevölkerung allerdings muss zum Großteil erst noch anfangen, diesen zu nutzen. Kanadas größter Bezieher von Ökostrom ist der Einzelhandelskonzern Walmart, der auch wesentlich daran beteiligt war, die Umstellung auf energiesparende Leuchtstoffröhren voranzutreiben.

Auch auf Bundesebene scheinen Umweltbelange eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 2008 wurde die Grüne Partei zum ersten Mal eingeladen, an den einflussreichen Fernsehdebatten im Wahlkampf teilzunehmen. Die 1983 gegründete Partei erhielt bemerkenswerte 6,8 Prozent der Stimmen. Auch wenn sich diese aufgrund des kanadischen Mehrheitswahlsystems nicht in Parlamentssitzen niederschlugen, zeigt doch die immer größere Sichtbarkeit der Grünen Partei im politischen Betrieb, dass sich in der Bevölkerung ein Bewusstsein für den Klimawandel bildet.

Die Liberale Partei, die derzeit unter Harpers konservativer Regierung die Opposition bildet, hat das Klima zum wichtigen Bestandteil ihres Programms erhoben, mit einem Vorschlag für eine sogenannte „carbon tax“, eine Steuer auf Kohlendioxid-Emissionen. Die Partei hat die Wahlen im Herbst zwar verloren, könnte aber durch eventuell bald anstehende Neuwahlen mehr Gewicht bekommen.

Auf internationaler Ebene bekundete Premier Harper seine Bereitwilligkeit, mit dem neuen US-Präsidenten Barack Obama ein Abkommen auszuarbeiten, das sich mit den Ursachen des Klimawandels befasst. Da alternative Energien Bestandteil von Obamas Grundsatzprogramm sind, ist damit zu rechnen, dass es hier tatsächlich zu Veränderungen kommen wird.

Das Bewusstsein für die globale Erwärmung und die Notwendigkeit eines verantwortlichen Umgangs mit Energie wächst nun auch in Kanada. Initiativen zum Energiesparen auf kommunaler sowie provinzialer Ebene stoßen in der Bevölkerung auf breite Unterstützung. So bleibt zu hoffen, dass die Bevölkerung, auch ohne zunächst unmittelbar von den negativen Folgen des Treibhauseffekts betroffen zu sein, den Klimaschutzgedanken auch im eigenen Umfeld umsetzt und voranträgt.
 

Aus dem Englischen von Andrea Heß



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