Bücher und Rosen

von Friederike Biron

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)


In einer schmalen Seitengasse in der Altstadt Barcelonas, im Hinterhof eines kleinen Theaters, sitzen junge Leute in einem lauschigen Café unter Bäumen, aufgekratzt von der euphorischen Stimmung des Tages. Hier hat die Buchhandlung Calders ihr Sortiment ausgebreitet, eine erlesene Auswahl an Philosophie und Literatur.

Am 23. April gehört die Stadt einmal nicht den Touristen, sondern wieder den Einwohnern von Barcelona. Auf den zentralen Boulevards der Innenstadt wurden seit dem Morgen Tische aufgebaut, es steht Stand an Stand, beladen mit Büchern jeder Art, daneben Kübel voller Rosen. Es ist Sant Jordi, benannt nach einem drachentötenden Ritter, der auch der Schutzheilige Kataloniens ist. Seit dem 15. Jahrhundert wird der "Tag der Bücher und Rosen" in der ganzen Region als ein literarischer Valentinstag begangen, an dem man seinen Liebsten nicht nur Rosen, sondern seit einer Idee aus den 1930er-Jahren eben auch Bücher schenkt.

Sant Jordi ist ein Tag, der alle zu integrieren scheint

Sant Jordi ist für die Einnahmen der Buchläden im wahrsten Sinne des Wortes wie Weihnachten: "Es ist, als hätte das Jahr einen zusätzlichen Monat. Man ›muss‹ heute ein Buch  kaufen", bestätigt die Buchhändlerin Isabel Sucunza lächelnd. In Katalonien werden an am 23. April sechs Millionen Rosen verkauft und 1,5 Millionen Bücher. Aber der Tag lockt nicht nur bibliophile Geistesmenschen. Auf der Plaça de Catalunya bilden sich lange Schlangen an den Ständen der großen Buchhandelsketten wie FNAC. Die Leser wollen Bücher etwa von Youtubern oder angesagten Kochbuch-Autoren signieren lassen. Es ist Tradition, dass Autoren sich selbst an Tische setzen und ihre Bücher signieren. Manche laden dazu sogar in ihre eigenen Häuser ein.

Sant Jordi ist ein Tag, der alle zu integrieren scheint. Zwar sieht man allenthalben gelbe Schleifen, das Symbol der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, aber auch Stände wie etwa derjenige der Societat Civil Catalana, einer Organisation gegen die Abspaltung von Spanien, reihen sich heute friedlich ein. Ob das publikumsreiche Bücherfest den Corona-Vorsichtsmaßnahmen in diesem Jahr weichen muss, ist noch nicht absehbar.

Die katalanischen Kulturorganisationen jedenfalls haben vor einigen Jahren begonnen, die Idee von Sant Jordi um den Globus zu streuen. Zumal der 23. April, der gleichzeitig der Todestag von Cervantes und Shakespeare ist, 1995 von der Unesco zum Welttag des Buches – und des Copyrights – erkoren wurde. Mit vielen kleinen und größeren Lesungen und Festen wird Sant Jordi bereits in aller Welt mitgefeiert. Wer möchte, kann seine Aktionen auf der Website booksandroses.cat eintragen oder sich dort Plakate herunterladen. In den letzten Jahren gab es Veranstaltungen in Rom, Edinburgh, Seoul oder Havanna, organisiert von Buchhändlern, katalonischen Expats oder bücherliebenden Vereinen. Ein Fokus des Jahres 2020, gefördert unter anderem von der katalanischen Delegation, liegt auf New York City.

Dort hat Mary Ann Newman gemeinsam mit dem Catalan Institute das Programm auf die Beine gestellt. Die Übersetzerin und Kritikerin hat sich als Studentin in die Kultur Kataloniens verliebt, sie ist Vorsitzende des Furragat Funds, der diese in den USA fördert. "Das Highlight", freut sich die New Yorkerin, "wird die 'literary crawl', ein literarischer Spaziergang, zu dem Passanten dazustoßen können." Es geht durch verschiedene Buchläden in Brooklyn, dann weiter zur Fähre nach Downtown Manhattan. Einer der Gäste wird der katalanische Autor Martí Gironell sein. "Die Fifth Avenue werden wir nicht mit Büchern pflastern", so Newman, "aber wir versuchen, einen Hauch der Atmosphäre von Sant Jordi zu vermitteln."



Ähnliche Artikel

Breaking News (Die Welt von morgen)

Atem-Wege für Barcelona

Eine Kurznachricht aus Spanien 

mehr


Brasilien: alles drin (In Europa)

„Die Sprachenpolitik hat keinen Effekt“

ein Interview mit Jan Kruse

Die Europäer sind Sprachmuffel, daran konnte auch die Politik der EU bisher nichts ändern

mehr


Ich und alle anderen (Weltreport )

Die Grenzen der Wirklichkeit

von Haytham El-Wardany

In Ägypten wird es für Schriftsteller immer schwieriger zu wissen, ob ihre Werke sie auf die Bestsellerlisten oder ins Gefängnis bringen

mehr


Brasilien: alles drin (Was anderswo ganz anders ist)

Schwarze Knollen

von Daniel Brühl

Über eine katalanische Delikatesse

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Pressespiegel)

Kampf um Bücher

Autoren, Verleger und Konkurrenten kämpfen juristisch gegen Googles digitale Weltbibliothek

mehr


Das bessere Amerika (Theorie)

Das gibt’s doch gar nicht!

von Paul La Farge

In Zeiten von „alternativen Fakten“ wird auch die Literatur immer kritischer beäugt. Sind Romane am Ende gar Fake News? Eine Gegenrede von Paul La Farge

mehr