„Wir leben im Zeitalter der Ausrottung“

ein Gespräch mit Naomi Klein

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Die Autorin und Aktivistin Naomi Klein. Foto: Tim Bauer / Headpress / laif


Frau Klein, seit Jahren stehen Sie in politischen Debatten an vorderster Front. Sie haben über den Irak-Krieg geschrieben, über Globalisierung und Konsum, und setzen sich seit Langem für das Klima ein. Gibt es eine Verbindung zwischen Ihren Werken? Bilden sie eine Art Narrativ des Widerstands?

Ich sehe tatsächlich ein Narrativ, beginnend mit meinem Buch »No Logo!«, das vor zwanzig Jahren erschien. Es handelt von einer neuen Form des Konsums, den sogenannten »Lifestyle-Marken«. Menschen schufen sich damals eine neue Identität durch ihren Konsum, weil die kollektiven Institutionen auseinanderfielen. Sie erfanden sich selbst durchs Einkaufen. Dieses Modell des Hyperkonsums wurde in jeden Winkel der Erde globalisiert, zwar nicht für alle und überallhin, aber doch in jedes einzelne Land der Erde, einschließlich China und Indien. In »No Logo!« habe ich über die Handelsliberalisierung geschrieben, also über eine Infrastruktur, die es Unternehmen ermöglicht, auf der ganzen Welt nach den günstigsten Produktionsmöglichkeiten zu suchen. Es geht dabei um billige Arbeitskräfte, aber auch um billige, schmutzige Energie. Der Siegeszug dieser Form des Konsums und die hohe Umweltbelastung, die mit dieser Art des Produzierens und Konsumierens verbunden ist, hängen eng mit der Klimakrise zusammen. Deshalb glaube ich, dass wir keine grüne Zukunft haben werden, solange wir nicht gegen den übermäßigen Konsum vorgehen.

Ist es in Zeiten von politischer Polarisierung und Desinformation schwieriger geworden, Menschen wachzurütteln?

Das würde ich nicht sagen. Ich befasse mich jetzt seit 15 Jahren mit dem Klimawandel, und noch nie waren sich mehr Menschen der Dringlichkeit des Problems bewusst als heute. Man kann das in allen Umfragen und an der unglaublichen Entwicklung, die die Fridays-for-Future-Bewegung genommen hat, sehen. Als ich begann, über den Klimawandel zu schreiben, rangierte das Thema selbst bei den amerikanischen Demokraten, die vorgaben, sich um Klimafragen zu sorgen, ganz unten auf der Prioritätenliste. Heute ist der Klimawandel für US-Bürger neben der Gesundheitsvorsorge zum wichtigsten Thema geworden. Das ist schon eine gewaltige Veränderung. Deshalb kann man nicht sagen, es wäre heute schwerer, die Botschaft unter die Leute zu bringen. Mein Buch »Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima«, das 2014 erschienen ist, wurde damals als ungeheuer radikal kritisiert. Ich schrieb, dass es in einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum ausgerichtet ist, unmöglich ist, im Sinne unseres Planeten zu handeln – ganz einfach, weil der Konsum sich nicht mehr drosseln ließe. Wenn ich dieses Argument heute vorbringe, dann entgegnet mir kaum mehr jemand, der Markt könne den Konsum nachhaltig regeln. Manche Menschen behaupten zwar immer noch, marktorientierte Lösungen könnten ihren Beitrag leisten, aber kein Ökonom dieser Welt kann erklären, wie man mit einem Wirtschaftssystem, das um jeden Preis Wachstum hervorbringen soll, jährlich sieben oder zehn Prozent Treibhausgasemissionen reduzieren kann. Was mir stattdessen heute begegnet, ist der Glaube an den Untergang, Fragen wie: »Warum sind Sie so optimistisch?« oder: »Warum haben Sie immer noch nicht aufgegeben?«. Statt uns um konstruktive Lösungen zu bemühen, sind wir ohne Zwischenschritt direkt vom Verleugnungs- in den Untergangsmodus gewechselt. Ich versuche nur, ein paar Jahre Bedenkzeit für uns herauszuschlagen: Vielleicht gelingt es uns doch, diese Krise ernsthaft und mit offenen Augen zu lösen.

Sehen Sie sich selbst als Optimistin?

Manche Leute halten mich tatsächlich für optimistisch, das überrascht mich selbst. Eigentlich sage ich ja nur, dass wir eine kleine Chance haben, die katastrophalen Folgen des Klimawandels abzuwenden – und dass uns dafür nur wenig Zeit bleibt. Ob die Erfolgswahrscheinlichkeit dafür bei zehn oder bei acht Prozent liegt, interessiert mich wenig. Dass ich als optimistisch gelte, sagt also mehr über den deprimierenden Zustand unserer Gesellschaft aus als über meinen eigenen. Ich selbst beschreibe mich hin und wieder als »possibilist«: Solange es einen Ausweg gibt, bin ich an dieser Möglichkeit interessiert. Ich sehe heute vielerorts eine Art selbstgefälligen Untergangsglauben, Menschen, die vor der Krise kapitulieren und in dieser Selbstaufgabe Sicherheit finden. Die meisten Erdbewohner können sich eine solche Einstellung nicht leisten. Diejenigen unter uns, die relativ privilegiert sind, haben dementsprechend die Verantwortung, nicht ständig den Untergang herbeizureden. Ich blicke aber ohnehin lieber nach vorn. Konkret geht es mir zurzeit darum, dass wir Strategien entwickeln, die uns dabei helfen, Klimaaktivisten zu stärken. Nur eine breite Protestbewegung hat am Ende die Kraft, sich gegen das Establishment zu stellen, das den Status quo erhalten will. Denn klar ist ja auch: Das aktuelle Wirtschaftsmodell ist für einen Teil der Bevölkerung und manche Unternehmen durchaus profitabel.

Und wie stellen Sie sich die Zukunft vor? 

Ich habe vor einiger Zeit einen Kurzfilm mit dem Titel »A Message from the Future« mitproduziert. An dem Projekt war auch die amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez beteiligt. Schauen Sie sich den Film an, es ist unser Entwurf einer grünen Zukunft: die Erfolgsgeschichte des Green New Deal. Mich faszinieren solche Utopien viel mehr als Untergangsszenarien. Apokalyptische Erzählungen setzen sich in unserer Kultur fest. Sie machen es uns zum Teil unmöglich, uns eine Zukunft vorstellen, die besser ist als die Gegenwart. Das Szenario, das wir in unserem Film beschreiben, ist jedoch keine wilde Utopie. Wir zeigen eine Zukunft, in der die Grundbedürfnisse eines jeden befriedigt sind und Kunst, Kultur und Natur eine größere Bedeutung haben. Eine Zukunft, in der die Arbeit von Frauen und soziale Berufe, die nachweislich mehr zum Wohl einer Gesellschaft beitragen als purer Konsum, wertgeschätzt werden. Das klingt vielleicht utopisch, doch in unserem Film geht es auch um Verlust: Wir erzählen vom Untergang Miamis und anderer küstennaher Städte, vom Artensterben. Eine Utopie muss sich der Realität stellen. Wir leben im Zeitalter der Ausrottung. Wir erzählen, wie Menschen durch eine Zukunft navigieren, in der sie immer weniger Raum haben werden, sich zu entfalten und zu leben. Wir werden mit weniger Platz auskommen und dichter aufeinander leben müssen. Und wir müssen einen Weg finden, wie wir das in Würde bewerkstelligen, ohne uns gegenseitig an den Kragen zu gehen, ohne Monster zu werden, und ohne uns, so wie wir es momentan tun, damit abzufinden, dass Menschen im Mittelmeer oder in der Wüste von Arizona sterben. Ist das utopisch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Es ist besser als die Gegenwart.

Das Interview führte Jess Smee



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