Worte, die fesseln

von Ngūgī wa Thiong’o

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)

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Der Autor Ngūgī wa Thiong’o. Foto: Mauritius images / Alamy / Gary Doak


Der Moment, in dem mir die entscheidende Rolle von Sprache sowohl für Machthaber als auch für den Widerstand gegen sie bewusst wurde, war eine persönliche Offenbarung. Mittlerweile habe ich in mehreren Büchern darüber geschrieben. Doch die Erkenntnis von damals blitzt in mir bis heute mit derselben Strahlkraft auf wie vor vierzig Jahren.

Ich saß damals im Hochsicherheitsgefängnis von Kamĩtĩ. Es war das Jahr 1978. Für die ersten drei Januarwochen sperrte man mich in eine Einzelzelle. Ich durfte keinen Kontakt zu den anderen Gefangenen haben, und auch während der einen Stunde, in der wir uns täglich die Beine vertreten durften, war es mir nicht erlaubt, auch nur ein Wort mit irgendwem zu wechseln. Ich war allein mit meinen Gedanken und mit der Frage: Warum hat man mich einfach so eingesperrt, ohne Prozess?

Ein paar Wochen zuvor hatte mich ein bis an die Zähne bewaffneter Trupp Polizisten in meinem Haus in der Stadt Limuru, fünfzig Kilometer nordwestlich von Nairobi, überrascht. Sie kamen um Mitternacht, am 31. Dezember 1977. Sie stellten keine Fragen und sie gaben keine Erklärungen ab. Der Haftbefehl gegen mich war von Daniel arap Moi, dem damaligen Innenminister, unterzeichnet worden. Darin hieß es, ich hätte mich an Aktivitäten beteiligt, die die innere Ordnung bedrohten, und so den Staat Kenia gefährdet, einen Staat, der damals gerade einmal seit 14 Jahren wieder unabhängig war, nachdem die britischen Kolonialherren ihn zuvor siebzig Jahre lang unterjocht hatten. Es wurde nicht näher erläutert, worin diese »Aktivitäten« bestanden und wo und wann ich mich an ihnen beteiligt haben sollte. Ich musste den Grund für meine Verhaftung also selbst herausfinden – und mein einziger Anhaltspunkt waren die Ereignisse, die meiner Inhaftierung vorangegangen waren.

Als ich in englischer Sprache schrieb, zollte man mir Beifall; als ich auf Kikuyu schrieb, fand ich mich in einem Hochsicherheitsgefängnis wieder

Im November 1977 hatte die kenianische Regierung die Aufführung meines Stückes »Ich heirate dich, wann ich will« verboten. Dieses war kurz zuvor von Mitgliedern eines öffentlichen Schul- und Kulturzentrums auf die Bühne gebracht worden. Unter den Dokumenten, die während der Razzia in meinem Haus beschlagnahmt worden waren, befanden sich auch alle Kopien des Textbuchs, das ich zusammen mit dem Dramaturgen Ngugi wa Mirii verfasst hatte. Warum aber gerade dieses Theaterstück? Was war der Unterschied zu den anderen Dramen, die ich zuvor geschrieben hatte und in denen ich die Zustände im postkolonialen Kenia sogar noch viel schärfer kritisierte, die aber dennoch nie eine Razzia oder gar eine Verhaftung provoziert hatten?

Die Antwort lag auf der Hand: Es war die Sprache, in der ich das Stück verfasst hatte. Alle vorangegangenen Stücke waren auf Englisch geschrieben. Nur den Text für »Ich heirate dich, wann ich will« hatte ich in Kikuyu, einer in Kenia weit verbreiteten Bantusprache verfasst. Doch warum sollte eine afrikanische Regierung ein Stück verbieten, das ein Afrikaner in einer afrikanischen Sprache geschrieben hatte? Selbst Jomo Kenyatta, der damalige Präsident, sprach fließend Kikuyu. Er hatte seine Karriere in den 1920er-Jahren als Redakteur der kikuyusprachigen Zeitung Mũiguithania begonnen.

Ich dachte nach. Und ich dachte zurück in die Vergangenheit. 1952 hatte die britische Kolonialregierung alle Zeitungen und Bücher in afrikanischen Sprachen verboten und ihre Autoren und Redakteure verhaftet oder ins Exil geschickt. Später ließ sie alle von Afrikanern geleiteten Schulen schließen, in denen afrikanische Sprachen unterrichtet wurden. Man könnte meinen, dass diese Beschlüsse spätestens mit der Unabhängigkeit Kenias zurückgenommen wurden. Doch das war nicht der Fall: Stattdessen empfahl die erste Schulkommission des Landes, die sogenannte Ominde-Kommission, Englisch in allen Schulen ab der ersten Klasse zur offiziellen Unterrichtssprache zu machen. Neben der kolonialen Armee und der kolonialen Polizei erbten wir also auch das koloniale Bildungssystem. Wir verleibten es uns einfach ein und machten uns so auch das Englische, die Sprache der Macht, zu eigen.

Das Abnorme wurde zur neuen Norm – und wir, die Unterdrückten, nahmen die kolonialen Sprachen bereitwillig an, um unsere nationalen Identitäten auszudrücken

Dabei ging die neue kenianische Regierung in der Frage der Sprache noch weiter, als es die Kolonialregierung jemals getan hatte. Um den Kindern das Englischlernen zu erleichtern war es zuvor noch erlaubt gewesen, zumindest in den ersten drei Klassen afrikanische Sprachen zu verwenden. Nun wurde sogar diese Regelung gestrichen.

Ich begann, mir anzusehen, welche Rolle Sprache bei den kolonialen Eroberungen in Afrika gespielt hatte – und fand heraus, dass sie immer dort wichtig wurde, wo Klassen oder gar ganze Völker unterdrückt wurden. Natürlich ist die Unterdrückung in erster Linie eine ökonomische und politische Kraft, aber sie hat auch eine kulturelle Komponente. Die Franzosen zwangen den Menschen in ihren Kolonien Französisch auf; die Portugiesen erzogen ihre Untertanen mit Portugiesisch; das Resultat war ein Afrika, das in anglophone, frankophone und lusophone Zonen aufgeteilt wurde. Durch das Schulsystem wurden diese »falschen« Sprachen in das Denken der Mittelschicht eingepflanzt. Das Abnorme wurde zur neuen Norm – und wir, die Unterdrückten, nahmen die kolonialen Sprachen bereitwillig an, um unsere nationalen Identitäten auszudrücken.

Auch ich war ein Produkt dieses falschen Erziehungssystems. Nicht zuletzt deshalb verfasste ich alle meine Werke auf Englisch, bevor ich mein erstes Theaterstück auf Kikuyu schrieb. Als ich in englischer Sprache schrieb, zollte man mir Beifall; als ich auf Kikuyu schrieb, fand ich mich in einem Hochsicherheitsgefängnis wieder. Langsam wurde mir klar, dass ich kämpfen musste, Widerstand leisten, wenn ich das Gefängnis überleben wollte – und dass die Sprache der Ort meines Widerstands sein musste. Fortan würde ich in der Sprache schreiben, wegen der man mich verhaftet hatte. Meinen ersten Roman auf Kikuyu, »Caitaani Mũtharabainĩ« (zu Deutsch: »Der gekreuzigte Teufel«), schrieb ich auf Gefängnisklopapier.

Unsere sogenannten Nationalsprachen wurden auf den Gräbern anderer Sprachen errichtet – und damit begründet, dass eine gemeinsame Sprache zum Nationalstaat dazugehört

Auf Kikuyu zu schreiben hielt mich am Leben. Jeder Tag wurde zu einem Kampf um Papier und Stifte. Die Frage nach der Sprache und ihrer Macht ließ mich nicht mehr los. Meine Gedanken aus dieser Zeit fügten sich schließlich zu meinem Buch »Dekolonisierung des Denkens« zusammen. Doch nachdem das Buch 1986 erschienen war, wurde mir klar, dass ich meine Gedanken zu kurz gefasst und so getan hatte, als handle es sich nur um ein afrikanisches Problem mit den europäischen Sprachen.

Seither habe ich herausgefunden, dass Sprache auch ein zentraler Faktor bei der Unterwerfung der Iren, der Waliser und der Schotten war; dasselbe gilt für die amerikanischen Ureinwohner und für die einheimischen Völker Neuseelands und Australiens. In Nationen überall auf der Welt wurden Sprachen und Akzente unterdrückt, um einheitliche Sprachen und Akzente der Macht zu kreieren. Unsere sogenannten Nationalsprachen wurden auf den Gräbern anderer Sprachen errichtet – und damit begründet, dass eine gemeinsame Sprache zum Nationalstaat dazugehört. Doch stimmt das wirklich?

Seit meiner Zeit im Kamĩtĩ-Hochsicherheitsgefängnis hat sich in mir die Erkenntnis verfestigt, dass Einsprachigkeit das Kohlenmonoxid der Kulturen ist – und Vielsprachigkeit ihr Sauerstoff. Die Welt muss aufhören, Sprachen hierarchisch zu ordnen, und erkennen, dass es zwischen Sprache und Kultur ein stetiges Geben und Nehmen gibt, sowohl innerhalb von Nationen als auch zwischen Staaten. Und nur weil eine Sprache als bestes Kommunikationsmittel erscheint, darf mit ihr noch lange nicht der Tod aller anderen Dialekte gerechtfertigt werden.

Lasst also dies das Motto aller Völker und Nationen der Welt sein: Netzwerke, nicht Hierarchien.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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