Über das Sterben sprechen

von Julia Engman

Endlich! (Ausgabe I/2020)


Manchmal ist der Tod sehr schön. Wenn die Sterbenden keine Schmerzen mehr haben, alles gesagt wurde und umgeben von ihren Lieben loslassen können. Dann ist der Tod ein Moment voller Liebe und Geborgenheit. Aber manchmal ist es auch anders. Wenn die Angst überhandnimmt, dann ist das Sterben unglaublich hart. So hart, dass als letzter Ausweg eine Sedierung eingeleitet wird, eine medikamentöse Ruhigstellung.

Ich bin Sterbebegleiterin und arbeite in einem Hospiz. Zu uns kommen Menschen, die so krank sind, dass sie bald sterben werden. Wir helfen bei diesem grundlegendsten aller Übergänge. Meine Arbeit ist Pflege in einem sehr umfassenden Sinn: Ich wasche zwar auch, versorge Wunden und verabreiche Schmerzmittel. Aber der wichtigste Teil ist die emotionale Pflege, also ganz viel zuhören, reden und umarmen. Wir sprechen über alles, was den Patienten auf dem Herzen liegt: Wie es sein wird, zu sterben. Was genau im Körper passiert, wenn die Atmung schwerer wird und alle Aktivitäten des Körpers langsam abnehmen. Wie auch dann noch der Schmerz gelindert werden kann, wenn ein Patient gar nicht mehr schlucken kann. Oft wollen sie alle Details ganz genau wissen. 

Die meisten fürchten gar nicht den Tod selbst, sondern haben Angst davor, geliebte Menschen zurückzulassen

Manche unserer Patienten haben sehr große Angst. Und diese Angst tut weh und verursacht Panik. Die meisten fürchten gar nicht den Tod selbst, sondern haben Angst davor, geliebte Menschen zurückzulassen. Sie sorgen sich, dass ihre Angehörigen nach dem Tod nicht in der Lage sein werden, sich allein um alles zu kümmern. Manche bedauern, nicht das Leben gelebt zu haben, dass sie eigentlich leben wollten. Darum ist es so wichtig, ausführlich über alles nachzudenken und die eigenen Ängste auszusprechen. Manche Menschen begleiten wir noch einmal zu einem bestimmten Ort oder zu einer Person, mit der sie noch etwas klären wollen. Wir arbeiten auch sehr eng mit den Angehörigen unserer Patienten zusammen. Es geht ja nicht nur um die sterbende Person, sondern auch darum, wie Hinterbliebene den Weggang einer Person verarbeiten.

Die schwierigsten Fälle sind Menschen, die sich gar nicht mit ihrer Krankheit oder dem Tod befasst haben. Für sie ist die Angst oft ganz besonders groß, weil sie keinen Raum zulassen, um sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass das Sterben immer noch ein großes Tabu für viele Menschen ist. Man will es nicht wahrhaben, weil es schmerzlich ist. Durch meine Arbeit bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass wir alle darüber nachdenken sollten, wie wir sterben wollen, und zwar nicht erst, wenn wir tödlich erkranken oder sehr alt sind. Der Tod ist Teil des Lebens und sollte auch einen Platz darin haben, statt als diffuse, unausgesprochene Angst über uns zu wabern.

Ältere Menschen hatten viel mehr Zeit, sich mit dem Tod anzufreunden

Anfangs ist mir der Gedanke sehr schwergefallen, dass alle Patienten zum Sterben zu uns kommen. Es gibt nur 14 Zimmer in unserem Hospiz, darum baue ich ein sehr enges Verhältnis zu jedem einzelnen Patienten auf, was es nicht leichter macht. Ich hatte zum Beispiel diese Patientin, die mir so nahe war, dass ich heute noch täglich an sie denke. Sie hatte kleine Kinder, aber war ganz ruhig. »Ich hatte das beste Leben, mit einem wunderbaren Mann und fantastischen Kindern. Ich bin damit einverstanden, zu gehen«, sagte sie. So stark war sie, das hat mich sehr berührt. Normalerweise sind junge sterbende Menschen nicht so stark, weil sie eigentlich ja noch mitten im Leben stehen. Ältere Menschen hatten viel mehr Zeit, sich mit dem Tod anzufreunden.
Trotz allem liebe ich meine Arbeit. Ich merke, wie glücklich es viele macht, sich geborgen aus dem Leben verabschieden zu können. Ihnen beizustehen, ist etwas ganz Besonderes.

Protokolliert von Gundula Haage



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