Träumen von der Rückkehr

von Diana Berg

Endlich! (Ausgabe I/2020)

Diana Berg -

Die Aktivistin Diana Berg am Hafen von Mariupol. Foto: Oleksandr Sosnovsky


Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich erst seit fünfeinhalb Jahren lebe. Nämlich seit dem Moment, als in meiner Heimatstadt Donezk die Proteste – der Euromaidan – anfingen und ich zur Aktivistin wurde. Zuvor hatte ich ein beschauliches und geregeltes Leben geführt. Ich war eine ausgezeichnete Schülerin, habe Grafikdesign studiert und mit internationalen Agenturen im Bereich Brand Design zusammengearbeitet. Politisch hatte ich mich nicht engagiert. Als Kind habe ich Ballett im Kulturpalast »Jugend« getanzt, wo mein Vater als Musiker und Arrangeur arbeitete. Später ging ich dort in die berühmte Disco „Mystik“. Als der Palast während des Krieges durch Granaten zerstört wurde, fühlte es sich an, als liege meine eigene Jugend in Trümmern.

Nach dem Kiewer Maidan, Ende Februar 2014, übernahmen prorussische Kräfte die Macht in Donezk. Aber niemand rief zu Demonstrationen auf. Nichts geschah! Ich beschloss, selbst aktiv zu werden. Mit Freunden kündigte ich in den sozialen Netzwerken einen Protestmarsch an. „Donezk, das ist die Ukraine“ hieß unser simpler Slogan. Es kamen viele Menschen, sehr viele. Bei der nächsten Aktion zählten wir schon tausend Teilnehmer. Wir waren sehr überrascht und wie elektrisiert. Damals wurde ich neu geboren – weil ich verstand, dass wir im Buch der Geschichte leben, das jetzt geschrieben wird. Wir selbst schreiben seine Seiten. Das war ein überwältigendes Gefühl.

Es ging ums Überleben. An Kunst und kulturelle Entwicklung dachte niemand

Bis zuletzt wollte ich nicht weggehen, obwohl man mich bedrohte. Bei einer Aktion am 28. April 2014 griffen uns unsere Gegner, die prorussischen Separatisten, die Donezk zur Volksrepublik erklärt hatten, brutal an. Es gab viele Verletzte. Meine Mutter bat mich inständig, die Stadt für eine Woche zu verlassen. Diese eine Woche dauert bis heute an. Meine damalige Lebensgefährtin Katja und ich flohen zuerst nach Odessa, dann nach Lemberg. Nach vier Monaten hielten wir es nicht mehr aus und zogen so nahe wie möglich an zu Hause: nach Mariupol. Aber auch hier drohte ein erneuter Angriff der Separatisten. Es ging ums Überleben. An Kunst und kulturelle Entwicklung dachte niemand. Als befreundete Schauspieler und Musiker aus Lemberg uns mit ihrer ukrainischen Kunst unterstützen wollten, habe ich die Auftritte organisiert. So wurde ich zur Kulturmanagerin.

Unter kultureller Entwicklung verstehe ich heute die Herausbildung einer kritischen Denkweise und Toleranz. Denn während eines Krieges radikalisiert sich die Gesellschaft. Wir befinden uns hier zehn Kilometer von der Front entfernt. Wir hören die Explosionen, wir sehen das Blut. Es ist klar, dass sich da die Menschen in „Wir“ und „Fremde“, in Rechte und Linke einteilen. Wohin dieses binäre Denken führt, hat die Geschichte von Donezk gezeigt.

Ich bin Flüchtling, eine Vertreterin von LGBT und wahrscheinlich eine ethnische Minderheit

Seit vier Jahren leite ich die Kulturplattform „Tju“, die mithilfe internationaler Stiftungen finanziert wurde. Wir laden Künstler aus dem In- und Ausland ein, entwickeln eigene Kunstprojekte, Ausstellungen, organisieren kreativen Protest zu kontroversen Themen. Ich beobachte, dass die Menschen in Mariupol offener geworden sind, interessierter an Kunst und Debatten. Es gibt aber auch Einwohner, die sich von uns provoziert fühlen und uns anfeinden. Sechs Leute bilden den Kern des „Tju“. Sie unterstützen mich in allem, auch bei den verrücktesten Ideen. Sie sind meine neue Familie. Ich vereine in mir unterschiedliche „intersektionale Minderheiten“: Ich bin Flüchtling, eine Vertreterin von LGBT und wahrscheinlich eine ethnische Minderheit, weil meine Mutter Russin ist und mein Vater Lette. Außerdem bin ich Feministin. Frauen werden hier durch das System unterdrückt. Geflüchtete, Mütter mit vielen Kindern, Ehefrauen von Soldaten, die an Depressionen leiden, missbrauchte Frauen, sie alle brauchen Unterstützung.

Ich träume davon, dass wir Donezk irgendwann befreit haben werden und das „Tju“ dann dort eine Filiale eröffnen wird. Vielleicht werde ich dort unterrichten oder der lokalen Kulturabteilung vorstehen. Ich denke nicht, dass sich der Traum bald erfüllen wird. Aber wenn man kein höheres Ziel hat, wird alles sinnlos.

Protokolliert von Ivette Löcker



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