Der eigenen Kultur beraubt

von Mathieu Kleyebe Abonnenc

Endlich! (Ausgabe I/2020)

-

Illustration: Julia Praschma


In den vergangenen zehn Jahren haben Fälle der kulturellen Aneignung und die sich daraus ergebenden Probleme ein wachsendes Echo hervorgerufen. Die Feminismus-Theoretikerin bell hooks verwendete den Begriff der kulturellen Aneignung Ende der 1980er-Jahre, um die sich gleichzeitig vollziehende Fetischisierung und Kannibalisierung des schwarzen Körpers in Kulturproduktionen wie Werbung, Musik und Film zu beschreiben. Dieser Begriff hat die unsichtbare Konstruktion des sozialen und institutionellen Gefüges der USA und der gesamten globalisierten westlichen Welt offengelegt. Indem bell hooks die Übertragung dieses unbewussten Mechanismus der Begierde in die Massenkultur mit der rassistischen weißen Vorherrschaft in Beziehung gesetzt hat, machte sie eine Art »imperialistische Nostalgie« sichtbar, die den »primitiven Geist im nicht weißen Körper des Anderen« verortet.

Die »Black Lives Matter«-Bewegung im Jahr 2013 oder die seit 2017 von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr geführte Diskussion um die Rückgabe des in westlichen Museen aufbewahrten afrikanischen Kulturerbes haben den Resonanzraum für die bis heute anhaltende Diskussion um die kulturelle Aneignung erweitert. Hanna Black spricht sich 2017 in einem offenen Brief gegen das Ausstellen eines Werks von Dana Schutz auf der New Yorker Kunstausstellung Whitney Biennale aus. Das Gemälde der amerikanischen Künstlerin europäischer Abstammung ist inspiriert von einem Foto, das den entstellten Leichnam von Emmett Till zeigt. Emmett Till war ein afroamerikanischer Junge, der von zwei Weißen 1955 in Money, Mississippi, brutal gelyncht wurde. Als gegenwärtiges Echo auf die Analysen von bell hooks unterstreicht Hanna Black einmal mehr, »dass die anhaltenden Debatten um die Aneignung schwarzer Kultur die enge Verbindung zwischen dem Prozess der Aneignung und der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den USA und der Welt deutlich machen und dass die kapitalistische Aneignung schwarzen Lebens jene Epoche begründet hat, in der wir leben«. Hanna Blacks Brief ist Teil einer globalen Widerstandsbewegung gegen eine Politik, die sich auf eine ideologische Konstruktion stützt, deren rassistisches, sexistisches und behindertenfeindliches Fundament sich mit der Entstehung der Moderne manifestiert hat.

Mit dem Verweis auf die Sklaverei, die Millionen Männer, Frauen und Kinder in »bewegliche Güter« verwandelte, führt uns Hanna Black ins Herz dessen, was Annibal Quijano die »Kolonialität der Macht« nennt. Für den peruanischen Soziologen bildet die Rasse »die erste moderne Kategorie, denn sie ermöglicht es, die Bevölkerung, ausgehend von phänotypischen Unterscheidungsmerkmalen, insbesondere der Hautfarbe, zu klassifizieren, sodass die Differenzierung und die untergeordnete soziale Stellung bestimmter Gruppen als Effekt eines natürlichen Prozesses erscheint«. Die koloniale Struktur der Macht hat also soziale Unterschiede hervorgebracht, die in einem zweiten Schritt als Rassen-, ethnische und nationale Unterschiede kodifiziert worden sind. Diese intersubjektiven Konstruktionen sind in »vermeintlich objektive, wissenschaftliche Kategorien überführt worden, ohne ihre historische Dimension zu berücksichtigen. Sie wurden zu natürlichen Phänomenen, scheinbar gänzlich losgelöst von der Geschichte der Macht«. Annibal Quijanos Theorie offenbart, wie Rassismus und Kapitalismus verzahnt sind.

Darüber hinaus macht er die Geburt einer eurozentrischen Episteme sichtbar, die allen Wissensformen, außer jenen, die die moderne westliche Wissenschaft hervorgebracht hat, die Legitimation absprechen wird. Man könnte die kulturelle Aneignung als einen Moment im Verlauf eines umfassenderen Prozesses der Beherrschung durch die Annektierung und Klassifizierung von Lebewesen begreifen. Dieser Prozess steht im Mittelpunkt des Projekts der Moderne, das seine Spuren in den aktuellen Diskussionen um die Biopiraterie hinterlassen hat.

Ich möchte besonders auf einen Fall von Biopiraterie eingehen, der aktuell Gegenstand eines Rechtsstreits vor dem Europäischen Patentamt (EPA) ist und zwischen der indigenen Gemeinschaft von Französisch-Guayana (einem französischen Übersee-Département in Südamerika), und dem Institut de Récherche pour le Développement (IRD), dem französischen Forschungsinstitut für Entwicklung, ausgetragen wird. Es geht um das Bitterholz Quassia amara.

Wissenschaftler haben sich auf eine Politik gestützt, die Menschen verwaltete wie annektierte Gebiete

Vertraut man der Linnéschen Systematik, reicht die Entdeckung des Quassia amara ins 18. Jahrhundert zurück und wird dem Botaniker Kwasimukamba zugeschrieben, auch Granman Quassi genannt. In seiner Kindheit wurde er aus Ghana als Sklave in die niederländische Kolonie Surinam verschleppt. Als Erwachsener gab man ihm die Freiheit zurück – zum einen weil er während der Maroon-Kriege Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen dem Volk der Saramaka und der holländischen Armee vermittelte und zum anderen wegen seines Wissens um natürliche Heilwirkungen. Er hätte durchaus einen bitteren Tee aus dem Extrakt des Quassia amara, dieses kleinen Baumes mit den roten Blüten, herstellen können, der im Amazonasbecken wächst. Der gegenwärtige Skandal um das Bitterholz, das von den indigenen Gemeinschaften Guayanas »Couachi« genannt wird, beginnt Anfang der Nullerjahre. Im Jahr 2002 gab die Weltgesundheitsorganisation eine epidemiologische Untersuchung über Malaria in Auftrag, um herauszufinden, wie die einheimische Bevölkerung sie behandelt. Zunächst sollten die traditionellen Heilmittel zum Schutz vor und zur Behandlung von Malaria bewertet werden. Dann wurden die dazu verwendeten Pflanzen dokumentiert. Die Organisation, die mit dieser Datenerhebung für Französisch-Guayana beauftragt wurde, ist das IRD, eine Institution, die 1935 gegründet wurde. Es war damals für die Organisation der »Kolonialwissenschaften« zuständig.

Seit Beginn des Kolonialprozesses haben sich englische, französische oder deutsche Wissenschaftler auf eine Herrschaftspolitik gestützt, die die kolonisierten Menschen ebenso verwaltete wie die annektierten Gebiete in Afrika, Südamerika oder Asien, um unter dem Deckmantel der Menschenliebe umfangreiche Prophylaxekampagnen gegen Gelbfieber, Malaria und die Schlafkrankheit zu entwickeln. Diese Kampagnen ermöglichten es den Wissenschaftlern zudem, neue Untersuchungs- und Ergebnisprotokolle zu erarbeiten, während ihre Labore auf kolonisiertem Gebiet immer zahlreicher wurden. Die Tropenmedizin ist also mit der Unterstützung der kolonialen Verwaltung entstanden und ein wesentliches Rädchen in ihrem Getriebe.

Das IRD legte nun 2002 ein präzises Untersuchungsprotokoll vor: 117 Personen aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, Kreolen, Galibis, Palikur, Hmong und andere, wurden zufällig ausgewählt und befragt. Aus berufsethischen Gründen hätte eine solche Befragung niemals ohne die Aufklärung jedes und jeder Einzelnen sowie der jeweiligen Autorität (des Häuptlings oder religiösen Oberhaupts) vor Ort durchgeführt werden dürfen: Die Forscher und Forscherinnen mussten zugeben, niemanden um Zustimmung zur Weiterverwendung der Ergebnisse gebeten zu haben. Die Couachi-Pflanze wurde damals als eine jener Pflanzen identifiziert, die von den Befragten als Heilmittel gegen Malaria verwendet wurde.

Von 2000 bis 2009 analysierten die Forscherinnen und Forscher Wirkung der Pflanze, damit das IRD 2009 ein erstes Patent anmelden konnte, das die Verwendung des Wirkstoffes Simalikalacton E zur Behandlung von Malaria schützt. Das Patent wurde 2015 anerkannt. Ein zweites Patent, das die Verwendung des Simalikalacton E-Moleküls als Wirkstoff gegen Krebs schützt, wurde 2017 bestätigt.

Der Begriff »Biopiraterie« ist in seiner aktuellen Bedeutung erstmals 1993 von Pat Roy Mooney verwendet worden, infolge des Weltgipfels in Rio de Janeiro im Jahr 1992. In Rio schlossen 182 Staaten ein Abkommen über die biologische Vielfalt, dabei wurden drei Vertragsziele gesetzt: die Bewahrung der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile und eine gerechte und faire Aufteilung des Nutzens aus der Erschließung ihrer genetischen Ressourcen. Die beiden vom IRD angemeldeten Patente setzten sich über alle Intentionen dieses Vertrags hinweg und erklärten die Forscher und Forscherinnen zu den Entdeckern des Moleküls, indem sie dem IRD ein Monopol auf dessen Nutzung für mindestens zwanzig Jahren einräumten.

Die Couachi-Pflanze wurde von den Einheimischen als Heilmittel gegen Malaria verwendet

Das französische Recht wiederum erkennt die Existenz der indigenen Gemeinschaften von Französisch-Guayana nicht an, somit kann das IRD jedem verbieten, ein Mittel gegen Malaria oder Krebs zu verwenden, das das Molekül des Bitterholzes enthält; auch der einheimischen Bevölkerung, die zu den Forschungen des Instituts nicht nur beigetragen, sondern die Couachi-Pflanze schon lange vorher als Heilmittel gegen Malaria verwendet haben. Die indigene Gemeinschaft wurde sowohl ihres eigenen Wissens beraubt als auch ihrer eigenen Geschichte. Der Fachjurist für autochtone Völker Alexis Tiouka schreibt: »Es ist wichtig, zwischen der Anerkennung der Existenz indigener Völker nach internationalem Recht und der aus der Sicht der indigenen Völker weitaus älteren Existenz und ihrer eigenen Rechtsordnung zu unterscheiden. (...) Das internationale Recht kann nicht die einzige verbindliche Grundlage für die Rechtsordnung der indigenen Völker sein.

Infolge der Beschwerde, die NGOs gegen das IRD einreichten, erklärte das Europäische Patentamt: »Die Nutzung der Erfindung widerspricht weder den guten Sitten noch der öffentlichen Ordnung«, und ließ damit die Existenz alten Wissens und die Verwendung dieser Pflanze in den traditionellen Rezepturen gänzlich unberücksichtigt. Alexis Tiouka fasst zusammen: »Sie sagen damit, dass den indigenen Gemeinschaften das Molekül unbekannt sei (...) So verhält es sich auch mit der Aneignung von Land: Ihr benennt es nicht, ihr besetzt es nicht, also kann es sich der Kolonisator aneignen. Das EPA und das IRD stützen sich auf die ›Terra nullius‹-die (Niemandsland-)Theorie, um sich die Rechte an dem Molekül zu sichern.

Der Begriff der »Entkolonisierung« wurde in den vergangenen Jahren häufig als Aufruf verwendet, um ungleiche Beziehungen, die die westlichen Institutionen mit den dominierten und/oder rassisierten indigenen Gemeinschaften unterhalten, auf eine neue Grundlage zu stellen. Dabei wird die Methode der Aneignung von Wissen sowie materiellem wie immateriellem Erbe der Gemeinschaften dekonstruiert. Damit alten Kenntnissen und traditionellen Praktiken eine neue Grundlage verschafft werden kann, müssen wir anerkennen, dass die Entkolonisierung »keine Metapher« ist, wie Eve Tuck und K. Wayne Yang argumentieren. »Wenn die Metapher die Entkolonisierung überwuchert, tötet sie die Möglichkeit der Entkolonisierung selbst. Sie richtet sie wieder an dem Weißsein aus, rekolonialisiert die Theorie, verlängert die Unschuld des Kolonialisten und untermauert eine kolonialisierte Zukunft.«

Wenn es auch schwierig ist, eine gemeinsame Strategie zu erkennen, die uns erlaubt, eine von kolonialer Herrschaft emanzipierte Zukunft zu imaginieren – besonders im sogenannten Französisch-Guayana – so geben uns die Schlussfolgerungen von Eve Tuck und K. Wayne Yang doch eine Orientierung in Richtung einer »Ethik der Gegensätzlichkeit«, die nicht versucht, die Existenz der Kolonialisten und der indigenen Gemeinschaften auszutarieren. Im Gegenteil, sie appellieren an jene Ethik, damit die »zukünftigen Indigenen« geboren werden können, sobald die Nation der Kolonialisten verschwunden ist: »Die Entkolonisierung bietet eine andere Perspektive als die der Gerechtigkeit auf Grundlage einer humanistischen Annäherung bürgerlichen Rechts, es ist eher eine unbequeme Annäherung als eine vermittelnde. Die Entkolonisierung wird kein ›und‹ sein, sondern ein ›woanders‹«.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld



Ähnliche Artikel

Endlich! (Thema: Alter)

Im Klappstuhl auf dem Bürgersteig

von Mauro Libertella

Über die alten Menschen in Buenos Aires

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Bücher)

Frankreich und Frankofonie

Gudrun Czekalla

Das Handbuch informiert in 133 Artikeln einführend und zusammenfassend über Sprache, Literatur, Kultur und Gesellschaft in Frankreich und den frankofonen Kultur... mehr


Une Grande Nation (Thema: Frankreich)

Vatermörder

von Olivier Roy

Warum ist besonders Frankreich Ziel des islamistischen Terrors? Die Radikalen kommen aus dem eigenen Land

mehr


Toleranz und ihre Grenzen (Bücher)

Studentenaustausch

Gudrun Czekalla

Hoher Pflichtstundenanteil und Anwesenheitspflicht in Frankreich, selbst organisiertes Studium und hohe Eigenverantwortung in Deutschland – wer bereits ein Ausl... mehr


Helden (Was anderswo ganz anders ist)

Das normannische Loch

von Bruno Massot

In Frankreich ist das Essen ja immer ein großes Thema. Ich komme aus Caen in der Normandie, auch dort genießt man gerne mehrere Gänge. Bei festlichen Mahlzeiten auf Hochzeiten und Feiern gibt es die Tradition des „Trou Normand", des normannischen Lochs 

mehr


Une Grande Nation (Thema: Frankreich)

Frei sprechen

von Shumona Sinha

Als Einwanderer lebt man zwischen den Kulturen. In der Sprache aber kann man ein neues Zuhause finden

mehr