Borges statt Tucholsky

von Jeanine Meerapfel

Schuld (Ausgabe II/2019)


Meine Mutter war Französin, mein Vater Deutscher. Sie emigrierten 1937 von Deutschland nach Holland, wo mein Vater als Zigarrenhändler eine Filiale seines Tabakhandels besaß. 1941 flohen sie vor den Nazis nach Argentinien. Das war möglich, weil mein Vater schon in den 1920er-Jahren die argentinische Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Dieser Pass rettete meine jüdische Familie und einige mehr. Ich wurde in Buenos Aires geboren und bin dort glücklich aufgewachsen. Erst ging ich in eine französische Privatschule. Meine Mitschüler dort fand ich hochnäsig und war froh, als ich mit zwölf in eine öffentliche Schule gehen durfte. Ich wurde zu einer patriotischen Argentinierin. Mein Berufswunsch war Journalistin und Schriftstellerin. Meine ersten Gedichte mit sechs Jahren waren Oden an meine Katzen. Ich sprach zu Hause kein Deutsch, sondern Französisch und Spanisch, dann lernte ich Englisch und Italienisch und las alles, was mir in die Hände fiel, besonders lateinamerikanische Literatur. Wenn mein Vater sagte, wie wichtig Tucholsky sei, verwies ich auf Borges und Cortázar.

Nach meinem Abitur nahm mein Vater mich mit auf eine Reise durch Europa und nach Israel. Zurück in Argentinien fing ich als Journalistin bei einer Zeitschrift an. Mit zwanzig war ich schon Chefredakteurin, durfte die tollsten Interviews führen. Eines Tages lernte ich eine Gruppe Deutscher kennen, die an der Hochschule für Gestaltung in Ulm lehrten. Sie erzählten von der neu gegründeten Filmabteilung. Ich hatte schon Drehbuchkurse besucht und interessierte mich sehr für Filmdramaturgie. Ich bewarb mich um ein Stipendium beim DAAD, und ab 1964 studierte ich Film auf dem Ulmer »Kuhberg«, wo die Hochschule angesiedelt war. Die Studenten trugen alle denselben Haarschnitt und ähnliche Kleidung. Zuerst fand ich das fremd, aber bald verstand ich die Haltung. Es war ein Protest gegen die Verkitschung der 1960er-Jahre, gegen diese heimelige Gemütlichkeit, die damals die Bundesrepublik prägte. Wir wollten Intellektualität und Sachlichkeit. Mich interessierte die Komplexität und Mehrdeutigkeit des Bildes; Montage und Suggestion im Film faszinierten mich. Mein Lehrer Alexander Kluge sagte immer: Erzähle über die Dinge, die du kennst.

Als die Hochschule 1968 geschlossen wurde, ging ich mit anderen Ex-Filmstudenten aus Ulm nach Frankfurt und wir arbeiteten in einem Filmkollektiv zusammen. Es entstanden mehrere Filme, darunter »Zwickel auf Byzickel«. Ein Jahr später war ich wieder in Ulm, als Redakteurin bei der Südwest Presse, und leitete den Reiseteil. Ich arbeitete auch an der von Inge Aicher-Scholl gegründeten Ulmer Volkshochschule: Ich hielt Referate über Filmgeschichte. Mit dem Goethe-Institut reiste ich in die USA und nach Lateinamerika und zeigte, was man damals »Frauenfilme« nannte, das heißt Filme von Frauen, von Chantal Ackermann etwa. 1981 kam mein erster Spielfilm »Malou« in die Kinos. Den Stoff zu entwickeln, später die Teamarbeit am Drehort bereiteten mir große Freude. Ich lebte da schon mit meinem Lebensgefährten in Westberlin. Es war eine bewegte Zeit, wir diskutierten nächtelang in Kneipen wie dem »Ax Bax« oder dem »Exil«, träumten von einer besseren Welt.

Das Gedächtnis zu erhalten, das Erinnern, sind Grundhaltungen, die meine Arbeit prägen. Viele meiner Filme handeln von Freundschaft, wie »La Amiga« oder »Amigomío«. Auch »Der deutsche Freund« kann man dazuzählen. Zu der Zeit, als ich diesen Film fertigstellte, fragte mich der damalige Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck, ob ich mir vorstellen könne, seine Nachfolgerin zu werden. Ich war von der Situation der Filmlandschaft ziemlich enttäuscht und hatte die Akademie als stellvertretende Direktorin der Sektion Film und Medienkunst kennengelernt. Ich zweifelte zunächst daran, dass ich gewählt werden würde. Ich bin ja weder Deutsche noch Literatin, Deutsch spreche ich mit Akzent. Doch seit 2015 bin ich Präsidentin der Akademie. Die Arbeit ermöglicht es mir, meine Stimme mit der anderer zu verbinden; die Werte der Aufklärung hochzuhalten; durch Ausstellungen, Lesungen, Theater, Filmvorführungen Erinnerungskultur zu praktizieren und die Diversität unserer Gesellschaft zu zeigen.

Protokolliert von Stephanie von Hayek



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