„La Rosa Náutica“ in Lima

von Alonso Cueto

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Von oben, von der Promenade an der Steilküste Limas, sieht „La Rosa Náutica” wie ein im Nebel schwimmender Palast aus, die Villa eines Seefahrergottes, der Zufluchtsort eines Wesens, das nur auf dem Wasser leben kann. Noch aus einiger Entfernung ist sie ein Ensemble aus Planken, die in den Wellen zu treiben und mit der Wirklichkeit der Erde nur durch eine lange, verschwindende Brücke verbunden zu sein scheinen. Jeder, der sie von oben sieht, wird sie für die Insel eines Gottes halten.

Der ätherische, unpersönliche Eindruck des Ortes schwächt sich nicht ab, wenn man ihm näherkommt. Der Parkplatz, die Brücke, die Eingangshalle, in der man einen großen Seestern sieht, sind keine realen Schauplätze, sondern seltsame Räume, geprägt von salzig-feuchter Luft. Nur hier, von Nahem, verstehen wir, dass mehrere Holzpfeiler das riesige Haus im Wasser tragen. Während wir durch sein Inneres streifen, bevor wir uns an einem der Tische niederlassen, sehen wir durch die Fenster die erleuchteten Körper und Augen der Möwen, die um die Fenster kreisen. Ihre Schreie werden vom Meer erstickt, ihre gelben Schnäbel schillern im Nebel.

„La Rosa Náutica“ im Meer von Miraflores, dem attraktivsten Stadtteil Limas, ist natürlich auch ein Restaurant, in dem Speisen und Getränke auf höchstem Niveau gereicht werden. Aber worin sein Reiz besteht, was es unvergesslich macht, ist der Eindruck, einen Ort im Wasser zu betreten, einen Dachboden, der diese unbestimmte, vom Schlag der Wellen und der Gischt gezeichnete Zone einnimmt, die Zone der Unwirklichkeit, die sich in die köstliche Materie verwandelt hat, in die wir uns hineinbegeben. Wir würden gerne hier verweilen, in der Zeit der Wellen, die sich unter uns überstürzen, im unbeweglichen Raum des Nebels: im Palast des Wassergottes.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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