... wir lernen, nach der Herkunft zu fragen

von Mithu M. Sanyal

Schuld (Ausgabe II/2019)

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Porträt der Autorin Mithu M. Sanyal. Foto: IMAGO / Future Image


„Wo kommst du her?“, fragt Bohlen bei der Casting-Show „Das Supertalent“ ein fünfjähriges Mädchen, das ihm freundlich antwortet: „Aus Herne.“ „Und Mama, Papa?“, hakt er nach und fügt, nur für den Fall, dass sie nicht weiß, worauf er hinauswill, hinzu: „Philippinen, oder?“ Die Kleine schaut ihn verwirrt an. „Die sind auch in Herne.“ Doch das ist keine Antwort, die Deutsch-Dieter akzeptieren kann: „Wo kommt ihr her, aus welchem Land, gebürtig?“ Inzwischen ist das Kind endgültig überfordert. „Ich weiß es nicht.“ Doch das stoppt ihn nicht: „Oma und Opa oder so?“

Typisch für solche Situationen, ist: Die eine Hälfte der Kommentatoren ist entsetzt, während die andere Hälfte nicht versteht, was das Problem sein soll: Er hat es doch nur nett gemeint. Und das müssen wir ernst nehmen. Beides. Anscheinend reichen Artikel und Bücher und Radiofeatures über die Gretchenfrage für Menschen, die niemals für die Rolle des Gretchens in einer Faust-Inszenierung ausgewählt würden, nicht aus. Da muss jetzt das Bildungssystem ran. Denn es stimmt ja, dass die meisten Menschen es nett meinen. Doch es stimmt ebenso, dass es kein Zeichen von großer emotionaler Intelligenz ist, die Abgründe, die diese Frage aufreißt, zu ignorieren.

Denn das Problem ist nicht einmal in erster Linie, dass Menschen wie ich mit dieser Frage verbal ausgebürgert werden, sondern dass uns dadurch noch etwas viel Basaleres als Zugehörigkeit genommen wird. Die Philosophin Ann Cahill erklärt: „Menschen sind poröse Wesen.“ Das bedeutet, dass wir nicht eine Identität haben, die wir suchen und irgendwo finden können, sondern, dass wir nur im und durch den Kontakt zu anderen Menschen zu uns werden. So verlieren Menschen in Isolationshaft die Fähigkeit, Gegenstände objektiv wahrzunehmen: Die Wände beginnen zu pulsieren, eine Wasserflasche auf dem Tisch kann nicht mehr problemlos gegriffen werden. Und das nach erschreckend kurzer Zeit.

Um dieses Ich auszubilden, brauchen wir nicht nur, dass andere Menschen um uns herum sind, sondern dass sie uns offen fragen: Wer bist du? Nichts anderes bedeutet die Frage: Wo kommst du her? Und es sollte jedem klar sein, dass es das Gegenteil von offen ist, fünfjährige Kinder vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern so lange zu bedrängen, bis sie eine Antwort geben. Aber diese Frage wird doch auch weißen Deutschen gestellt, oder? Richtig! Doch wenn die antworten: aus Herne, folgt nicht: Und Mama, Papa? Dabei könnten sie genauso einen Elternteil aus England haben oder aus Schweden oder aus Weißistan. Denn Weiße dürfen ihre Identität selbst definieren. Ich hatte mal eine weiße Freundin, die sagte, sie sei Griechin, weil sie Griechenland so liebte. Und ich beneidete sie heiß, weil ich nicht einmal sagen konnte: Ich bin Deutsche. Oder Inderin. Weil ich keinen Zugriff auf diese Selbstverständlichkeiten hatte. 

Und jetzt kommt der schmerzhaftere Part: Es ist übrigens genauso beklemmend, wenn Freundinnen mir ungefragt stecken, dass ich total deutsch bin. Das lässt mir genauso wenig Raum, durch ihren wohlwollenden Blick zu mir zu werden. Und in diesen Zeiten, die so besessen von Herkunft sind, ist dies ein wichtiger Marker unserer Identität, wenn auch nur, weil wir uns ständig daran abarbeiten müssen. Vor Kurzem brauchte mein Sohn für eine Behördenangelegenheit meine Geburtsurkunde. Danach kopierte er sie und zeigte sie allen seinen Freunden: Seht, meine Mutter ist wirklich Inderin. Seht diesen Teil meiner Geschichte. Deshalb ist nicht zu fragen nicht die Lösung. Aber wir müssen offenes Fragen lernen. An der Schule! Ein Beispiel für eine offene Frage ist: Was ist deine ethnische Herkunft und was bedeutet sie für dich?



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