Eifersüchtige Berge

von Kararaina Te Ira

Oben (Ausgabe I/2019)


In Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolken, wie wir Maori unsere Heimat Neuseeland nennen, sind Berge weit mehr als nur Ausreißer im Relief. Sie sind wichtige geografische Markierungen und fester Bestandteil unserer Kultur. Berge waren die Grundlage der Maori-Astronomie: Lange vor GPS und anderen modernen Vermessungstechniken konnten wir mit ihrer Hilfe Höhenverhältnisse verstehen. Deshalb ranken sich in der Mythologie poetische, personifizierte Erzählungen um die Entstehungsgeschichten der Berge. Laut dem Maori-Wissenssystem Whakapapa, das die Existenz von allem und jedem in der Welt erklärt, wurden die Gipfel von der Urahnin Hine-Tupari-Maunga erschaffen. Eine dieser Erzählungen geht so: Auf der Nordinsel von Aotearoa bilden mehrere Vulkane die Kahui-Bergkette. Einer dieser Berge ist der Sage nach weiblich und heißt Pihanga. Pihanga ist bekannt für ihre Schönheit. Sie trägt ein Kleid in Schattierungen von Grün und Braun, aus Büschen, Gräsern und Bäumen. Zwei weitere der Kahui-Berge gelten als die Brüder Tongariro und Ruapehu, die einst beide um Pihangas Gunst rangen. Ein erbitterter Kampf zwischen den Brüdern brach aus. Tongariro, der größte Berg des Plateaus, wurde schließlich so wütend auf seinen Bruder, dass er seine eigene Bergspitze wegpustete. Doch sein Opfer lohnte sich: Er ging als Sieger aus dem Wettkampf hervor, auch wenn sein Bruderberg Ruapehu ihn seitdem an Höhe übertrifft. Tongariro erlangte Pihangas Hand, an deren Seite er heute noch steht, stolz und gipfellos. Dank dieser Erzählungen kennen alle Maori die Topografie ihrer Heimat von Kindesbeinen an.

aus dem Englischen von Annalena Heber



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